Tupac zum 20. Todestag : Heiliger Gangster

Tupac Shakur hat oft über seinen eigenen Tod gerappt. Mit 25 wurde er erschossen. Dann, nach 1996, stieg er zur Legende auf – das zeigen allein 75 Millionen verkaufte Alben.

von
Tupac Shakur, 1971-1996
Tupac Shakur, 1971-1996Foto: picture-alliance/ dpa

Es ist in der Nacht des 30. November 1994, als der Rapper Tupac Shakur in seinem bis dahin sowieso unruhigen, nicht zuletzt von einigen kriminellen Turbulenzen geprägten Leben erstmals eine sehr direkte Begegnung mit dem Tod hat. Er befindet sich gerade in der Lobby der Quad Recording Studios am New Yorker Times Square, zusammen mit drei Freunden, sie wollen den Fahrstuhl nach unten nehmen, und plötzlich stehen vor ihnen drei Männer mit Waffen und fordern sie auf, sich auf den Boden zu legen.

Tupac weigert sich, muss Schmuck im Wert von 4000 Dollar, den er – warum auch immer – mit sich führt, und seine Rolex abgeben, gerät in eine Rangelei, stürzt. Nachdem einer der Männer auf ihn zeigt und „shoot that motherfucker“ ruft, wird auf Tupac eingetreten, eingeschlagen und fünf Mal geschossen, darunter einmal in den Kopf. Er überlebt nach einer Operation, verschwindet drei Stunden später aus dem Krankenhaus und erscheint tags darauf sogar, im Rollstuhl sitzend, in einem Gerichtssaal. Nach der Anklage wegen der Vergewaltigung einer 19-Jährigen erwartet ihn an diesem 1. Dezember das Urteil. Später wird er in einem Interview mit dem „Vibe“-Magazin sagen, da sitzt er schon im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses von Rikers Island, nicht einen einzigen Gedanken an den Tod verschwendet zu haben. Und: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Meine einzige Angst ist, wiedergeboren zu werden.“

Ich gegen die Welt, so hieß eines seiner Alben

Fast zwei Jahre später, in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1996, nach dem Besuch eines Boxkampfes von Mike Tyson gegen Bruce Selden im MGM Grand Hotel in Las Vegas, ist Tupac Shakur abermals das Ziel eines Mordanschlags. Er sitzt im schwarzen BMW 750i seines Labelchefs Marion „Suge“ Knight auf dem Beifahrersitz, als neben ihnen an einer Kreuzung ein weißer Cadillac mit vier Männern hält und daraus 13 Schüsse aus einer halbautomatischen Pistole abgefeuert werden.

Tupac Shakur stirbt knapp eine Woche darauf an den Folgen seiner schweren Verletzungen im Alter von nur 25 Jahren. „Live by the gun, die by the gun“, hieß es auf einem riesigen Tupac-Wandgemälde, das nach seinem Tod lange im New Yorker East Village hing. Und wirklich: Es hat wohl in der Geschichte der Popmusik keinen frühzeitigen Tod eines Musikers gegeben, der unabhängig von einem übermäßigen Drogenmissbrauch zu einer solcherart sich selbst erfüllenden Prophezeiung wurde wie der Tod von Tupac Shakur.

„If I Die 2Nite“ heißt ein Stück auf Tupacs Album „Me Against The World“, das ein paar Monate nach dem ersten Anschlag auf ihn im Frühjahr 1995 herauskommt und ihn zum Hip-Hop-Superstar macht. „If I Die 2Nite /Never Fear, Never Will I Fear“, rappt Tupac – Wenn ich heute Nacht sterbe, habe ich keine Angst, niemals. Ein anderes seiner Stücke heißt „Only God Can Judge Me“ – Nur Gott kann über mich richten. Auch in dem Video zu dem Song „I Ain’t mad at cha“, das er ein halbes Jahr vor seinem Tod aufgenommenen hat, imaginiert er sich als Toter im Himmel, wo er andere frühe Pop-Tote wie Jimi Hendrix oder Janis Joplin trifft.

Außerdem herrscht Krieg, jedenfalls in den Vierteln der Schwarzen, in den Ghettos US-amerikanischer Innenstädte, in Compton, L. A., in Corktown, Detroit, in Teilen von Brooklyn oder der Bronx in New York City. Schwarz gegen Weiß, aber gerade auch Schwarz gegen Schwarz, in Form von Bandenkriegen wie zum Beispiel dem der „Crips“ und der „Bloods“ in South Central Los Angeles.

"Keepin it real" hieß Tupacs oberste Devise

Seit mehr als anderthalb Jahrzehnten, seit Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre, bildet der Hip-Hop diese Zustände ab. Hip-Hop ist zum bevorzugten musikalischen Ausdrucksmittel der afroamerikanischen Bevölkerung der USA geworden, zum „CNN der Schwarzen“, wie es der Public-Enemy-Rapper Chuck D. genannt hat. Nicht wenige Hip-Hop-Stars waren in ihrem früheren Leben Drogendealer und Kleinkriminelle, oft aus kaputten Familien stammend, und erzählen davon nun in ihren Tracks. Der Gangster-Rap wird zum Genre, zunächst an der Westküste mit der Band N. W. A. (Niggaz Wit Attitudes), dann an der Ostküste. „Keepin It Real“ ist die Formel dafür, das ultimative Hip-Hop-Mantra (im Übrigen bis heute), eine Art Echtheitszertifikat. Es steht gleichermaßen für das Gangster-Leben, den Gangster-Rap wie für das Erzählen der Umstände, der vielen tragischen, dass einer zum Gangster geworden ist.

Der Krieg auf den Straßen, in den Vierteln der Schwarzen, er wird nun ersatzweise auch in den Lyrics ausgefochten: mittels gegenseitiger Beschimpfungen, Beleidigungen, Drohungen, gerade zwischen den Rappern der West- und der Ostküste. Klar, das hat symbolischen Charakter, man denke an die vielen Pistolenschüsse in den Songs, die Kämpfe, die Gang-Bangs, das sexistische Getue, Gestöhne. Der Kampf der Schwarzen gegen die Schwarzen wird in den Stücken nachgespielt, die rassistischen Repressalien durch die in der Regel weiße Polizei, der Alltagsrassismus der weißen Umgebung. Nur bekommt diese symbolische Ebene an dem Tag eine höchst reale Wendung, an dem in New York die lebensgefährlichen Schüsse auf Tupac fallen und dieser gezielt die Schuldigen und Drahtzieher benennt: den Ostküstenrapper Notorious B.I.G. alias Biggie Smalls, bürgerlich Christopher Wallace, ein guter Bekannter, bislang ein Freund von Tupac. Und dessen Mentor Sean „Puffy“ Combs, bekannt als Puff Daddy, Chef des Ostküsten-Hip-Hop-Labels Bad Boy Records. Dieses kämpft auf dem Popmarkt mit Knights Death-Row-Label um die ästhetische wie ökonomische Vorherrschaft im Hip-Hop. Tupac stößt allerdings erst mit seinem vierten Album „All Eyz On Me“ zu Death Row; Verbindungen jedoch hatte es schon gegeben, nicht zuletzt hat ihn Knight gegen eine Kaution aus dem Gefängnis auf Rikers Island geholt.

1994 wurde er wegen Vergewaltigung verurteilt

„Thug Life“, Ganovenleben: So stand es auf einer Tätowierung quer über seinem Bauch, so nannte Tupac zwischenzeitlich auch eine Band, mit der er das Album „A Thug’s Life“ aufnahm – allein qua Biografie verkörperte er überzeugend, was er sang. Doch diese Biografie kennt zudem andere Züge, kämpferisch politische, es gibt da nicht nur die Blut- und Baller-Lyrik.

Auf die Welt kommt Tupac am 16. Juni 1971 als Sohn der im Mai dieses Jahres verstorbenen Black-Panther-Aktivistin Afeni Shakur und eines Vaters, den er erst spät kennenlernt. Auch sein Großvater war bei den Black Panthers. Zwischen zwei Gefängnisaufenthalten gebar Afeni Shakur ihren Sohn, der bürgerlich Lesane Parish Crooks heißt, sie benennt ihn nach dem Anführer eines Inka-Aufstands im Peru des 18. Jahrhunderts um. Afeni wird bald nach seiner Geburt aus der Black Panther Party ausgeschlossen, sie gerät an Drogen, insbesondere Crack. Nach vielen Wohnungswechseln innerhalb New Yorks zieht sie mit ihrem Sohn und dessen Halbschwester Sekyiwa erst nach Baltimore, dann nach Marine City, Kalifornien. Während Tupac später die Zeit in Baltimore, wo er die School For Performing Arts besucht, als die glücklichste seines Lebens betrachten soll – Schauspieler zu werden ist sein Berufstraum –, rutscht er in Kalifornien ins Drogenmilieu ab, mit all den Folgen, die das hat, von Schlägereien bis hin zu ersten Erfahrungen im Gefängnis. Andererseits begleitet er eine Aktivistin bei deren Hip-Hop-Workshops in den Schulen armer, von Schwarzen und Latinos bewohnter Stadtviertel – und beginnt Ende der achtziger Jahre selbst zu schreiben, zu tanzen und zu rappen, zunächst als Mitglied der Hip-Hop-Gruppe Digital Underground.

„2pacalypse now“ heißt sein eigenes erstes Album, das 1991 herauskommt. Ähnlich wie das N.W.A-Album „Straight Outta Compton“, das 1988 erschienen war, erzählt Tupac in Stücken wie „Young Black Male“, „Rebel of the Underground“ oder „Brenda’s Got A Baby“ von Armut, Rassismus und Polizeigewalt – so direkt, so hintersinnig, dass es ein Jahr nach Veröffentlichung von Amerikas damaligem Vizepräsidenten Dan Quayle verboten wird.

Nach seinem Tod erschienen mehr Alben von Tupac als zu Lebzeiten

Was in den nächsten gerade einmal vier Jahren bis zu Tupacs Tod folgt, aber auch in der Zeit danach, ist in der Rap-Geschichte beispiellos. „There’s two niggas inside me“, hat Tupac einmal gesagt, und der eine von diesen beiden wird zum erfolgreichsten Rapper der mittleren neunziger Jahre, mit seinen mehrfach platinveredelten Alben „Me Against The World“ und „All Eyez on Me“ und dem kurz nach seinem Tod veröffentlichten „The Don Killuminati: The 7 Day Theory“. Zudem spielt er die Hauptrolle in diversen, nicht zuletzt wegen seiner schauspielerischen Leistung hochgelobten Filmen, unter anderem John Singletons „Poetic Justice“ und dem Basketballfilm „Above The Rim“. Tupac Shakur ist der Künstler, der auch erzieherische Zwecke verfolgt, seiner Mutter Liebeslieder widmet, „Dear Mama“, einen seiner großenHits, der die Kids auf den richtigen, gewaltlosen (Ausbildungs-)Weg zu bringen versucht, der identitätsstiftend sein will.

Der Rapper, der gleichzeitig nur zu gut um seine Zerrissenheit weiß, um den anderen in ihm steckenden „Nigger“: den mit der verschlungenen Biografie, der ohne Rücksicht auf andere um sein Überleben kämpfen will und muss, der nie weiß, wer Freund, wer Feind ist, der zu Paranoia und Gewaltausbrüchen neigt. Die Titel seiner Alben sind selbsterklärend. „Makaveli“ ist der Künstlername, den er für das kurz nach seinem Tod veröffentlichte Album wählt. All das steht seiner Authentizität natürlich nicht im Weg, steigert sie ins sprichwörtlich Überlebensgroße, macht ihn umso glaubwürdiger.

Immer wieder ist Tupac in Auseinandersetzungen verstrickt. Er prügelt sich mit dem Fahrer einer Limousine, mit einem Rapper auf offener Bühne, der ihn angeblich beleidigt hat. Er schießt in Atlanta auf zwei Polizisten, weil diese einen schwarzen Motorradfahrer rassistisch angegangen sind. Mehrmals landet er wegen solcher Attacken im Gefängnis. Zu vier Jahren Haft wird er wegen der Vergewaltigung einer 19-Jährigen verurteilt, einen Tag nach dem Angriff auf ihn in den Quad Recording Studios.

Für Kendrick Lamar und Anderson .Paak ist er der Größte...

Weniger handgreiflich, also real, dafür umso folgenreicher sind seine Anklagen in Richtung der Rap-Kollegen Puff Daddy und Notorious B.I.G., den versuchten Mord an ihn in Auftrag gegeben zu haben. Immer wieder weist er in Interviews darauf hin. Richtig massiv wird er in dem Song „Hit’ em Up“, in dem er seinerseits zur Rache, gar zum Mord an den Bad-Boy-Hip-Hop-Künstlern aufruft: „All you niggaz getting killed with your mouth open“ – All ihr Nigger werdet getötet, euer Mund steht offen. Oder „We are the realest / Fuck’em / We’re Bad Boy Killaz“, Wir sind die Echtesten / Scheiß auf sie, wir sind die Mörder von Bad Boy. Natürlich ist das primär Rap-Rhetorik, das Spielen mit, das Schlüpfen in eine Rolle. Einmal betont Tupac in dem Stück jedoch, dass das nun kein „Freestyle Battle“ mehr sei, sondern ernst. Ein paar Monate später ist er tot.

Die Rache dafür lässt tatsächlich nicht lange auf sich warten: Ein halbes Jahr nach den Schüssen in Las Vegas wird der schwergewichtige Notorious B.I.G. in der Nacht vom 9. auf den 10. März ebenfalls bei einem sogenannten Drive-By-Shooting in Los Angeles erschossen. Er hatte nach einer Party des Musikmagazins „Vibe“ auf dem Beifahrersitz eines Geländewagens gesessen, als Schüsse aus einem vorbeifahrenden Auto auf ihn abgeben wurden. Wie der Mord an Tupac ist dieser Fall nie aufgeklärt worden. „Life After Death ...Till Death Do Us Apart“ hieß das letzte, noch zu Lebzeiten eingespielte Album von Notorious B.I.G.

...Kanye West hält ihn für überbewertet

Das Leben nach dem Tod hat es jedoch vor allem mit Tupac Shakur sehr gut gemeint. Fünf weitere Alben erschienen von ihm posthum, was den britischen „Guardian“ Tupac als „die fleißigste Leiche im Pop-Geschäft“ bezeichnen ließ. Bis heute hat er 75 Millionen Alben verkauft, den Großteil davon nicht zu Lebzeiten. Über viele Jahre hatte seine Mutter Afeni sich mit der Hilfe mehrerer Anwälte die Rechte am Werk ihres Sohnes zurückerstritten, darunter von über 150 Stücken, die der inzwischen wegen einer Mordanklage im Gefängnis sitzende Marion „Suge“ Knight lange nicht herausrücken wollte. Natürlich gab es, wie bei so vielen Pop-Toten von Elvis bis Michael Jackson, immer wieder Zweifel an Tupac Shakurs Tod sowie Verschwörungstheorien, dass er diesen nur inszeniert habe.

Wichtiger aber ist: Noch heute, zwanzig Jahre später, beruft sich eine ganze Generation von jungen Rappern auf seine Figur und sein Werk. Kendrick Lamar veröffentlichte auf seinem Album „To Pimp A Butterfly“ als Outro ein imaginäres Gespräch mit Tupac und erzählt darin unter anderem, wie aufregend, voller unbeschreibbarer Gefühle es gewesen sei, als er diesen im Alter von acht Jahren erstmals gesehen hatte. Später ergänzte Lamar noch, damit geliebäugelt zu haben, das Album „Tu Pimp a Catterpillar“ zu nennen, darin abgekürzt der Name von Tupac.

„Er war unser Anführer“ erinnerte sich vor Kurzem auch Anderson .Paak (sic!), als er nach seinen All-Time-Favourites gefragt wurde. „Ich und mein älterer Bruder waren besessen von ihm.“ Als Nummer eins gilt für ihn Tupacs „Keep Your Head Up“. Und der kanadische Rap-Superstar Drake wiederum, der in einem seiner Stücke gestand, dass er nicht geweint habe, als Tupac starb, musste erklären, dass er diesen keinesfalls dissen wollte, sondern anders als der damals elfjährige Anderson .Paak und der achtjährige Kendrick Lamar als Neunjähriger nichts mit Tupac anfangen konnte. Nur Kanye West mochte in seinem eigenen Größenwahn keine Gunstbeweise abgeben und bezeichnete Tupac 2014 in einem Gespräch als den „überschätztesten Rapper der Geschichte“.

Ob Tupac wirklich der beste war? Sicher nicht. Schon damals gab es Hip-Hopper mit geschmeidigeren Reimen, einem besseren Flow, auch besseren Beats, gerade an der Westküste. Tupacs Alben, das hört man gerade mit dem zeitlichen Abstand, klingen rau, wenig anbiederisch, old-school. Ob er der härteste war? Wer weiß. Ganz sicher war er einer der einflussreichsten, die Widersprüche eines schwarzen Künstlers, eines Rap-Künstlers zumal, am besten ausbalancierende – bis zum Absturz, bis zum Hip-Hop-Krieg, als aus den Reimschlachten finstere Realität wurde. Der frühe Tod ist vermutlich die einzige Konsequenz dieses Lebens, dieser Überlebensgröße von Tupac gewesen. Eine Wiedergeburt wäre wirklich keine Option.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben