Umgangsformen : Schaut mir in die Augen, Berliner!

Warum geizen die Menschen in dieser Stadt so mit ihren Blicken, fragt sich unsere Autorin und stellt die kaltschnäuzigen Berliner auf die Probe. Eine Kolumne.

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Tunnelblick. Auch während einer U-Bahn-Fahrt bleibt der Berliner lieber unbemerkt.
Tunnelblick. Auch während einer U-Bahn-Fahrt bleibt der Berliner lieber unbemerkt.Foto: imago/Danita Delimont

Kommt mir nicht mit der Anonymität der Großstadt. Anderswo geht es doch auch: In Hamburg nicken einem Entgegenkommende beim Alsterspaziergang höflich zu. In Köln mustern einen Wildfremde unverhohlen, um dann heiter draufloszuquatschen. Warum nur geizen in Berlin die Menschen so mit ihren Blicken? Als ich hierherzog, hat mich das einige Male sehr gekränkt. Ich stehe am Alexanderplatz und schenke einem Vater ein Lächeln, der zum dritten Mal denselben Witz von seinem Sohn erzählt bekommt. Statt dass er zurücklächelt, zieht er den Jungen fort, um nicht weiter belauscht zu werden. Ich fühle mich vor den Kopf gestoßen: Gib mir mein Herz zurück, du brauchst meine Liebe nicht!

Tage später holt mich auf der Straße ein junger Mann ein. Als ich ablehne, ihm meine Nummer zu geben, sagt er wütend: „Wieso hast du mich dann eben im Bus angesehen?“

Welch schrecklicher Krampf ist das, während einer mehrminütigen Fahrt jeglichen Blickkontakt zu vermeiden, wenn man zu viert auf einem Quadratmeter sitzt? Und welch vertane Chance auf ein bisschen Zwischenmenschlichkeit – gerade dort, wo sich Massen bewegen. „Ein Auge winkt, die Seele klingt“, schreibt Kurt Tucholsky in seinem Gedicht „Augen in der Großstadt“. Die Pupille ist das Tor zum Innersten. Ist es das, wovor ihr Angst habt, ihr kaltschnäuzigen Berliner? Dass ihr enttarnt werdet als fühlende Wesen? Vielleicht, habe ich manchmal gedacht, ist der Tunnelblick eine Reaktion auf das viele Elend, das einem hier im öffentlichen Raum begegnet. Was ich nicht sehe, dafür muss ich keine Verantwortung übernehmen.

Smartphones machen es einfach, sich der Welt zu entziehen

Irgendwann aber fing ich an, den Fehler bei mir zu suchen. Hatte mich mein Beruf indiskret gemacht? Dann ging ich wieder durch Hamburg. Unbekannte grüßten mich, und ich schwor mir: Berliner, ich will nicht werden wie ihr. Ich will sehen und gesehen werden. Und ich fordere euch heraus: Schaut mir in die Augen!

Oh, diese Smartphones machen es ja so verdammt einfach, sich der Welt zu entziehen. Ein Zwanzigjähriger, eine Endvierzigerin – keine Chance. Ihre Blicke kleben auf dem Display. Ich beobachte sie aufmerksam. So gelingt es mir immerhin, auch Umstehende dazu zu bringen, sie anzustarren, die wohl meinen: Wenn die so glotzt, muss es einen Grund geben. Da schwenke ich um auf einen blassen Mann, der peinlich berührt den Kopf abwendet, aus dem Fenster sieht, aber – erwischt! – da lauere wieder ich, Blicke über Bande, die Spiegelung in der Scheibe. An der nächsten Station steigt er aus, und ich sehe, dass er bloß den Waggon wechselt.

„Kennen wir uns?“, fragt eine blondierte Frau mit weißer Steppjacke. Ich verneine, sie guckt irritiert. Dann dreht sie mir den Rücken zu, sodass sich an diesem Zustand vorerst auch nichts ändern wird.

Nur ein älterer Herr hält meinem Blick stand

Fast alle sehen sofort weg. Das Muster der Polsterbank, selbst die eigenen Knie scheinen eines Blickes würdiger als ich. Wie schade. Andere reagieren gereizt. „Was ist?“, fragt ein Punk unwirsch. „Noch nie einen Iro gesehen?“ Es ist der Beginn einer interessanten Reihe: „Noch nie ein Piercing gesehen?“ – „Noch nie ein Tattoo gesehen?“ – „Noch nie einen Türken gesehen?“

Ein älterer Herr hält meinem Blick stand. Lächelt. Lächelt länger. Legt den Kopf schief. Seufzt tief und hörbar. „Sie erinnern mich daran, wie meine Frau jung war. Sie hat auch immer so gelächelt“, sagt er. Macht eine Pause. Plötzlich schimmert es wässrig in seinen Augen. „Sie erkennt mich nicht mehr.“ Ich sage nichts, sehe ihn nur weiter an, er sieht zurück. Es ist ein trauriger Moment, aber einer fürs Schatzkästchen. Zwei Seelen klingen.

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