Umweltaktivistin Maude Barlow : „In Hongkong war das Tränengas schlimm“

Man nennt sie Al Gore des Wassers: Maude Barlow streitet für bolivianische Bauern und mit kanadischen Polizisten. Und eine Flasche Wasser rührt sie nur im Notfall an

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Die kanadische Umweltaktivistin Maude Barlow (69), Mitbegründerin von "Blue Planet Project"
Die kanadische Umweltaktivistin Maude Barlow (69), Mitbegründerin von "Blue Planet Project"Foto: Mike Wolff

Mrs. Barlow, dürfen wir Ihnen ein Glas Wasser einschenken? Wir haben verschiedene Flaschen mitgebracht...

Ich trinke doch nur Leitungswasser. Das in Deutschland hat immer sehr gut geschmeckt.

Nehmen wir an, Sie müssten sich entscheiden. Es gibt drei Marken zur Auswahl: „Spreequell“ hier aus der Region, „Bonaqua“, ein Produkt von Coca Cola, und „Vittel“ aus dem Hause Nestlé.

Na gut, dann am ehesten das regionale. Aber nur, um die örtliche Wirtschaft zu unterstützen. Bonaqua oder Vittel, das macht keinen großen Unterschied – obwohl wir uns bei unserer Arbeit auf Nestlé konzentrieren. Zu denen gehören mehr als 70 Marken. Das sind aggressive Wasserjäger. Wie früher die Bergbauunternehmen gehen sie zu lokalen Quellen, pumpen dort für lächerlich wenig Geld das Wasser ab, und wenn es irgendwann nichts mehr gibt, verschwinden sie wieder. Warum sollte überhaupt jemand hierzulande Wasser aus der Flasche trinken? Das aus der Leitung ist auch sauber und gesund – und viel billiger.

Sie stehen seit 1988 an der Spitze des „Council of Canadians“, der größten Bürgerrechtsorganisation Ihres Landes. Heute nennen Sie manche „Al Gore des Wassers“. Wie kamen Sie zu diesem Thema?

Es begann, als ich mich mit der Globalisierung beschäftigte und durch die Welt reiste. Ich habe gemerkt, dass in vielen Ländern des Südens Frauen kilometerweit laufen müssen, um Wasser herbeizuschaffen. Mit einem Preisgeld habe ich mal dafür gesorgt, dass ein Dorf in Bolivien, nördlich von La Paz, ans Wassersystem angeschlossen wurde. Eine Frau nahm mich mit und zeigte mir einen Bach am Ende eines langen, steilen Hügels. Sie sagte: Beim Wasserholen von dort unten sind jedes Jahr Frauen gestorben, nun wird das nicht mehr passieren. Ein wundervoller Moment.

2010 gelang Ihnen und Ihren Mitstreitern ein Erfolg: Die Generalversammlung der Vereinten Nationen erkannte den Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitärversorgung als Menschenrecht an. 900 Millionen Menschen bleibt dieses Recht weiter verwehrt. Was nutzt denen ein Uno-Papier?

Es gibt ein Folterverbot, und trotzdem existiert Folter. Klar ist, dass sich die Situation gerade in ärmeren Ländern nicht über Nacht verändern lässt. Aber jeder Staat ist verpflichtet, einen Plan zu entwickeln, und dann kann es auch finanzielle Unterstützung von der Uno geben. Was das Trinkwasser angeht, so sind die Zahlen der Vereinten Nationen besser als vor fünf Jahren. Sie behaupten sogar, es habe einen Durchbruch gegeben. Ich bin da skeptischer. Manche Länder verlegen einfach eine Leitung in eine Gemeinde und behaupten dann, damit hätte sich das Problem für alle Menschen im Umkreis erledigt. Vielleicht ist die Leitung aber dreckig oder das Wasser zu teuer.

Sie schreiben, im Westen sei es eine Mode geworden, immer eine Wasserflasche dabei zu haben.

Neulich hatte ich eine Veranstaltung an einer Schule. Danach kam ein 12-Jähriger auf mich zu und sagte: Ich verstehe, was Sie meinen, aber was machen Sie, wenn Sie plötzlich durstig sind und kein Wasser dabei haben? Ich habe ihm geantwortet: Es gab einmal eine Zeit, da sind die Menschen ohne Wasser aus dem Haus gegangen und trotzdem nicht verdurstet. Oder man füllt Leitungswasser in eine Thermoskanne und nimmt die mit.

Wo bleibt da der Genuss? Manchem schmeckt das eine Wasser eben besser als das andere.

Ich genieße das Leben auch. Aber alleine der Müll! Selbst hier in Europa sehe ich fast nur noch Plastikflaschen. Wenn Sie all die Wasserflaschen, die vergangenes Jahr verkauft wurden, in einer Kette aufreihen, würde diese 65 Mal zum Mond reichen und wieder zurück. Um eine Plastikflasche zu produzieren, braucht man Öl, etwa so viel, wie in ein Drittel der Flasche passt. Und da ist die Energie, das Wasser vielleicht um die halbe Welt zu verschiffen, noch gar nicht eingerechnet.

Peter Brabeck-Letmathe, Präsident des Verwaltungsrats von Nestlé, argumentiert, dass zum Beispiel in den USA für Wasser in Flaschen nur 0,004 Prozent des Süßwassers verwendet werden – das ist viel weniger als Industrie oder Landwirtschaft verbrauchen.

Im Vergleich hat er damit sicher recht. Aber wenn Nestlé in Ihrer Gemeinde das Wasser abpumpt, wie das in Kanada oft passiert, ist das kein Trost. Nimmt Ihnen jemand Ihr Blut, dann nutzt Ihnen die Tatsache, dass es in der Welt noch viel mehr Blut gibt, auch nichts. Außerdem werden die Zahlen, die Brabeck da nennt, bald veraltet oder sogar irrelevant sein. China ist in den vergangenen Jahren ein Riesenmarkt für Wasser in Flaschen geworden, in immer mehr Ländern entdecken die wohlhabenderen Schichten Flaschenwasser für sich. Und das ist nur ein Teil des Problems. Brabeck ist, unter anderem als Berater der Weltbank, einer von denen, die die Privatisierung von Wasser vorantreiben, zum Beispiel in Staaten wie Nigeria oder Pakistan.

Was stört Sie daran?

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