Ungewöhnliche Tiere in Brandenburg : Unter Landstreichlern

Die Wildnis ist nur wenige Kilometer von Berlin entfernt. In Brandenburg leben Indische Hutaffen, Bären, Alpakas und Strauße. Wie nah kann man ihnen kommen? Eine Expedition.

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Joachim Kuntzagk bei seinen Alpakas.
Joachim Kuntzagk bei seinen Alpakas.Foto: Julia Prosinger

Gerade noch rechtzeitig ausgewichen. Der Spucke entkommen. Da spitzt Pedro erneut die Lippen, legt den Kopf zurück, den Unterbiss frei, fixiert sein Opfer.

Pedro spuckt gern, er ist schließlich der Wächter der Herde, hier in Nauen, Ortsteil Börnicke, auf einer Weide direkt an der B 273. Die Alpakas haben sich an das Hintergrundrauschen der Autos gewöhnt und auch an den Anblick des betonfarbenen DHL-Frachtzentrums gegenüber. Sie tragen ihre Fellköpfe auf langen Hälsen durch die Gegend, als wäre das hier ihr Heimatland Peru.

Nicht nur sie hat es nach Brandenburg verschlagen. Asiatische Wasserbüffel prusten neben jordanischen Kamelen, texanische Wüstenbussarde fliegen über sibirische Bären. Indische Hutaffen pinkeln hinter australische Emus.

Wen interessiert es, ob hier wieder ein paar Wölfe leben? Die ganze Welt ist zu Gast in Brandenburg. Zeit für eine Entdeckungstour. Zeit, sich Brandenburg zu erstreicheln.

Ein Alpaka liebt Knäckebrot, das andere kraulende Hände

Auf der Alpakafarm in Börnicke stehen gerade 13 Tiere auf der Weide, und glaubt man Joachim Kuntzagk, dem Besitzer, hat jedes seinen eigenen Charakter. Grit lässt sich stundenlang kraulen, Gisell ist die Leitstute, Ornella reißt einem das Knäckebrot nur so aus der Hand, Alisha bleibt auf Abstand. Und Pedro, na klar, steht wieder spuckbereit da. Nora Kuntzagk weist ihn zurecht. 45 Jahre lang war sie Pflegerin im Tierpark Friedrichsfelde, betreute dort alle sechs Kamelarten, Alpakas sind eine davon. Als die Kuntzagks dann raus aus Berlin zogen und in Sichtweite ihres neuen Hauses die leere Wiese vorfanden, dachten sie: Das muss man doch ausnutzen.

„Alle Kamele spucken, am meisten die zweibeinigen“, sagt Joachim Kuntzagk und pflückt ein paar Heuhalme aus Pedros Fell. Er hat sich über die Jahre ein richtiges Repertoire an Kamelsprüchen zugelegt.

Brandenburger Wildnis
Vielen dieser Tiere kann man als Besucher sehr nahe kommen. Zeit, sich Brandenburg zu erstreicheln.Weitere Bilder anzeigen
1 von 43Foto: Sebastian Leber
30.08.2016 08:47Die Wildnis ist nah. In Brandenburg leben Alpakas, Kängurus, Emus...

Mehrfach die Woche kommen Besuchergruppen. Auch Erwachsene. Wonach suchen die? Joachim Kuntzagk überlegt kurz. „Im Endeffekt wird gekuschelt.“ An Hals und Kinn werden die Tiere am liebsten gestreichelt. Weil sie so nahbar und, von Pedro abgesehen, unkompliziert sind, werden sie zu Therapiezwecken eingesetzt. Regelmäßig bringt Kuntzagk eines in ein Charlottenburger Altenheim, dort darf es sogar auf die Zimmer. Wenn es mal muss, macht es in einen Eimer. Alpakas sind stubenrein. Auf der Weide haben sie eine Mulde zur Klostelle erkoren.

Liegt es am Bedürfnis nach Nähe?

Inzwischen finden sich in Brandenburg Dutzende Alpakafarmen. Es scheint ein Bedürfnis nach Nähe zu geben. Die Kuntzagks werben mit dem Alleinstellungsmerkmal: „die 1. im Havelland“. Man kann die Tiere auch buchen. Eins stand im Deutschen Theater auf der Bühne, eins spielte in der Tchibo-Werbung mit.

Im Wohnzimmer der Kuntzagks steht ein übergroßes Alpaka aus echter Wolle, es ist ein Geschenk aus Peru. Vor ein paar Jahren nahm das Ehepaar Kuntzagk an einer Gruppenreise in die Anden speziell für Alpakahalter teil. Sie besuchten ein Alpakamuseum und auch eine Alpakafarm. Man tauschte sich aus, es ging um Zuchtmethoden und Wollqualität. In Peru machen Alpakas satt, und ihre Wolle hält warm. Was die Deutschen eigentlich mit ihren Tieren tun würden, fragten die Peruaner die Kuntzagks. Deren Antwort: „Na, lieb haben.“ Die Peruaner, glauben die Kuntzagks, lachen noch heute.

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