Unterwegs durch Litauen : Freie Radikale: Wie Künstler in Vilnius einen ganzen Stadtteil eroberten

Als die Verfassung ratifiziert wurde, war Alkohol im Spiel: Mitten in Vilnius liegt die Republik Uzupis. Ihr Außenminister ist ein wahrer Mann des Volkes.

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Verrücktes Vilnius. Wenn sich Menschen in einer Bar in Uzupis treffen, kommt schon mal eine Staatsgründung dabei heraus. Foto: REUTERS
Verrücktes Vilnius. Wenn sich Menschen in einer Bar in Uzupis treffen, kommt schon mal eine Staatsgründung dabei heraus.Foto: REUTERS

Der Außenminister wartet bereits. Sitzt draußen auf der Terrasse unterm Sonnenschirm. Zur Begrüßung erhebt er sich nicht, streckt nur die Hand hin und sagt: „Ich habe mir schon mal ein Bier bestellt. Auf Ihre Kosten.“

Es ist nicht schwer, eine Audienz bei Tomas Chepaitis zu bekommen. Man trifft ihn hier, im Lokal „Kavine“ neben der Brücke am Flussufer, oder abends im „Špunka“, einer verrauchten Kneipe gegenüber der Engelsstatue. Wichtigste Erkennungsmerkmale: verwuscheltes Haar, grauer Bart, Nickelbrille. Meistens Zigarette in der Hand. Wenn nicht, ist wahrscheinlich gerade die Packung alle.

„Wie laufen die Amtsgeschäfte, Herr Außenminister?“

„Ich achte darauf, dass es insgesamt nicht zu stressig wird.“

Das Land, dessen Interessen Tomas Chepaitis vertreten soll, verfügt bloß über eine Fläche von 0,6 Quadratkilometern und liegt mitten in Vilnius, der Hauptstadt Litauens. Nach drei Seiten wird es vom Ufer der Vilnia begrenzt, zur vierten endet es auf der Anhöhe eines Hügels. Ein Schild an der Brücke verrät seinen Namen: „Freie Republik Uzupis“.

Uzupis war ein verwahrlostes Stadtviertel

7000 Menschen leben hier, darunter viele Künstler und Kreative. Sie haben Ateliers und Kneipen und in den Fenstern Tibetfahnen. Reiseführer preisen Uzupis als Litauens Christiania oder gar Montmartre, aber das sei doch ein bisschen hoch gegriffen, sagt Außenminister Chepaitis. Er muss das sagen, klar, er will keine diplomatischen Verwicklungen.

Vor 20 Jahren begann es mit einer fixen Idee. Uzupis galt damals als verwahrlostes Stadtviertel von Vilnius, es gab Drogenhandel und Prostitution. Wer konnte, zog weg. Ein paar Hausbesetzer, zu denen auch Chepaitis zählte, beschlossen, die heruntergekommenen Straßenzüge bräuchten eine Identität. Etwas Verbindendes. Also riefen sie die Republik aus. Das sprach sich herum, Gleichgesinnte zogen her.

Inzwischen haben sie eine Flagge, Nationalhymne, Passstempel und auch eine Armee, die aus elf unbewaffneten Männern besteht. Jeden Montagabend tagt das Parlament in der Kneipe am Flussufer. Selbstverständlich ist alles Spaß, sagt Chepaitis. Aber nur, weil man über etwas lachen könne, bedeute das doch nicht, dass es nicht wahr sei, oder?

Besonders stolz sind sie auf ihre Verfassung. Tomas Chepaitis hat an ihr mitgeschrieben, er sagt, es war Alkohol im Spiel. Die 41 Gesetze sind in unterschiedlichen Sprachen in silbrig glänzende Metallschilder eingraviert, die in einer Nebenstraße an einer Betonmauer hängen. Sie könnten aus de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ stammen. Paragraf 11: Jeder Mensch hat das Recht, nach dem Hund zu schauen, bis einer von beiden stirbt. Paragraf 26: Jeder Mensch hat das Recht, seinen Geburtstag nicht zu feiern oder zu feiern.

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