Vogelschutz : Die Fluglotsen von Toronto

Millionen Zugvögel fliegen entlang der Großen Seen. An den Fenstern der kanadischen Metropole endet für viele die Reise. Aktivisten helfen den Tieren. Sie haben schon viel erreicht – und könnten Vorbild sein.

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Aktivist Michael Mesure zeigt einen Singvogel, der durch die Kollision mit einem Hochhaus umgekommen ist.Alle Bilder anzeigen
Foto: Björn Rosen
03.11.2014 18:29Aktivist Michael Mesure zeigt einen Singvogel, der durch die Kollision mit einem Hochhaus umgekommen ist.

Um Besucher davon zu überzeugen, dass Toronto ein ernsthaftes Problem hat, muss Michael Mesure nur vom Schreibtisch in seinem Büro in Downtown aufstehen und in die Kammer nebenan gehen. Dort öffnet er den Deckel einer großen Kühltruhe, die bis an den Rand gefüllt ist mit toten Vögeln. 400 oder 500 mögen es sein, sie stecken in durchsichtigen Plastiktüten. Aktivisten von Mesures Organisation „Flap“ haben die Tiere in den vergangenen Wochen auf den Straßen von Kanadas größter Stadt eingesammelt.

Behutsam nimmt der muskulöse 50-Jährige einige Vögel heraus. Einen Rosenbrust-Kernknacker zum Beispiel und eine wood thrush, verwandt mit der Wanderdrossel. Die meisten sind kaum größer als seine Hand. „Schauen Sie, ein Kanadawaldsänger, ein Männchen. Wirklich schön sind die“, sagt er und deutet auf das Gefieder des Tieres. Die Oberseite ist blaugrau, die Unterseite gelb mit schwarzen Flecken auf Höhe der Brust. Beide Augen sind von leuchtend gelben Ringen umschlossen.

Mesure liebt Vögel, seit er ein kleiner Junge war. Er findet Trost darin, dass die Tiere aus seiner Truhe wenigstens nicht im Müll landen, sondern für Forschungszwecke ans Royal Ontario Museum ein paar Blocks weiter nördlich gehen. Trotzdem sei ihr Tod tragisch: „Der Kanadawaldsänger ist sogar eine bedrohte Art.“ Im Sommer leben diese Vögel in den feuchten Mischwäldern zwischen British Columbia und Nova Scotia. Den Winter verbringen sie im warmen Mittel- und Südamerika, manche schaffen es bis nach Brasilien. Dann, auf der Rückreise, lassen sie erneut die Grenzen vieler Länder hinter sich. Nur um, wie Mesure sagt, „fast am Ende dieser unglaublichen Reise gegen eine Scheibe zu knallen und zu sterben“.

Viele zehntausend Mal passiert das jedes Jahr in Toronto. Es trifft rund 170 Arten, vor allem Sing-, aber auch Greifvögel. Das hat zum Teil mit der Lage der Stadt am Ufer des Lake Ontario zu tun, einem der fünf Großen Seen, die durch Flussläufe miteinander verbunden sind. Zugvögel orientieren sich unter anderem an Wasserwegen, und die lokale Vegetation ist attraktiv für sie. Manche legen hier einen Zwischenstopp ein. Durch den Großraum, die Greater Toronto Area (GTA), führen gleich zwei wichtige Zugwege.

An wenigen Orten der Welt ist das Problem so genau dokumentiert

Früher stellte sich den Tieren kaum etwas entgegen, bloß 30 000 Einwohner hatte Toronto Mitte des 19. Jahrhunderts. Heute leben 5,6 Millionen Menschen in der GTA. Von den Einwanderern, die ins multikulturelle Kanada strömen, lässt sich jeder zweite hier nieder. Mehr Einwohner bedeuten mehr Häuser – und mehr Häuser bedeuten, jedenfalls in der zeitgenössischen Architektur, mehr Glas. Für Zugvögel sind die Fenster eine Falle. Sie fliegen scheinbar Bäume und grüne Flächen an, die sich darin spiegeln oder durchs Glas zu sehen sind, und treffen mit voller Wucht auf das unerwartete Hindernis. Die Folge: schwere Verletzungen am Kopf, an Augen und Organen, Hirnblutungen. Einheimischen Tieren passiert das seltener, sie sind offenbar besser an die Situation angepasst.

Ob der Vogelschlag in Toronto verheerender ist als etwa in Chicago am Lake Michigan oder in Europas Metropolen, lässt sich schwer sagen. An wenigen Orten der Welt ist das Problem, das überall dort existiert, wo mit Glas gebaut wird, so genau dokumentiert wie hier. Und keine andere Großstadt hat bisher mehr dafür getan, es zu lösen.

Dass Toronto international zum Vorbild werden könnte, ist vor allem das Verdienst von Michael Mesure und seinen Helfern. Früher verkaufte Mesure Kunst und Antiquitäten. Ende der 80er Jahre erzählte ihm jemand von den Vögeln, die jeden Morgen vor den Wolkenkratzern im Financial District von Wachpersonal oder Putzkräften aufgelesen werden. Mesure glaubte es nicht, bis er es selbst sah. Er sagt, das ginge den meisten so: „Viele haben mal einen toten Vogel vorm Fenster gefunden, das wirkt wie ein Einzelfall, da kann man sich die Ausmaße, die das Ganze hat, nicht vorstellen.“

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