Von Kreuzberg nach Kyritz : Warum es Berliner auf die "Insl" zieht

Wer zum Lokal „Insl“ übersetzen will, muss auf eine Bratpfanne klopfen. Drüben gibt’s Aal in Aspik, einen Billardraum, viel Ruhe – und wer will, kann heiraten.

Felix Denk
Die Unterseeinsel mit dem umgebauten Gasthof liegt mitten im See. Der malerische Ort liegt in der Nähe von Kyritz.
Die Unterseeinsel mit dem umgebauten Gasthof liegt mitten im See. Der malerische Ort liegt in der Nähe von Kyritz.Foto: promo

Man braucht Geduld und auch ein bisschen Vertrauen, wenn man am Untersee in Kyritz an der Knatter steht. Dort baumelt am Steg eine alte Bratpfanne am Pfosten. Der Rost frisst sich durch die rote Farbe. An der Pfanne hängt ein silbern angesprühter Hammer. Klopft man mit dem einen auf das andere, soll eine Fähre kommen. So steht das jedenfalls auf dem handgepinselten Schild neben dem Steg. Erst mal passiert: nichts.

Es gibt schlimmere Orte zum Warten. Backbord ein Strandbad aus den 20er Jahren. Steuerbord ein paar Bootshäuser im Schilf. Geradeaus: der Untersee. Und mittendrin, wie hingemalt, eine Insel, auf der, umrankt von alten Bäumen, ein Haus aus Backsteinen zu erkennen ist.

Wen man vom Steg aus nicht sieht, ist Volker Sitz, schlohweißes Haar, Ringelpulli, Typ: brummiger Seebär. Ihm gilt der Gong. Hört er ihn, steht er auf vom Stammtisch unter der Veranda neben dem Eingang des alten Gasthofs. Er nimmt seine Lesebrille ab, legt den Kugelschreiber neben das Kreuzworträtsel und geht mit Kaffeebecher zu seiner Fähre, mit der er hier schon seit 25 Jahren über die Kyritzer Seenkette fährt. Immer Kyritz, Insel, Bantikow und zurück. Nur am Montag nicht. Da ist Ruhetag.

200 Meter Überfahrt, dann ist man auf der Insel

Es sind vielleicht 200 Meter, mehr nicht, dann ist man auf der Insel angelangt, die eigentlich Unterseeinsel heißt, aber vor drei Jahren, als neues Leben in den alten Gasthof einzog, in Insl umgetauft wurde. Wimpel wehen im Wind, in den Blumenkästen blühen üppig die Geranien, in kleine Blechgießkannen sind Stiefmütterchen gepflanzt, die auf den Tischen mit gepunkteten Tischdecken stehen.

Ein Schwanentretboot ist am Steg festgemacht. Eine Schaukel hängt an einem Ast. Ein alter Kahn steht auf der Wiese und ist zu einer Sandkiste umgewidmet, drumherum liegt buntes Spielzeug. Zwischen den alten Bäumen tun sich kleine Badestellen auf. Idylle wäre eine Untertreibung. Paradies nur ein klein wenig übertrieben.

Hier hat Rosmarie Köckenberger, Cowboystiefel, Ankerkette und Matrosenkleid, seit drei Jahren das Sagen – und gerade alle Hände voll zu tun. Eine Gruppe Rentner kann sich nicht entscheiden, welchen Kuchen sie essen soll. Käsekuchen oder doch lieber die Nussecke?

Die Diskussion wiegt hin und her. Köckenberger moderiert geduldig. Eine Familie mit Baby bestellt den Ahoi-Burger, will dann doch den Branden-Burger und dann doch wieder den Ahoi-Burger. Köckenberger notiert, streicht, notiert. Ein Fünfjähriger mit Zahnlücke quengelt: „Ich will ein Eis!“

„Gibt’s erst in fünf Minuten“, erklärt Köckenberger. Dann komme ihre Kollegin, die den Eisstand aufmacht.

„So lang halt ich nicht aus.“

„Renn einmal um die Insel.“

Idylle mit Burger. Im Lokal gibt es saisonale Küche der früheren „Kjosk“-Betreiberin aus Berlin.
Idylle mit Burger. Im Lokal gibt es saisonale Küche der früheren „Kjosk“-Betreiberin aus Berlin.Foto: promo

Das Kind flitzt los. Köckenberger ist keine Wirtin, sondern studierte Sozialpädagogin. Was ja im Grunde das Gleiche ist. Und sie kommt auch nicht aus Kyritz an der Knatter, sondern aus Kreuzberg.

„Die Insel hat uns gefunden. Nicht wir sie“, erzählt die 34-Jährige. Seit mehr als 100 Jahren gibt es diesen Gasthof auf dem Eiland, das man in sehr gemütlichen fünf Minuten umrundet hat. 1893 wurde die Schanklizenz erteilt, zwei Jahre später eröffnete die erste Gaststätte.

Innen Tanzsaal, vorne Veranda, hinten Biergarten

Anfangs verkauften die Fischer noch aus Pavillons ihren Fang. Um die Zeit des Ersten Weltkriegs wurde die Gaststätte ausgebaut. Gearbeitet wurde im Winter, wenn das Eis so dick war, dass man das Baumaterial auf die Insel bringen konnte. So entstand langsam ein schmuckes Gebäude. Innen ein Tanzsaal mit Parkett, vorne eine Veranda, von der man den Sonnenuntergang ansehen kann. Hinter dem Haus, unter mächtigen Buchen und Eichen, ein Biergarten. Zu DDR-Zeiten servierte die HO hier Würzfleisch und Soljanka an die Ausflügler, die reichlich kamen.

Ein Freund, Kai Seekings, der mit seiner Familie ins benachbarte Teetz zog und dort die Pension „Unser Wunderland“ betreibt, ist auf den Gasthof gestoßen. Der stand damals leer. Die Stadt suchte einen Pächter. Gemeinsam mit Lars Voigt schrieben sie ein Konzept und bekamen den Zuschlag. Weil sie mit neuen Ideen kamen, das gefiel den Stadtverordneten. Seekings ist mittlerweile ausgestiegen, dafür steht Köckenbergers Mann Sebastian Scholz in der Küche.

Mit dem Auto fährt man über die A 24 und biegt in Herzsprung Richtung Kyritz ab. Vom Bahnhof Zoo fährt stündlich der RE 2, der in Neustadt (Dosse) hält. Von hier aus geht es entweder mit dem RB 73 oder mit dem Bus 711 weiter nach Kyritz. Bis zur Fähre muss man noch rund 20 Minuten Fußweg einplanen.
Mit dem Auto fährt man über die A 24 und biegt in Herzsprung Richtung Kyritz ab. Vom Bahnhof Zoo fährt stündlich der RE 2, der in...Grafik: Fabian Bartel

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