Danach wurde gar nicht mehr darüber gesprochen, ob es weitergehen sollte. Das war völlig klar. Im nächsten Jahr liefen dann schon knapp 5000 Menschen mit, standen zwei Millionen am Straßenrand. Die Route wurde nur geringfügig verändert; ein zu schmaler Weg wurde gestrichen, die neue Strecke führte ein paar Schritte tiefer in die Bronx hinein als nur einmal um den Laternenpfahl herum. Es war nicht nur ein Startschuss für das Comeback New Yorks, sondern der Beginn urbaner Rennen mit Volksfestcharakter. Bald folgten andere Metropolen wie Berlin, das seinen 1974 gegründeten Marathon 1981 in die ganze (West-)Stadt verlegte.
Am 6. November 2016, zwei Tage vor der US-Präsidentschaftswahl, wird George Hirsch wie jedes Jahr mit seiner Familie im Central Park sitzen und die mehr als 60 000 Läufer, die es ins Ziel an der Tavern on the Green schaffen, beklatschen. Seine Frau wird fehlen: Sie starb vor zwei Jahren an Krebs. Kennengelernt hat er sie beim Marathon; verliebt auf den ersten Blick, lief er ihr einfach hinterher. Auch Fred Lebow wird an der Ziellinie stehen, mit strengem Blick auf die Uhr: An jedem ersten Novemberwochenende wird die Statue des 1994 Verstorbenen von der 90. Straße an die Ziellinie gebracht.
Der Missionar wollte alle auf Trab bringen
Der New York Marathon war Lebows Baby, ja seine Religion. Als echter Missionar wollte er alle auf Trab bringen. Laufen, so seine Botschaft, war was für jedermann, für Profis wie Amateure, Schwarze wie Weiße. Und für jede Frau. Lebow setzte sich dafür ein, dass sie gleichberechtigt mitlaufen konnten. Sein All-inclusive-Ansatz (von dem er allerdings Rollstuhlfahrer und Charity-Läufer zunächst ausschließen wollte) war nicht zuletzt eine Reaktion auf eigene Erfahrungen: In seinem ersten, von Arbeitern dominierten Verein, hatte er sich nicht willkommen gefühlt.

Am Marathonsonntag war Lebow, so sein Biograf Ron Rubin, „King of New York“ für einen Tag. Selber mitlaufen konnte er den Five-Borough-Marathon nicht. Dafür hatte er als Race Director (mit autokratischem Führungsstil) gar keine Zeit, wollte sich um alles kümmern. Bei den Rennen fuhr er als Schrittmacher vorneweg, stand im weißen Mercedes Cabrio und brüllte ins Megafon, feuerte Läufer wie Zuschauer an. Und wehe, jemand machte etwas falsch, rannte etwa vor dem Startschuss los oder unterstützte die Sportler nicht enthusiastisch genug, ließ sie verdursten. Dann schrie er erst recht: „Let’s hear you, Harlem!“
Nur einmal ist er mitgelaufen
1994 dann, zwei Jahre, nachdem die Ärzte einen Hirntumor diagnostiziert hatten, lief Fred Lebow den New York Marathon – das einzige Mal. Zusammen mit Grete Waitz, die ihn zuvor sagenhafte neun Mal gewonnenen hatte. Für die Veteranin war das Rennen so schmerzhaft wie für den Kranken. Die Norwegerin (die selber 2011 an Krebs starb) war es nicht gewohnt, so langsam zu laufen. Die beiden Freunde haben es geschafft. Nach fünf Stunden, 32 Minuten und 34 Sekunden, zu den Klängen von Sinatras „New York, New York“ („If I can make it here, I’ll make it anywhere“) und dem Jubel der Fans hielten die beiden sich weinend in den Armen. Es war, sagt George Hirsch, der emotionalste Marathon.
- Wie der New York Marathon erfunden wurde
- König der Quälgeister
- Verliebt beim Marathon

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