Vorzüge des Optimismus : Blauäugig auf der rosa Wolke

Manches geht schief in unserem Leben. Trotzdem sind die meisten Menschen Optimisten - aus gutem Grund.

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Gute Aussichten. Hochschulabsolventen werfen ihre Hüte in die Luft.
Gute Aussichten. Hochschulabsolventen werfen ihre Hüte in die Luft.Foto: mauritius images

Menschen sind von Natur aus optimistisch. Schätzungsweise 80 Prozent von uns blicken zuversichtlich in die Zukunft und neigen dazu, die Welt ein wenig durch die rosarote Brille zu sehen, haben Psychologen herausgefunden. Das hat Folgen. So überschätzen wir die Wahrscheinlichkeit positiver Geschehnisse (Erfolg im Beruf, hochbegabte Kinder, langes Leben) und unterschätzen die Möglichkeit negativer Ereignisse (Autounfall, Scheidung, Krebs).

Ein bisschen frohgemute Illusion schadet nicht. Mehr noch, die „optimistische Verzerrung“ der Wahrnehmung hat vermutlich ihren tieferen Sinn. Als der Mensch vor langer Zeit begann, eine Zukunftsperspektive zu entwickeln, brauchte er angesichts von vielerlei Gefahren einen Überschuss an Urvertrauen und ein sonniges Gemüt, um durchzuhalten. Und siehe da: Die Hoffnung auf ein besseres Morgen hat den Urmenschen nicht getrogen. Uns geht es viel besser als unseren Vorfahren. In die Steinzeit will niemand zurück.

Zuversicht mildert Stress

Auch für die Gesundheit ist eine positive Grundeinstellung, nun ja, positiv. Optimisten leben länger und sind gesünder, sagt die Psychologin Tali Sharot vom University College London – und führt zwei Gründe an. Zum einen geben Menschen, die an ein Morgen glauben, auch auf sich selbst acht. Sie werden sich eher vernünftig ernähren und einen gesunden Lebensstil pflegen als jemand, für den die Zukunft nur eine schwarze Wand ist. Zum anderen verringert Zuversicht seelische Belastungen wie Stress und Angst, sagt Sharot. Optimisten haben entsprechend ein stärkeres Immunsystem und weniger Infektionen.

Krebspatienten, die sich trotz ihrer Krankheit eine hoffnungsvolle Grundstimmung bewahrt haben, gelingt es besser, mit ihrem Leiden zurechtzukommen. Um den Krebs zu besiegen, braucht es natürlich mehr als Optimismus. Aber er ist eine wertvolle Hilfe.

Wer zuversichtlich in die Zukunft blickt, ist stärker gegen Herz- und Gefäßleiden gewappnet, wie Untersuchungen ergaben. So ist etwa die Gefahr, an verengten Herzkranzgefäßen zu leiden, ebenso verringert wie das Risiko, einen Schlaganfall zu bekommen. Wer wiederum erkrankt, hat als positiv Gestimmter bessere Chancen, das Leiden zu überstehen.

Zuviel Optimismus ist gefährlich

Selbstverständlich ist Optimismus kein Allheilmittel. Niemand muss sich Vorwürfe machen, weil er nicht genügend Zuversicht in einer Krisensituation aufbringt. Es kann jedoch hilfreich sein, in dieser schwierigen Lage positive Erlebnisse besonders hervorzuheben und die eigenen Stärken in den Mittelpunkt zu rücken.

Übrigens gibt es nicht nur zu wenig, sondern auch zu viel Optimismus. Zuversicht im Übermaß macht leichtsinnig. Der Raucher etwa wird zu der Annahme verleitet, dass ihn der Lungenkrebs schon nicht treffen wird. Oder man will Krankheitssignale nicht wahrhaben und spielt sie herunter. Auch die weltweite Finanzkrise von 2008 soll entscheidend durch Überoptimismus begünstigt worden sein. Immerhin, in die Steinzeit hat uns das nicht zurückgebracht.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels und schreibt an dieser Stelle alle vier Wochen. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht? Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

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