Was Ole von Beust Klaus Wowereit rät : Gipfeltreffen der Bürgermeister

Es ist so weit: Wowereit geht, Müller kommt. Was muss ein Bürgermeister können, was aushalten? Wir haben Ole von Beust, Dieter Salomon und Barbara Ludwig zum Gipfeltreffen gebeten - ein Gespräch über Großprojekte und eine Standpauke im Zoo.

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Treffen im "Tagesspiegel": Ole von Beust (CDU) aus Hamburg, Dieter Salomon (Grüne) aus Freiburg und Barbara Ludwig (SPD) aus Chemnitz.
Treffen im "Tagesspiegel": Ole von Beust (CDU) aus Hamburg, Dieter Salomon (Grüne) aus Freiburg und Barbara Ludwig (SPD) aus...Foto: Mike Wolff

Herr von Beust, am Donnerstag tritt Klaus Wowereit als Bürgermeister zurück, wie Sie es vor vier Jahren getan haben. Wie schwer wird der Entzug?

OLE VON BEUST: Ich fühlte mich damals befreit.

Sie sind in kein Loch gefallen?

VON BEUST: Nein. Ich glaube, das passiert nicht so leicht, wenn man selbst bestimmt, dass man aufhört. Etwas anderes ist es, abgewählt oder von der eigenen Partei in die Wüste geschickt zu werden. Manche glauben dann, allen beweisen zu müssen, dass sie doch gut sind, und geraten so in einen permanenten Einmischungszwang.

Ein Tipp, wie man das neue Leben als Privatmann am besten angeht?

VON BEUST: Es ist gut, relativ schnell etwas zu tun zu haben, was einen ausfüllt. Ich berate jetzt Unternehmen. Und, zweitens, sollte man nicht die Illusion haben, dass die ganzen Leute, die einem im Amt nahe sind, das auch bleiben. Viele entfernen sich freundlich, was ich ihnen auch gar nicht übel nehme. Die suchten die Nähe zum Amt und nicht zur Person.

Als Bürgermeister sind ständig eingeladen, sitzen in der ersten Reihe, im Theater, bei Vernissagen und...

VON BEUST: ... ganz vorne zu sitzen hat einen großen Nachteil: Man kann nicht gehen, wenn es einem passt. Wenn der Bürgermeister früher geht, ist es ein Affront.

DIETER SALOMON: Man steht permanent unter Beobachtung. Damit muss man umgehen lernen.

BARBARA LUDWIG: Ich gehe beispielsweise nur noch bei Grün über Fußgängerampeln, auch wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist. Manchmal bin ich die Einzige, die wartet. Alle anderen überqueren die Straße und sagen im Vorübergehen ein wenig mitleidig zu mir: „Sie müssen ja stehen bleiben.“

Klaus Wowereit beklagte, dass er nicht mehr öffentlich tanzen würde, obwohl er es gerne tue, nur damit ihn keiner dabei fotografiert.

LUDWIG: Als Bürgermeisterin tanzt man nicht. Einmal im Jahr mache ich eine Ausnahme. Zwei Tage nach Weihnachten gehen immer viele aus meiner Generation, also die um 1960 Geborenen, zusammen aus. Da wird auch getanzt. Davon werden keine Fotos gemacht, und das finde ich gut so.

SALOMON: Ich muss immer tanzen, obwohl ich es weder kann noch mag.

Stehen Bürgermeister Ihrer Meinung nach unter stärkerer sozialer Kontrolle als Minister?

VON BEUST: Ja, weil Sie als Bürgermeister in der Stadt alles verkörpern, was mit Staat verbunden ist: im Guten wie im Schlechten. Damit ist für viele die Erwartung verbunden, dass Sie 24 Stunden lang Vorbild für die deutsche Jugend sind.

Ein Foto von Wowereit wird in den vergangenen Wochen anlässlich der vielen Abschiedsberichte immer wieder gezeigt: Er posiert darauf mit einem Damenpumps in der Hand, als wolle er daraus trinken.

VON BEUST: Ein ungeschicktes Foto, aber es kann passieren. Manchmal drängen die Fotografen einen: „Jetzt setzen Sie sich mal diesen Indianerschmuck auf.“ Oder: „Halten Sie den Spaten doch mal so“...

SALOMON: … und am Anfang denkt man, das müsste man dann auch so machen. Mittlerweile weigere ich mich.

VON BEUST: Das Problem ist nicht das eine Foto. Das ist gesehen und vergessen. Doch mit dem Bild kriegen Sie eine Charakterisierung, die Sie nie mehr loswerden. Seitdem galt Wowereit als der Party-Bürgermeister, das Bild war das Symbol dafür. Ich weiß nicht, wie oft er auf Partys war, geht mich auch nichts an. Wir saßen zusammen im Bundesrat, und da erlebte ich ihn immer als unglaublich gut vorbereitet. Die Imageprägung ist in der Politik ein Problem. Sie haben ein festes Image, warum auch immer, und kaum eine Chance, das loszuwerden – egal, ob es richtig oder falsch ist. Manchmal ist es am besten, man arrangiert sich damit, auch wenn es Käse ist.

Frau Ludwig, wie gut kennen Sie als Parteifreundin Wowereit?

LUDWIG: Wir saßen zwei Jahre gemeinsam im Parteivorstand. Besonders eindrucksvoll war für mich eine meiner ersten Begegnungen. Das war im Zoo von Hannover, vor vielen Jahren. Damals ist er von Gerhard Schröder heftig angegangen worden: Was ihm denn einfiele... Als Fraktionschef der SPD hatte Wowereit gerade die Große Koalition platzen lassen und steuerte auf Neuwahlen zu.

Was hat Schröder als SPD-Chef daran nicht gepasst?

LUDWIG: Dass es nicht abgesprochen war. Ich war parlamentarische Geschäftsführerin in Dresden. Wir Sozialdemokraten aus den Ländern trafen uns regelmäßig. Der Zoobesuch war unser Abendprogramm, und Schröder war das Highlight. Ich kannte Schröder noch nicht so gut und fand die Standpauke außergewöhnlich. Doch Wowereit reagierte gelassen.

Wowereit hatte Machtinstinkt bewiesen. Bei der Neuwahl holte die SPD ein sehr gutes Ergebnis.

LUDWIG: Ja, er war so überzeugt von dem, was er tat, dass die Kritik scheinbar an ihm abperlte.

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