Weltmuseum Wien : In fünf Objekten um die Welt

Hawaiianische Götter, afrikanische Hofzwerge: Im neu eröffneten Wiener „Weltmuseum“ kann man durch alle Kontinente spazieren.

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Das Gemälde „I have to Feed Myself, My Family and My Country“ von Hit Man Gurung aus Kathmandu stammt aus dem Jahr 2013.
Das Gemälde „I have to Feed Myself, My Family and My Country“ von Hit Man Gurung aus Kathmandu stammt aus dem Jahr 2013.Foto: Weltmuseum Wien

Die lange Schlange vor dem Eingang lässt keinen Zweifel: Wien hat eine neue Attraktion. Vor anderthalb Wochen eröffnete am Heldenplatz im Zentrum der Stadt das „Weltmuseum“. Nach 13 Jahren Umbau firmiert das ehemalige Museum für Völkerkunde nicht nur unter anderem Namen, auch das Konzept hat sich verändert. Die Museumsmacher gehen nun offensiv und kritisch mit der Geschichte des Hauses um, dessen Wurzeln in der Kolonialzeit liegen.

Das Gebäude selbst gehört zur Neuen Burg, einer Erweiterung der alten Hofburg. Franz Ferdinand – jener Kronprinz, dessen Ermordung 1914 den Ersten Weltkrieg auslöste – ließ hier tausende Mitbringsel und Jagdtrophäen einer ausgedehnten Weltreise unterbringen, sie sind ein Teil der heutigen Sammlung. Die meisten Objekte des Museums lagern in den Depots der zwei Kellergeschosse und im ersten Stock. Nur 1,5 Prozent der Sammlung werden der Öffentlichkeit präsentiert, doch dabei handelt es sich immerhin um mehr als 3000 Exponate: Schmuckkästchen der Tuareg, Schamanentrommeln aus Sibirien, Porzellanteller aus China. Hier empfehlen drei Mitarbeiter des Hauses Ausstellungsstücke, die man auf keinen Fall verpassen sollte.

Asien

„Ein Dorf in den Bergen“ heißt ein Ausstellungsraum. Dieses typische Dorf liegt im Himalaja, gezeigt werden Lastensattel, Teekannen, eine Feuerstelle. Doch Christian Schicklgruber, Kurator für die Region und ab Januar wissenschaftlicher Direktor des Museums, hat ein anderes Lieblingsstück: das Gemälde „I have to Feed Myself, My Family and My Country“. Es stammt aus dem Jahr 2013 und bricht mit dem traditionellen, idyllischen Bild, das die restlichen Exponate vermitteln. Der Maler Hit Man Gurung aus Kathmandu zeigt, wie das Leben vieler Nepali heute aussieht. Hunderttausenden von jungen Leuten erscheint das Althergebrachte nicht mehr attraktiv, sie suchen ihr Glück im Ausland, oft arbeiten sie auf Baustellen in den Golfstaaten. Die Bedingungen dort sind so katastrophal, dass regelmäßig Arbeiter sterben. „Jeden Tag kommen drei, vier in hölzernen Särgen zurück in die Heimat.“ Im Mittelpunkt des Gemäldes steht eine Mutter, die um ihr Kind trauert; sie erinnert an Maria mit dem Leichnam Jesu. Den Hintergrund bilden Fotos tödlich verunglückter Arbeiter, „und auf dem roten Band oben sind Briefe von nepalesischen Müttern und ihren Kindern im Ausland zu sehen“. Schicklgruber hat das Bild bei einem Besuch im Atelier des Künstlers entdeckt. Ursprünglich sollten an der Stelle, wo es jetzt hängt, zwei wertvolle, jahrhundertealte Buddhas präsentiert werden. „Dass Hit Man Gurung die zwei verdrängt hat, ist eine Geschichte, die man sich in Kathmandu derzeit gerne erzählt.“

Südsee

Diese hawaiianische Büste aus dem 18. Jahrhundert verkörpert sowohl den Kriegsgott Ku als auch den Fruchtbarkeitsgott Lono.
Diese hawaiianische Büste aus dem 18. Jahrhundert verkörpert sowohl den Kriegsgott Ku als auch den Fruchtbarkeitsgott Lono.Foto: Weltmuseum Wien

„Diese Büste lagerte lange im Depot, und wann immer ich dort eine Führung gemacht habe, sind die Leute vor ihr stehen geblieben“, erzählt Mandana Roozpeikar, Kuratorin für Kulturvermittlung. Der Blick der hawaiianischen Figur aus dem 18. Jahrhundert, die sowohl den Kriegsgott Ku als auch den Fruchtbarkeitsgott Lono verkörpert, zieht den Betrachter tatsächlich in seinen Bann. Der Schädel besteht aus Federn, die Augen sind dunkle Holzkugeln und die Beißer geschliffene Hundezähne. „Man steckte die Federbüste auf einen Holzpfahl und zog damit in den Krieg, um dem Gegner Angst einzuflößen und ihn zu schwächen“, sagt Roozpeikar. Nach Österreich, das bekanntlich weder Kolonialmacht war noch große Seefahrer hervorbrachte, kam die mysteriös wirkende Figur aus Hawaii auf Umwegen. Zunächst erworben vom britischen Entdecker James Cook, dann ausgestellt in London, wurde sie aus Geldnot mit rund 250 anderen Stücken an einen Gesandten von Kaiser Franz I. verkauft.

Afrika

Die zwei Hofzwerge aus dem Königreich Benin (im heutigen Nigeria) stammen aus dem 14./15. Jahrhundert.
Die zwei Hofzwerge aus dem Königreich Benin (im heutigen Nigeria) stammen aus dem 14./15. Jahrhundert.Foto: Weltmuseum Wien

Auf rätselhafte Weise faszinierend sind auch die zwei Hofzwerge aus dem Königreich Benin, im heutigen Nigeria. Ein Hofzwerg, das war so eine Art Regierungssprecher des Königs und ein Überbringer heikler Nachrichten. Ungewöhnlich für afrikanische Kunst ist, dass hier vermutlich zwei ganz bestimmte historische Persönlichkeiten porträtiert wurden. Die Figuren stammen aus dem 14./15. Jahrhundert. „Sie wurden bei einem britischen Straffeldzug Ende des 19. Jahrhunderts geraubt“, erklärt Schicklgruber. „Wir befinden uns in Verhandlungen mit Vetretern aus Afrika, damit solche Stücke als Leihgaben auch wieder dort gezeigt werden, woher sie stammen.“

Europa

Der Originalgrabstein von Jakob Eduard Polak lag auf dem Wiener Zentralfriedhof auf dem Müll.
Der Originalgrabstein von Jakob Eduard Polak lag auf dem Wiener Zentralfriedhof auf dem Müll.Foto: Weltmuseum Wien

Das „Weltmuseum“ besitzt praktisch nur Exponate von außerhalb Europas. Andererseits soll Fürst Metternich einmal bemerkt haben, dass Asien am Rennweg im Süden Wiens beginne. „Der Orient vor der Haustüre“ ist ein Teil der Ausstellung betitelt, in dem es um die Kontakte zwischen Österreich und dem angrenzenden Osten geht. Da sind zum Beispiel die Soldaten, die durch den Ersten Weltkrieg als Kriegsgefangene nach Zentralasien kamen. „Es gab einen, der ist später durch Österreich getourt und hat Vorträge über die dortige Kultur gehalten“, sagt Axel Steinmann, Kurator für die Region. Mit ein bisschen Glück konnte Steinmann den Originalgrabstein eines anderen österreichischen Orientbegeisterten retten, der auf dem Wiener Zentralfriedhof schon auf dem Müll lag. Jakob Eduard Polak war im 19. Jahrhundert Leibarzt des Schahs und wurde sehr verehrt in Persien. Die Inschrift auf seinem Grabstein: ein Vers des persischen Dichters Saadi.

Amerika

Dieser Altaraufsatz war ein Geschenk christianisierter Odawa-Indianer für einen bayerischen Gemälderestaurator.
Dieser Altaraufsatz war ein Geschenk christianisierter Odawa-Indianer für einen bayerischen Gemälderestaurator.Foto: Weltmuseum Wien

Dieses Stück aus der Abteilung über die amerikanischen Ureinwohner kann man, zwischen spektakulärem Federschmuck, leicht übersehen. „Aber es ist einzigartig“, sagt Kuratorin Mandana Roozpeikar. Es handelt sich um einen Altaraufsatz, ein Geschenk christianisierter Odawa-Indianer für einen aus Bayern stammenden Gemälderestaurator. Der Mann arbeitete im 19. Jahrhundert an nordamerikanischen Kirchen und schmückte diese sogar mit eigenen Gemälden – unentgeltlich. Der Altaraufsatz besteht aus Holz, Rinde, „und die Pflanzen, die man sieht, sind aus gefärbten Stachelschweinborsten gestickt.“

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