Winterferien : Die schönsten Skigebiete in der Nähe von Berlin

Skifahrer müssen jetzt in den Winterferien nicht in die Alpen reisen. Pisten findet man gleich hinter Dresden, im Erzgebirge. Ein Probelauf in vier Orten.

von und Florian Niedermann
Raus aus der Stadt. Altenbergs Lift führt aufs Raupennest.
Raus aus der Stadt. Altenbergs Lift führt aufs Raupennest.Foto: Egbert Kamprath/A. Geiger

ALTENBERG

Auf Amerikareisen werde er oft gefragt, sagt Thomas Kirsten, der seit 27 Jahren Bürgermeister von Altenberg ist, wo sich seine Stadt eigentlich befinde. Er antwortet dann: „Near Berlin.“

Kirsten fährt regelmäßig nach Calgary oder Lake Placid, um bei der globalen Sportfunktionärselite für Altenberg als Austragungsort der Bobwettkämpfe zu werben. Er ist ein großer Mann um die 60, mit seinen blonden Haaren und der ein wenig fleischigen Nase sieht er aus wie Siegfried Rauch, der Traumschiff-Kapitän. Nach amerikanischen Maßstäben, sagt Kirsten, sei die Ortsangabe (Distanz Altenberg-Berlin in Kilometern: 253) korrekt. Denn Dresden, die Großstadt, die so nah ist, dass die dortigen Verkehrsbetriebe im Winter sogar wochenends S-Bahn-Züge nach Altenberg hinaufschicken, kenne in den USA „kein Mensch“.

Der Kahleberg mit der vorgelagerten Kuppe namens Raupennest ist gewissermaßen der Hausberg von Dresden. Berliner sind mit Zug und Bus in nur drei Stunden da. Bereits in der DDR wurde am Raupennest Alpin-Ski gefahren. Die Piste, eine breite Schneise im Nadelwald, verläuft entlang der Nordflanke und endet fast an der Hauptstraße von Altenberg.

Das Rathaus steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Dienstags ist hier immer Begegnungscafé mit Flüchtlingen, die in der ehemaligen Grenzstation zu Tschechien untergebracht sind. Kirsten hat sein Büro im ersten Stock, mit Blick auf den Raupennesthang. An diesem minus zehn Grad kalten Donnerstagabend ziehen dort noch ein paar Skifahrer im orangefarbenen Flutlicht ihre Kurven. Für Kirsten ist die Piste eine bewegte Werbefläche. Altenberg, erklärt er, präsentiere sich damit in seinem Zentrum als vielfältiger Wintersportort. Und um dieses Schauspiel möglichst lange im Jahr aufführen zu können, hat er bereits 1990 die erste Schneekanone anschaffen lassen.

Zweitverwertung. Telnice hat den Sessellift gebraucht im Schweizer Skiort Lenzerheide gekauft. Aus dem Holz der alten Sprungschanze wurde eine Hütte gebaut.
Zweitverwertung. Telnice hat den Sessellift gebraucht im Schweizer Skiort Lenzerheide gekauft. Aus dem Holz der alten...Foto: Dirk Walter/skilifte-telnice.de

Die Piste eignet sich zum Skifahrenlernen und zum Üben mit Kindern

Damals war Altenberg eine Bergarbeiterstadt. Noch heute ist der Förderturm das erste, was man sieht, wenn man das Ortsschild passiert. Doch die Zinnerzmine machte 1991 dicht, und Bürgermeister Kirsten trieb den Strukturwandel zum Erholungsort voran, was sich als schwierig erwies, denn bis vor zehn Jahren verlief die Landstraße nach Prag mitten durch Altenberg. Hier, zwischen Rathaus und Lifthäuschen, fuhr ein Laster hinter dem anderen. Seit 2017 die Autobahn Dresden-Prag eröffnet ist, sind die Lastwagen weg, aber die Übernachtungsgäste trotzdem nicht in großer Zahl da, jedenfalls nicht an diesem verschneiten Winterabend. Nirgends was los außer am Lift, der bis um zehn Uhr abends geöffnet hat.

Die Piste ist nicht besonders steil, doch ausreichend geneigt, um Fahrt aufzunehmen. Sie eignet sich zum Skifahrenlernen oder zum Üben mit Kindern. Für Fortgeschrittene bietet sie einen Geschwindigkeitsrausch von wenigen Minuten. Eine weitere Abfahrt führt über zugeschneite Waldwege ins Tal. Das schönste am Altenberger Skihang aber ist die fast 100 Jahre alte Gaststätte „Altes Raupennest“, die am Ende des Skilifts im Wald liegt – kaum zu glauben, dass man sich wenige Stunden von Berlin entfernt in solch einer altmodisch-pittoresken Berghütte wiederfindet.

Besser Skifahren kann man im Ortsteil Rehefeld, von Altenberg aus mit dem Auto zehn Minuten durch den Wald. Skibusse gibt es keine. Dort führt ein Sessellift auf den Berg Hemmschuh. Seine beiden Abfahrten, eine als leicht und die andere als mittelschwer kategorisiert, sind doppelt so lang wie die in Altenberg.

Skitourismus ist in den Mittelgebirgen kaum lukrativ

1992 hat die Gemeinde den Sessellift gebaut, aber so verlustreich betrieben, dass sie ihn an einen Verein abgab, der ihn wiederum an den damaligen Betriebsleiter Herbert Wolfram übertrug. Wolfram, Ende 60, Vollbart und grauer Haarkranz, sitzt in seinem Kassenhäuschen, Enkel auf dem Schoß. „Der Lift ist eine Liebhaberei“, sagt Wolfram. Seine beide Söhne und die Schwiegertochter helfen mit, damit sich die Familie ihn „leisten“ könne. 50 Wintertage seien nötig, damit er in die schwarzen Zahlen komme, was rechnerisch unmöglich ist, denn, außer wenn in irgendeinem Bundesland Ferien sind, lässt Wolfram den Lift nur am Wochenende laufen. Unter der Woche sind zu wenig Gäste im Ort. Im Herbst hat das letzte Hotel in Rehefeld zugemacht. Das hölzerne Jagdschloss am Ortseingang, erbaut im 19. Jahrhundert von einer sächsischen Kronprinzessin und in der DDR als Ferienheim genutzt, steht seit Jahren leer.

Wolfram setzt sich in seinen Pistenbully und fährt zur Bergstation seines Lifts: ein kleines Plateau mit Ausblick über die verschneiten Nadelwälder des Ost-Erzgebirges. „Hier oben wäre Erlebnisgastronomie schön“, sagt er. Doch unter der Woche gibt es zurzeit in ganz Rehefeld an Gastronomie nur den zur Bratwurstbude umgebauten Wohnwagen der Familie Wolfram.

Skitourismus ist in den Mittelgebirgen kaum lukrativ zu betreiben. In Altenberg macht die Traditionsgaststätte „Bergglöck’l“ zum Beispiel nur noch für die eigenen Pensionsgäste Frühstück. Dabei verlängert die Stadt mit moderner Beschneiungstechnik die Saison. „Schneemachen“, sagt Bürgermeister Kirsten, sei „diffizil“, aber sie hätten es geschafft, dass Skilaufen von Dezember bis Mitte März möglich sei. Und falls durch den Klimawandel die Winter ganz ausbleiben sollten, hat Kirsten eine neue Zukunftsvision für Altenberg. In der Erde ist Lithium gefunden worden. Altenberg wird wieder Bergarbeiterstadt.

REISETIPPS FÜR ALTENBERG

PISTE

Das Skigebiet ist ausreichend für ein Wochenende, ansonsten sattelt man besser auf Langlauf um; Altenberg hat rund 100 Kilometer Loipen. Für Alpinskiläufer gibt es fünf Lifte und vier Kinderlifte, die in vier Ortsteilen liegen. Der Lift in Altenberg ist von 9 Uhr bis 22 Uhr geöffnet, sonntags nur bis 18 Uhr. Die Tageskarte kostet 13 Euro. Die schönsten Pisten liegen in Rehefeld, allerdings ist der Sessellift dort werktags nur während der Ferien, sonst lediglich an Wochenenden geöffnet. Von der Bergstation aus kann man auch mit dem Schlitten eine lange Naturrodelbahn abfahren. Familie Wolfram verleiht Schlitten und betreibt außerdem in der Woche zwei Lifte an einem Übungshang sowie einer Snowtubingbahn (winterwelt-rehefeld.de).

ESSEN UND SCHLAFEN

Gute Hausmannskost gibt es im „Alten Raupennest“, einer Berghütte auf 826 Meter Höhe. Sie ist fast 100 Jahre alt. Geöffnet ist sie außer montags und dienstags ab 11 Uhr (altes-raupennest.de).

FREIZEIT

In einem Holzhaus, in dem bereits im 16. Jahrhundert erzhaltiges Gestein von bloßem Geröll getrennt wurde, ist das Bergbaumuseum von Altenberg untergebracht. Zu besichtigen gibt es auch einen alten Stollen. Am Ortsausgang liegt das Schwimmbad „Raupennest“, das mehrere Saunen und Becken mit Wassertemperaturen von 30 bis 36 Grad hat, darunter ein Außenbecken. Das Bad ist bis 21 Uhr geöffnet (5,50 Euro). Weitere Informationen über die Region gibt es unter erzgebirge-tourismus.de.

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