Wo Goethe dichtete : Ultimatum für das Brentanohaus

Goethe schrieb und trank bei den Brentanos im Rheingau. Das Haus blieb seitdem im Besitz der Familie. Bis 30. September muss ein Wunder passieren, sonst wird es verkauft.

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In diesem Zimmer im Sommerhaus der Brentanos im Rheingau schlief Goethe, wenn er nicht dichtete oder Wein trank. Zum ersten Mal reiste er im September 1814 an. Links an der Wand die Dienstbotenklingel - selbst die Rosshaarmatratzen sind noch original. Die Zukunft des Hauses ist ungewiss. Bis zum 30. September läuft das Ultimatum des Barons von Brentano an das Land Hessen, das Haus aus dem Familienbesitz zu übernehmen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Deike Diening
09.09.2013 11:52In diesem Zimmer im Sommerhaus der Brentanos im Rheingau schlief Goethe, wenn er nicht dichtete oder Wein trank. Zum ersten Mal...

Wirtschaftlich ist das hier alles nicht, sagt die Baronin. „Tradition hin oder her.“ Ihr Mann, Udo Baron von Brentano, schraubt an einem spätsommerlichen Sonnabend seinen markenrechtlich geschützten „Goethewein“ auf, Kabinett halbtrocken, 2008.

Alles, was Johann Wolfgang von Goethe einmal berührt hat, verwandelt sich ja in Gold. Udo von Brentano hat da einen Schatz, den er jetzt leider versilbern muss: Den Sitz seiner Familie, ehemaliges Sommerhaus der Brentanos, Kulturdenkmal „von nationaler Bedeutung“, seitdem sich im Salon die Brüder Grimm trafen, Bettina von Brentano, spätere von Arnim, und Freiherr vom Stein. Um nur einige zu nennen. Und eben Goethe, der mehrmals kam, zuerst im September 1814. Er hat auf den gemütlichen Rosshaarmatratzen geschlafen und an der Dienstbotenklingel gezogen, sich beim Essen gierig gezeigt und gedichtet. Sein Arbeitszimmer und sein Schlafzimmer sind noch original erhalten. Den Riesling des Hauses erklärte er zu seinem Lieblingswein und ließ ihn sich überallhin nachschicken.

Zwischen dem ewigen Ruhm Goethes und der Sterblichkeit des Barons entsteht nun ein delikates Spannungsverhältnis. Udo von Brentano, 63 Jahre alt, hat dem Land Hessen nach über zweijährigen Verhandlungen ein Ultimatum gestellt, dessen Ziel es ist, seinen Familiensitz, diese Hochburg der deutschen Romantik, in seine Rente zu verwandeln. Er möchte 2500 Euro monatlich haben, 30 Jahre lang. Dazu verlangt er eine einmalige Zahlung von 100 000 Euro für historische Möbel, die Einrichtung der Gaststätte „und zahlreiche mediterrane Kübelpflanzen“. So schrieb er es an Staatssekretär Ingmar Jung, Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Kopien gingen an das Landesamt für Denkmalpflege und das Freie Deutsche Hochstift, das sich in Frankfurt um das Goethehaus kümmert.

Es wäre, sagt der Baron, „der Königsweg“, wenn das Land in Verbindung mit der Stiftung sein Haus übernimmt. Dann wäre das kulturelle Erbe gesichert.

Eine knappe Million Euro sind einerseits recht wenig Geld, wenn man die Lage der 17-Zimmer-Immobilie in Winkel im Rheingau betrachtet, den historischen Wert des Hauses, den Hektar Weinberg, der dazugehört, 96 Prozent Riesling, vier Prozent Spätburgunder, das zum Gästehaus umgebaute alte Badehaus im Garten, die Remise, das Taubenhaus – und den Gutsausschank, den man verpachten kann. Auf dem „freien Markt“, sagt Brentano, bekäme er natürlich ein Vielfaches.

Andererseits.

Andererseits sind die originalen Stoffe in den Museumsräumen kurz davor, sich aufzulösen. Sie nach historischen Vorlagen nachzuweben, Tapeten mit handgeschnitzten Holzmodeln nachdrucken zu lassen, kostet „Geld, das ich nicht habe“. Der Sanierungsbedarf ist nach Schätzung des Landes höher als der Kaufpreis. Da der Ruhm Goethes ewig ist, das Alter des Udo von Brentano aber stetig voranschreitet, gerät er nun in Zeitnot. Trotzdem werde er alle privaten Angebote, die er aufgrund der Berichterstattung über sein Ultimatum erhält, ignorieren. Aber nur noch bis zum 30. September.

Die Baronin sagt: „Wir haben schon geblutet für das Haus und die Tradition.“ Es ist nämlich auch Tradition bei den Brentanos, das Haus nicht zu vererben, sondern auf Rentenbasis an die nächste Generation weiterzugeben. So sichert es jeweils deren Altersversorgung. Jahrelang haben sie selbst Raten an seine Eltern bezahlt.

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