Die Wohnungen schrumpfen

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Wohnungsbau in Wien : Das Mieter-Paradies
Beim Generationenwohnen am Mühlgrund von Hermann Czech lassen sich Wohnungen miteinander verbinden.
Beim Generationenwohnen am Mühlgrund von Hermann Czech lassen sich Wohnungen miteinander verbinden.Foto Katrin Bernsteiner/Czech

Schrumpfen heißt eine andere Devise. „Smart“ lautet das neue Zauberwort: kompakte Wohnungen mit effizienten Grundrissen ohne verschenkten Platz; es gibt sie von der Ein- bis Fünfzimmerwohnung, aber der Schwerpunkt liegt bei 40 Quadratmeter-Appartments für Junge, Singles und Senioren. Ein Drittel der Wiener Förderung geht inzwischen in Smart-Wohnungen. 7,50 Euro Miete pro Quadratmeter. Allerdings müssen die Bewohner wie bei vielen Projekten einen Eigenanteil als Einlage mitbringen, in diesem Fall 60 Euro pro Quadratmeter.

Die „Smart“-Wohnungen sind auch eine Antwort auf jene Kritiker, die bemängeln, dass der Mittelstand am meisten von den Förderungen profitiert, untere Einkommensschichten zu kurz kämen. Aber gerade die soziale Durchmischung ist ein besonderes Anliegen der Stadt. So wie bei der Wohnanlage von Artec-Architekten, das passenderweise „Bremer Stadtmusikanten“ heißt. Dort wurden die verschiedensten Formen, von der kleinen Sozialwohnung über Atelier-Maisonettes bis zum Reihenhaus, einfach aufeinandergestapelt. Und alle Bewohner treffen sich dann am Swimmingpool mit Liegewiese auf dem Dach.

Noch bleiben die Heuschrecken fern

Allerdings: ein öffentlich geförderter Wohnungsbau ist kein Luxusobjekt. Jedes Bonbon bedeutet zugleich Verzicht oder Unbequemlichkeit. Wenn an einer Stelle mehr ausgegeben wird, muss das an anderer Stelle eingespart werden. Bei den „Bremer Stadtmusikanten“ sind die Wohnungen so miteinander verbunden, dass zwei Aufzüge auf einem sehr lang gestreckten Stockwerk reichen. Die Außenwände der Hausflure wurden durch eine Gitterfassade ersetzt, was an einem kalten, nassen Januartag für eine etwas klamme Atmosphäre sorgt.

Auch jenseits der geförderten Wohnungen ist der Mieterschutz so streng, dass Investoren eher abgeschreckt werden. „Bisher haben wir es geschafft, große Heuschrecken fernzuhalten“, so Wohnbaustadtrat Michael Ludwig, die treibende Kraft des sozialen Wiener Wohnungsbaus. Bisher: Es gibt Initiativen in der EU, den geförderten Wohnungsbau drastisch zu reduzieren, nämlich auf die unterste Einkommensschicht. Alles andere sei Wettbewerbsverzerrung.

Ein Projekt wie das Mehrgenerationenwohnen Am Mühlgrund wäre dann nicht mehr möglich. Dort haben Bettina Götz und Richard Manahl von Artec-Architekten ein 90 Meter langes, siebengeschossiges Passivhaus gebaut, das sich nach hinten, zur Hochbahn, verschlossen gibt, während die Wohnungen sich alle nach vorne, gen Süden öffnen. Im Erdgeschoss residiert eine Pflege-Wohngemeinschaft, das knallige Treppenhaus ist wie ein Dschungel bepflanzt. Der Riegel schützt auch die dahinterliegenden kleineren, mit Holz verkleideten Reihenhäuser. Im hinteren Teil hat Hermann Czech spektakuläre, flexible Wohnungen geschaffen, die durch Durchbrüche oder Wendeltreppen miteinander verbunden werden können.

Das knallige Innere des Passivhauses von artec Am Mühlgrund ist wie ein Dschungel bepflanzt.
Das knallige Innere des Passivhauses von artec Am Mühlgrund ist wie ein Dschungel bepflanzt.Foto: Bruno Klomfar

Aus deutscher Sicht erscheint Wien als gelobtes Land. Die Einheimischen sehen die Entwicklungen kritischer. Gerade angesichts des Drucks, möglichst schnell viele Wohnungen für wenig Geld zu bauen, fürchten Architekten um die Qualität. Statt Fenster zu verkleinern, würden sie lieber die exorbitant gestiegenen Anforderungen an Brand-, Lärm- und Dämmschutz wieder zurückschrauben.

Das Wiener Modell lässt sich nicht eins zu eins auf Berlin übertragen. Als Inspiration aber taugt es vortrefflich, wie Degewo-Vorstand Kristina Jahn, ganz begeistert von ihrer Exkursion an die Donau mit ihrem Team, erzählt. Seit 2015 verwaltet die Berliner Gesellschaft ja nicht mehr nur, sondern baut selber wieder Wohnungen. Was Jahn imponiert hat: die Selbstverständlichkeit, mit der in Wien vieles realisiert wird. Die 41-Jährige muss kräftig lachen. „Was wir experimentell finden, ist für die ganz normal.“ Jetzt werden auch auf Degewo-Dächern Gärten gepflanzt und Abstellräume gebaut, ein Trick, um höher, aber nicht teurer zu werden. Auch kostensparende zentrale Erschließungen wie Laubengänge werden getestet. „Die Reise hat uns unglaublich motiviert, Dinge einfach auszuprobieren, frischer zu werden. Zu sagen: Jawoll, Bauen ist toll! Wachstum ist toll!“

Von den sieben Architekturbüros, die jetzt für die Degewo arbeiten, kommen zwei aus Wien.

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