Sascha hilft anderen Räumungsbedrohten

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Wohnungsmarkt in Berlin : Wie es sich anfühlt, zwangsgeräumt zu werden
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Nicht mehr zu Hause. Maler Ali Gülbol im Kreuzberger Treppenhaus.
Nicht mehr zu Hause. Maler Ali Gülbol im Kreuzberger Treppenhaus.

Sascha, 40, erwerbslos. Ich kann meinen Namen nicht preisgeben. Mein Vermieter will mich loswerden, weil ich im Haus aktiv bin. Er könnte sonst argumentieren, ich hätte unser Vertrauensverhältnis zerrüttet. Schon hätte ich die nächste Kündigung im Briefkasten. Dabei habe ich gerade in zweiter Instanz gewonnen, ich darf bleiben.

Es ist immer das gleiche Prinzip, ich beobachte das hier im Wrangelkiez seit Jahren: Jemand kauft ein Haus und will es teurer weiterverkaufen. Dazu muss er sich der Mieter entledigen. Er schickt Briefe, setzt sie unter Druck, kündigt beim kleinsten Versehen.

Wie bei mir, als ich die Nebenkosten reklamierte. Der Deutsche Mieterbund geht davon aus, dass jede zweite Nebenkostenabrechnung fehlerhaft ist. Das ist kein Zufall, das ist strukturell.

Mein Vermieter reagierte mit einer Abmahnung, ich weigerte mich, falsche Kosten zu zahlen. Schließlich kam die Kündigung. Hartz-IV-Empfänger wie ich können sich nicht einfach so einen Anwalt leisten. Sie müssen das Amt überzeugen, dass sich Prozesskostenhilfe lohnt. Das sind Zugangshürden, die der Vermieter ausnutzen kann. Ich hatte Glück, ein befreundeter Mietrechtler half mir.

Viele zahlen aus Angst lieber gleich, treiben das Geld irgendwie auf. Die Situation ist ja existenziell, ohne Wohnung bist du nackt. Ich kenne einen Familienvater, der seit Wochen schlimme Magenschmerzen hat. Seine Kinder werden gehänselt: „Du musst raus!“, „Ihr habt kein Geld!“ Andere, wie Rosemarie Fliess, überleben eine Räumung nicht. Sie starb letzten April in einer Wärmestube.

Seit längerem arbeite ich selbstorganisiert im Bündnis „Zwangsräumung verhindern!“. Neben Demos und Blockaden begleiten wir Betroffene zu den Prozessen. Als moralische Unterstützung und damit die Richter merken, dass jemand zuhört. Die Diskussion wird immer so geführt, als seien Kreative oder Studis schuld, dass die Mieten hochgehen. Dabei sind es die Eigentümer. Mein Haus ist seit etwa 80 Jahren abbezahlt, seit 1970 nur notdürftig renoviert, kostet sieben Euro pro Quadratmeter.

Ich glaube an gemeinschaftlich verwaltetes Eigentum. Das funktioniert bei den legalisierten, ehemals besetzten Häusern im Kiez auch. Die Instandhaltung kostet zwischen 1,50 und 2,50 pro Quadratmeter, dazu kommt ein bisschen Verwaltungsaufwand, Plenumssitzungen einmal im Monat. Das Grundrecht Wohnen muss so gestaltet sein, dass jeder es wahrnehmen kann.

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