Zum Berlin-Marathon : „Schmerz ist der engste Vertraute jedes Läufers“

Ein Marathon ist aufgebaut wie eine Novelle, sagen die Schriftsteller Günter Herburger und Matthias Polyticki. Gerannt sind Sie schon am Kilimandscharo, durch die Sahara - und in Berlin.

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Günter Herburger und Matthias Politycki, Autoren und Marathonläufer.
Günter Herburger und Matthias Politycki, Autoren und Marathonläufer.Foto: Mike Wolff

Günter Herburger, 83, ist Schriftsteller und Lyriker, Abenteuergeschichten für Kinder verfasste er auch. Anfang der 80er Jahre wurde er zum besessenen Läufer
und schrieb Bücher darüber. Er lebt in Berlin.
Matthias Politycki, 60, schreibt Romane, Gedichte und reist viel um die Welt. Kürzlich erschien von ihm „42,195. Warum wir
Marathon laufen und was wir dabei denken“. Er wohnt in Hamburg und München.


Herr Herburger, Herr Politycki, Sie haben beide mit dem Marathonlaufen begonnen, als Sie jenseits der 50 waren. Haben Sie Ihre Bestzeiten im Kopf?

HERBURGER: 3:04 in Berlin, doch dabei habe ich massenhaft fotografiert. Am Wilden Eber bin ich sogar zurückgerannt, da stand dieses Tier, die Sonne fiel direkt auf die Schnauze, dieses goldene Licht, ach, davon wollte ich ein Bild. Ich habe stets eine sehr kleine Kamera dabei.

POLITYCKI: Bei mir war es in London, 3:52. Aufgrund meiner Halbmarathonzeiten hätte ich 3:30 laufen sollen, trotzdem war’s wunderbar, im Zielbereich „well done“ und „congrats“ von allen Seiten.

Sie fotografieren nicht?

POLITYCKI : Beim einen oder anderen Geländelauf habe ich’s versucht und schnell gemerkt: Dabei komme ich ja ständig aus dem Rhythmus! Vor allem schaue ich ganz anders in die Landschaft, wenn ich auf Fotomotive aus bin. Die großen Bilder eines Laufs entstehen en passant, die kann ich nur als Geschenk im Hirn abspeichern.

HERBURGER: Kurz innehalten, draufdrücken, dann sind die Fotos da. Aber Sie haben recht, der Rhythmus ist weg, und es kostet einige Anstrengung, ihn wiederzufinden.

42,195 Kilometer lang ist ein Marathon, wie viele Läufe haben Sie beendet?

POLITYCKI: Acht.

HERBURGER: Um die 40, die langen Strecken sind nicht eingerechnet. Zwei über 100 Meilen, der Lauf im Sinai hatte 170, durch Mauretanien waren es 320 Kilometer und …

Aufgegeben haben Sie nie?

POLITYCKI: Nein. Das wäre die Höchststrafe.

HERBURGER: Beim Spartathlon, das ist mit 246 Kilometern eine Riesenstrecke, habe ich abgebrochen, ich hatte die falschen Schuhe an und dachte, Herrgottsack, das halte ich nicht mehr aus, diese Drecksschuhe, Blut im Schuh, Blut im Schuh. Ein Grieche lief das in gut 20 Stunden, der hatte aber seine eigenen Leute zur Versorgung dabei.

POLITYCKI: Wenn ich Ihrem jüngsten Laufbuch glauben darf, dann haben Sie sich schon mal ins Gebüsch neben der Strecke geschlagen und Pause gemacht. Dass Sie das zugeben, fand ich sympathisch. Es ist ja auch keine geringe Leistung, wieder ins Rennen zurückzukommen, aus dem einen der Krampf oder Schmerz rausgeworfen hat, das sagt viel über den Charakter eines Läufers aus.

HERBURGER: Sie hören als Schriftsteller auch nicht auf. Ein Lauf ist im Grunde aufgebaut wie ein kurzer Roman oder eine Novelle, ich denke bisweilen, ich weiß nicht weiter, aber das stimmt nicht, es sitzt ja alles im Kopf, der ist nur nicht frei. So ist es auch beim Laufen, Kilometer 40, nein, denke ich, es hört nicht auf, und dann noch durchs Stadion, das schaffe ich nicht, Helsinki, Moskau, gewaltige Stadien, ich komme nie ans Ziel! Und dann schafft man es doch.

POLITYCKI: Um die volle Erfahrung eines Marathons zu machen, gehört er durchgerannt, das unterscheidet ihn ja vom Ultramarathon. Und ja, Romanschreiben und Laufen haben viel miteinander zu tun. Früher bin ich beim Schreiben einfach drauflosgesprintet, und sobald die Euphorie verflogen war, hatte ich mich bereits rettungslos verrannt. Guter Start, aber eingebrochen. Als Läufer trainiert man, bis zum Ziel mit konstantem Tempo zu laufen, als Schriftsteller muss man lernen, dem Druck des ersten Einfalls zu widerstehen und …

HERBURGER: Das Kontinuum der Sätze und Schritte!

POLITYCKI: … sich erst mal ausreichend lange vorzubereiten, um sein Schreibtempo durchhalten zu können. Den Stoff für „Samarkand Samarkand“ habe ich 25 Jahre mit mir rumgetragen, mehrere hundert Seiten verschossen, ich konnte den Roman erst schreiben, als ich im Marathontraining war.

Ihre Bücher sind voll detaillierter Beschreibungen. Laufen Sie mit Diktafon, machen Sie Notizen?


HERBURGER: Das ist im Kopf. Ab und an notiere ich später Stichworte. Und ich habe meine Fotos, dann weiß ich, ah, da kommt die Tante von links, das da war ein Salzsee … Jetzt muss ich gestehen, ich laufe auch den Namen nach. Ich schaute mal auf eine Landkarte von Palästina, gibt es keinen Lauf um Jerusalem herum?, das wäre toll, rauf und runter über heilige Steine. Gab’s nicht. Aber am See Genezareth, blödes Wort, See Genezareth, wie ein zerhackter Zaun, dann lernte ich, auf Englisch heißt er eleganterweise „Sea of Galilee“, oh Jesus! Da gehe ich hin und laufe Marathon.

POLITYCKI: Auf einer Karte des Münchner Umlands entdeckte ich mal mitten im Lauf eine Ortschaft namens Laufzorn. Die lockte mich aus dem Perlacher Forst raus nach Süden – Laufzorn, da wollte ich hin. Es war dann unspektakulär, Bauernhöfe, Wiesen. Übrigens mache ich nach vielen Läufen Notizen, ich laufe ja gern mit anderen und …

HERBURGER: Schrecklich, furchtbar, ich laufe nur allein.

In Ihrem Buch heißt es, „man ist nie ohne Schmerzen“. Der Schmerz ist ein Signal des Körpers: stopp! Doch Sie machen weiter.

POLITYCKI: Schmerz gehört dazu, er ist der engste Vertraute jedes Läufers. Läuft man durch den Schmerz hindurch, ist das Glück danach größer, als wenn man die ganze Zeit in der Wohlfühlzone geblieben wäre. Es gehört zum Läufer-Ethos, den Schmerz kleinzulaufen, nur so kann man den Marathon überhaupt bestehen. Wenn die Fettverbrennung anspringt und die Muskeln mehr Sauerstoff brauchen …

HERBURGER: … so bei Kilometer 30, 32 stellt sich der Körper um, halleluja Fettverbrennung, lüstern habe ich darauf gewartet, das Serotonin wird steigen, das Glückshormon, komm Serotonin, mach, mach. Ich begrüße die Schmerzen, die Müdigkeit, das Zerren in den Fibrillen. Ich wundere mich immer wieder, der Körper ist so fabelhaft, was er alles kann – nur manchmal ist er störrisch.

Wo hatten Sie denn das härteste Erlebnis?

HERBURGER: In der Glut von Mauretanien, hunderte Kilometer über Sand und Geröllhalden, es hat schon mal 60 Grad, man muss hüpfen, sonst löst es die Sohle vom Schuh. Doch es ist völlig trocken, dadurch ist es auszuhalten. Man rennt nicht an einem Stück durch, 20 Minuten vielleicht, dann zehn Minuten spazieren. Ich habe mich auch mal eingegraben und zwei Stunden geschlafen.

POLITYCKI: Ultra-Läufe sind eine andere Disziplin. Ich las von einem Amerikaner, der ließ an den Verpflegungsstationen einen Sarg mit Eiswürfeln aufstellen, in den er sich kurz legte, ein anderer ließ sich immer die nackten Brüste einer Betreuerin zeigen – das gab beiden den Kick weiterzumachen.

Ultra-Marathon reizt Sie nicht?

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