Zum Wort des Jahres 2016 : Ab die Post

Seit die Kanzlerin von "postfaktischen Zeiten" sprach, macht ein Präfix unaufhaltsam Karriere. Was diente Angela Merkel als Inspiration?

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Postpunk. Der Frontman der Talking Heads David Byrne 1981 bei einem Konzert in Bologna.
Postpunk. Der Frontman der Talking Heads David Byrne 1981 bei einem Konzert in Bologna.Foto: imago

POSTAMERIKANISCH

Bezeichnet ein Zeitalter, das angeblich mit dem ökonomischen Aufstieg von Ländern wie China, Indien oder Brasilien begonnen hat und in dem die USA ihre Position als einzige Supermacht verlieren. Wichtige Marksteine des relativen Niedergangs Amerikas sind die Terroranschläge vom 11. September 2001, die steigende Auslandsverschuldung und der Krieg im Irak. Geprägt wurde der Begriff vor allem durch den Journalisten Fareed Zakaria und dessen Buch „The Post-American World“ aus dem Jahr 2008. Donald Trumps „Make America Great Again“ kann teilweise als Reaktion auf die Entwicklung verstanden werden, könnte diese – etwa durch eine isolationistische Außenpolitik – jedoch weiter verstärken.

POSTATOMAR
Die „postatomare Schreckenszeit“ ist eine geschichtliche Epoche im Star-Trek-Universum. Sie folgt auf einen nuklearen Krieg im Jahr 2079. In mehreren Folgen der Serien „The Next Generation“ und „Enterprise“ wird rückblickend darauf Bezug genommen. Während der Schreckenszeit sind weite Teile der Erde unbewohnbar, die Neuen Vereinten Nationen scheitern, Unschuldige werden in Schauprozessen verurteilt, Soldaten mit Drogen gefügig gemacht. Erst nach vielen Jahren verbessert sich die Situation, auch dank der Hilfe der Vulkanier (+ posthuman).

POSTDEMOKRATISCH
Große Verbreitung fand das Wort, das seit den 90er Jahren in Umlauf ist, durch ein Buch des britischen Politikwissenschaftlers Colin Crouch aus dem Jahr 2005. Crouch und andere Kritiker, die meist dem linken Spektrum entstammen, meinen damit den angeblichen Verfall von Demokratien, den man seit einigen Jahrzehnten beobachten könne. An der Oberfläche sei alles in Ordnung – zum Beispiel gibt es weiter freie Wahlen –, tatsächlich würden die Demokratien aber ausgehöhlt durch die Macht multinationaler Konzerne und den Einfluss von Medien und PR auf die politische Kommunikation. So habe Druck der privilegierten Eliten zu einem Rückbau des Sozialstaats geführt. Hoffnung sieht Crouch, der Tony Blairs „New Labour“ als typische postdemokratische Partei bezeichnete, in neuen sozialen Bewegungen.

POSTDIGITAL
Das Konzept hinter diesem Begriff wird vor allem in der Musik- und Kunstszene angewandt, hat mittlerweile aber auch Einzug in Philosophie und Sozialwissenschaften gehalten. Geprägt wurde der Ausdruck vom Informatiker Nicholas Negroponte, Professor am Massachusetts Institute of Technology. Negroponte überschrieb 1998 eine Kolumne im Magazin „Wired“ mit den Worten „Beyond Digital“. In dem Artikel postuliert er, das Digitale werde zu einem selbstverständlichen Teil unseres Alltags werden (+ posturban): „But the really surprising changes will be elsewhere, in our lifestyle and how we collectively manage ourselves on this planet.“ Die eigentlichen großen Veränderungen werden Negroponte zufolge gesellschaftlicher, nicht technologischer Natur sein. So sagte der Informatiker das Ende des Nationalstaats voraus, außerdem werde es das Konzept der Rente in Zukunft nicht mehr geben.

POSTDRAMATISCH
Eine Wortschöpfung des Theaterwissenschaftlers Hans-Thies Lehmann. Das zeitgenössische Theater bricht mit der Tradition: Der Dramentext verliert, die Performance auf der Bühne dagegen gewinnt an Bedeutung. Das postdramatische Theater öffnet sich anderen künstlerischen und medialen Genres und Techniken, verhandelt oft Themen von großer Aktualität, aber auch sozialwissenschaftliche Theorien. Zu den deutschsprachigen Vertretern gehören die Gruppe „Rimini Protokoll“, der Regisseur René Pollesch und die Schriftstellerin Elfriede Jelinek.

POSTFORDISTISCH
Die Wirtschaftsform des „Fordismus“ entstand nach dem Ersten Weltkrieg und gelangte nach dem Zweiten zur Blüte. Namenspate ist der US-Autoproduzent Henry Ford, dessen Organisation von Arbeit und Kapital als typisch für die gesamte Epoche gilt. Deren Merkmale sind: standardisierte Massenproduktion, Steigerung der Massenkaufkraft, Aufbau des Sozialstaats, steigende Ansprüche an die individuelle Lebensführung. In den 70er Jahren wurde diese Phase abgelöst von einem neuen Modell, das als „Postfordismus“ bezeichnet wird – oder auch als „Toyotismus“, in Anlehnung an das japanische Automobilunternehmen Toyota und dessen damals innovative Produktionsweise. Die Industrie arbeitet nun flexibler und bringt regelmäßig neue Produkte auf den Markt, Teamwork und die Mitsprache qualifizierter Arbeiter spielen eine größere Rolle. Typisch für die postfordistischen Zeiten sind zugleich die zunehmende internationale Arbeitsteilung und der Abbau sozialstaalicher Leistungen (+ postdemokratisch).

POSTFOSSIL
Eine ökologische Zukunftsvision, die sich mit dem Satz „Keine Verbrennung mehr!“ zusammenfassen lässt. In der idealen postfossilen Gesellschaft sind Kohlekraftwerke abgeschaltet, die Bewohner heizen ihre Häuser mit Körperwärme, und Solaranlagen liefern den nötigen Strom, zum Beispiel für Elektroautos.

POSTHEROISCH
Mit diesem Adjektiv wird manchmal ein zeitgenössischer Typ Mann beschrieben, der sich eher durch Empathie und Kompromissbereitschaft als durch Mut und Unnachgiebigkeit auszeichnet (+ postphallisch). Politisch betrachtet stammt der Begriff aus dem Bereich Militärstrategie und -geschichte. Er kam in den 90er Jahren auf und erfreut sich seitdem wachsender Beliebtheit. So beschreibt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler damit die durch die Kriege des 20. Jahrhunderts geläuterten westlichen Gesellschaften; deren psychologische Schwachstellen nutze der internationale Terrorismus aus. Sie seien nicht „unheroisch“, würden aber in Anbetracht der vielen Opfer ihres einstigen Heroismus vor dem Einsatz militärischer Gewalt und vor allem vor menschlichen Verlusten (in den eigenen Reihen) zurückschrecken. Deshalb setzen sie etwa bevorzugt auf Luftschläge statt auf Bodentruppen. Oder, mit Münklers Worten: „Drohnen sind der Rollator der postheroischen Gesellschaft.“

POSTHUMAN
Der Mensch erscheint Anhängern des Posthumanismus bloß als ein Tier unter anderen, seine evolutionäre Entwicklung sei an ihr Ende gelangt. Was kommt nach dem Menschen? Übernehmen Maschinen die Macht, speichern wir unsere Gedanken bald auf Festplatten? Vertreter des vor allem im angelsächsischen Raum beheimateten Transhumanismus, der oft dem Posthumanismus zugerechnet wird, streben einen durch Nanotechnologie oder Gentechnik intellektuell, physisch und psychologisch verbesserten Menschen an. Viele Science-Fiction-Autoren beschäftigen sich mit Fragen des Posthumanismus. Die Denkschule wird von manchen auf Friedrich Nietzsche zurückgeführt, den Begriff selbst prägte der Philosoph Peter Sloterdijk vor nicht mal 20 Jahren.

POSTIMPRESSIONISTISCH
Bezeichnet unterschiedliche Stile der Malerei, die von 1880 bis 1905 auf den Impressionismus folgten, etwa Pointillismus und Synthetismus. Herausragende Vertreter sind der Niederländer Vincent van Gogh sowie die Franzosen Paul Gauguin und Paul Cézanne. Der Begriff geht zurück auf den Kritiker Roger Fry, der ihn 1910 das erste Mal verwendete. Die Postimpressionisten lösten sich zunehmend von der naturgetreuen Darstellung von Farben und Licht, eine eindeutige Unterscheidung vom Impressionismus ist jedoch schwierig, man spricht daher auch von Spätimpressionismus.

POSTIRONISCH
Steht für die Suche nach Wahrhaftigkeit in unserer Epoche, in der scheinbar nichts endgültig festgelegt ist (+ postmodern). Zu den literarischen Vertretern dieser Strömung werden David Foster Wallace und Dave Eggers gezählt. In einem postironischen Manifest von 2008 heißt es: „Ironic doubt is just dissatisfaction elevated into a lifestyle“, ironisches Zweifeln sei nur Unzufriedenheit, die zu einem Lifestyle erhoben wird. Das Manifest propagiert stattdessen Schönheit, Magie und schließlich Liebe (+ postromantisch). Denn aus Liebe könne Wahrheit erwachsen.

POSTKOMMUNISTISCH
Meist verwendet als Sammelbegriff für die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zustände in den Staaten des ehemaligen Ostblocks nach dem Ende des Kommunismus. Der Wandel der Gesellschaft ging einher mit hoher Arbeitslosigkeit, einem Gefühl fundamentaler Verunsicherung, oft auch mit politisch und wirtschaftlich motivierter Gewalt. Wann genau die Phase des Postkommunismus als beendet angesehen werden kann, ist nicht klar. Seit den Nullerjahren verliert der Begriff jedoch spürbar an Bedeutung.

POSTMATERIALISTISCH
Eine charakteristische Eigenschaft von sozialen Milieus oder ganzen Gesellschaften, die wohlhabend genug sind, um sich „höheren“ Dingen zu widmen. Statt eines großen Autos strebt der Einzelne nach beglückenden Erlebnissen, statt nach einem hohen Einkommen eher nach einer als sinnvoll empfundenen Arbeit. Forschern zufolge haben alle westlichen Industrieländer in den vergangenen Jahrzehnten eine Abkehr von materialistischen und eine Hinwendung zu postmaterialistischen Werten erlebt: Der früher vorherrschende Wunsch nach niedrigen Preisen, nach Ruhe und Ordnung wurde abgelöst vom Wunsch nach freier Meinungsäußerung und stärkerer Bürgerbeteiligung. Eine internationale Untersuchung im Jahr 2000 ermittelte den höchsten Anteil von Post-Materialisten in Australien (35 Prozent), Österreich (30 Prozent) und Kanada (29 Prozent).

POSTMIGRANTISCH
In jüngster Zeit aufgekommener Begriff aus den Sozialwissenschaften, der eine im Umbruch befindliche nationale Identität beschreibt. In einer postmigrantischen Gesellschaft fordern Einwanderer und deren Nachkommen mehr Einfluss ein, sie wollen und können über den Charakter ihrer neuen Heimat mitbestimmen.

POSTMODERN
Schon der Begriff Moderne ist schwer zu definieren. Im Allgemeinen versteht man darunter jene Epoche, die mit der Aufklärung begann, mit Industrialisierung und Belle Époque einen Höhepunkt erreichte (+ postimpressionistisch), bevor sie etwa Mitte des 20. Jahrhunderts endete. Was danach kam, war und ist postmodern – in Wissenschaft, Architektur, Literatur ... Andererseits bezeichnet Postmoderne eine intellektuell sehr vielfältige Bewegung, die sich bewusst gegen die Moderne wendet, etwa gegen deren Vorstellung von Fortschritt und Vernunft. Typisch für die Postmoderne ist also die Dekonstruktion bisheriger Ideen, in der Kunst oft auch die Neuzusammensetzung bestehender Stile und das ironische Spiel mit denselben. War die Moderne eine Zeit, in der die Entwicklung der Gesellschaft scheinbar nur eine Richtung kannte, so herrschen in der Postmoderne Zweifel und Unübersichtlichkeit vor.

POSTPHALLISCH
Beschreibt laut Queer- und Gender-Forscher Peter Rehberg die Art, mit der der zeitgenössische Hipster durch Kleidung, Verhalten und persönliche Vorlieben Männlichkeit präsentiert. „Seine Sexualität ist domestiziert und nur noch zu erahnen“, so Rehberg in der „taz“. Tatsächlich bricht der Hipster aber bloß oberflächlich mit althergebrachten Rollenvorstellungen, denn: „Unter dem Vorwand einer hippen Postphallizität kommt eine ,natürliche Männlichkeit‘ ungehindert zum Zuge“ – insbesondere durch den obligatorischen Bart. Abgesehen von Rehbergs Text findet sich der Begriff auch im Roman „Sternschanze“ der Bestseller-Autorin Ildikó von Kürthy. Dort beschreibt er den Durchschnittsmann von heute. Dieses orientierungslos umherirrende Opfer der „Östrogenisierung der Welt“ müsse „über seine Gefühle sprechen, Elternzeit nehmen und den Müll trennen“.

POSTPORNOGRAFISCH
Manche Filmemacher hinterfragen seit einigen Jahren, was gemeinhin unter Pornografie verstanden wird. Sie produzieren zum Beispiel Pornos speziell für ein weibliches Publikum oder Filme, die zwar Sex beinhalten (Hardcore-Szenen inklusive), aber nicht zur unmittelbaren Befriedigung erotischer Bedürfnisse gedacht sind, sondern als Kunstwerke gezeigt werden (+ postdramatisch).

POSTPUNK
Ein Musikstil, der Ende der 1970er Jahre aus dem klassischen Punk hervorging. Der Begriff tauchte erstmals 1977 in einem britischen Musikmagazin auf. Welche Strömungen dazugehören, ist umstritten. Oft werden New Wave, Independent oder Dark Wave unter Post-Punk subsumiert. Vertreter sind etwa Talking Heads und Joy Division.

POSTROMANTISCH
Die romantische Liebe ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Passt sie noch in unsere Zeit, in der sich Menschen online zum unverbindlichen Sex verabreden (+ postpornografisch) und ein vermeintlich besserer Partner immer nur einen Mouseklick entfernt ist? Nein, meinen Wissenschaftler und konstatieren wie der Soziologe Sven Hillenkamp in seinem gleichnamigen Buch von 2009 „Das Ende der Liebe“.

POSTURBAN
Während große Teile der Menschheit in die Metropolen strömen, glauben manche Forscher, dass eine Abkehr von den Städten bevorstehe. Auf dem Lande lebe es sich einfach schöner, und dank neuer Technologien wie Internet, Drohnen und 3D-Druckern müsse dort bald keiner mehr auf Annehmlichkeiten verzichten.

POSTZIONISTISCH
Wird von Soziologen verwendet, um den Wandel der israelischen Gesellschaft zu beschreiben. Mit der Gründung des Staates Israel 1948 sei das Ziel des Zionismus erreicht worden; aus einem sozialistisch orientierten Gemeinwesen wurde danach allmählich ein kapitalistisches, multikulturelles und individualistisch geprägtes Land. Intellektuelle, die aufräumen wollen mit dem, was sie für zionistische Mythen halten, werden oft als Post-Zionisten bezeichnet. In den Augen ihrer Kritiker beteiligen sie sich an der Dämonisierung Israels.

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