Sonntagsinterview : „Ich besaß die Kessheit, der Queen zu sagen...“

Bald ist königliche Hochzeit in Schweden – und er hat schon den Pfarrer befragt: Rolf Seelmann-Eggebert kann jede Menge Anekdoten über Monarchen erzählen

von und Interview: Esther Kogelboom

Herr Seelmann-Eggebert, Sie kommen gerade vom Zahnarzt. Welche Klatschzeitschriften haben Sie im Wartezimmer gelesen?

Gar keine, da lag bloß „Geo“. Außerdem hat mich der Arzt nicht lange warten lassen. Ich lese selten Klatschzeitschriften, aber wenn, dann kaufe ich gleich den ganzen Kiosk leer.

Sie mögen das.

Manchmal interessiert mich deren fast krankhafte Fantasie. Vor ein paar Jahren hat es mal eine Geschichte über Viktoria von Schweden gegeben, da war sie noch nicht liiert. Die Redaktion hat sich wohl gedacht: Wäre es nicht schön, wenn wir die hübsche Viktoria mal wieder auf dem Titel hätten? Und dann haben sie mit dem Spekulieren begonnen: Alle anderen sind schon fast verheiratet, nur sie nicht – oh, und dieser Griechenprinz auch noch nicht, die beiden haben sich doch mal getroffen … Daraus wurde dann: Die Hochzeit steht unmittelbar bevor und ein Baby ist schon unterwegs.

Wie informieren Sie sich denn?

Ich habe die englische Zeitschrift „Majesty“ abonniert, die das britische Königshaus zuverlässig beschreibt. Die haben gute Quellen – und einen Terminkalender für den ganzen Monat, so dass man immer weiß, was passiert. Für das breite Publikum ist das nicht interessant. Da steht zu viel Wahres drin.

Am 19. Juni heiratet Viktoria nun wirklich – ihren ehemaligen Fitnesstrainer. Was kann Daniel Westling von Prinz Philip lernen, der einst auch eine angehende Königin heiratete?

Für einen Mann ist diese Rolle schwierig. Die Kunst besteht darin, sich einen Strauß eigener Aufgaben zu suchen. Niemand weiß das besser als Viktoria. Sie hat mir mal gesagt: Derjenige, der sich mit mir in den goldenen Käfig setzt, zieht ein schweres Los. Es beginnt schon damit, dass Westling wegen des Protokolls immer zwei Schritte hinter ihr wird gehen müssen.

Was zeichnet das schwedische Königshaus aus?

Dass sie mit Silvia eine Königin besitzen, von der beinahe jeder Schwede sagt: Das ist das Beste, was wir je aus Deutschland importiert haben.

Sie werden die Hochzeit selbstverständlich im Fernsehen kommentieren. Bereiten Sie sich speziell vor?

Ich passe bei solchen Veranstaltungen immer darauf auf, ein weibliches Auge dabei zu haben. Denn schon die Beschreibung des Hochzeitskleides ist eine Herausforderung, der ich nicht gewachsen bin. Allein die diversen Weißtöne: Elfenbein, Eierschale und so weiter. Und natürlich gucke ich mir die Kirche an, rede mit dem Pfarrer. Interessant bei dieser Hochzeit ist, dass sie genau 34 Jahre nach der von Viktorias Eltern stattfindet. Da ist es ganz gut, sich nochmal mit den damaligen Ereignissen anzufreunden.

Jedes Kind in Deutschland bringt Sie heute mit den Königshäusern dieser Welt in Verbindung. Dabei war es eher Zufall, dass Sie zum Monarchie-Experten wurden. 1978 drehten Sie als ARD-Korrespondent in London einen Film über Prinz Charles.

Der feierte seinen 30. Geburtstag und alle meinten, er werde bald König. Dass die lustigen Weiber von Windsor so langlebig sind, war nicht klar. Der Film bestand hauptsächlich aus Archivmaterial. Ich habe versucht, ein Interview mit Charles zu bekommen, bin da aber noch kläglich gescheitert. Und als ich seinen Mentor, den berühmten Lord Mountbatten, ehemals Vizekönig von Indien, bat, mir etwas über Charles zu erzählen, bekam ich bloß einen netten Brief: Ich müsse Verständnis haben, darüber werde nicht geredet. Später habe ich gelesen, dass Mountbatten für so manchen Initiationsritus seines Zieh-Enkels zuständig war. Er hat Charles zum Beispiel sein Haus zur Verfügung gestellt ...

Sie meinen als ...?

Fragen Sie mich nicht wofür! Jedenfalls ist der Prince of Wales da häufiger gewesen.

Welchen Eindruck hatten Sie von Charles?

Ich fand ihn erstaunlich entwickelt für einen 30-Jährigen. Alles, was so ein Thronfolger machen muss, tat er ganz selbstverständlich: Reden halten, Kindern im richtigen Augenblick über den Kopf streichen, jungen Damen ein Kompliment machen, und älteren erst recht. Da gibt es ein Repertoire von vielleicht 200 Formulierungen.

Zum Beispiel?

Wenn er unverfänglichen Small Talk, sagen wir: mit einer 25-jährigen Krankenschwester, halten will, würde er auf ihren Dialekt anspielen und fragen: „Do I hear Yorkshire?“

Das steht im kleinen Handbuch für den König?

Wenn Sie da reingeboren werden, gucken Sie sich das ab, vom ersten Lebensjahr an. Er hat auch die Macht früh entdeckt. Als kleiner Junge begriff er, dass die Soldaten salutierten, wenn er an ihnen vorbeikam. Also hat er sich einen Spaß daraus gemacht, immer vor denen auf und ab zu gehen.

Seine Hochzeit mit Diana haben Sie 1982 in der ARD kommentiert ...

... und danach besuchte ich einen Vetter meiner Frau in Rathenow, in der DDR. Ich fuhr einen alten Volvo und hatte an den hinteren Fenstern aus Spaß so ein Teil befestigt, das man damals kaufen konnte: Das zeigte Prinz und Prinzessin winkend. Nicht ein Vopo verlangte, das Ding abzunehmen.

Besitzen Sie viele königliche Souvenirs?

Nur eine Tasse, die es zur Verlobung von Charles gab. Der Henkel ist ein abstehendes Ohr.

Seien Sie ehrlich: Sie bedauern, dass es in Deutschland keine Königsfamilie gibt!

Überhaupt nicht. Es hat seinen Grund, warum alle deutschen Monarchien 1918 gefallen sind, wie reife Früchte vom Baum. Es ist aber nicht meine Sache, den Engländern zu sagen: Ihr habt da noch so eine komische Monarchie, solltet ihr die nicht abschaffen? Zumal die Zustimmung für das Königshaus dort und für die Königshäuser in anderen Ländern bei 75 bis 95 Prozent liegt. Ich sehe meine Rolle darin, in einem Land, das von der Monarchie nichts mehr mitbekommen hat, zu erklären, wie diese Staatsform funktioniert.

Die Monarchien werden nicht aussterben?

Das Geheimnis besteht darin, am Puls der Zeit zu bleiben, ohne zu sehr vorzupreschen. Als Prinz Haakon in Norwegen Mette-Marit heiratete, die ein Kind mit in die Ehe brachte, war das schwierig. Die konservative Gesellschaft Norwegens hat sich erst wieder hinter ihr Königshaus gestellt, als das Ausland anfing, darüber die Nase zu rümpfen.

Ein bisschen sehnt man sich offenbar auch in Deutschland nach der Monarchie. Jedenfalls wird jetzt das Berliner Stadtschloss wieder aufgebaut.

Ich empfinde das als Armutszeugnis. Die Institution, die da drin war, will man nicht wieder haben. Jede Zeit hat ihre Monumente. Ein Park oder ein Kinderspielplatz wären besser an dieser Stelle.

Der „Spiegel“ hat Ihnen wenig schmeichelhafte Spitznamen verpasst: „Hofberichterstatter“ und „Durchlauchterhitzer“ zum Beispiel.

Ach ja, aber wenn die was wissen wollen, rufen sie trotzdem bei mir an. Das letzte Mal sollte ich mir für die einen ZDF-Film zu den Monegassen ansehen. Aber Monaco ist nicht so mein Thema, das ist ein Piratenregime. Es glänzt nur dadurch, dass es zwei schöne Frauen hervorgebracht hat.

Sie tragen eine Art Siegelring. Sind Sie selber adelig?

Nein, schauen Sie sich den genauer an: Darauf ist ein Mann mit einer Rose – in Franken, woher meine Familie stammt, ein Symbol für Bauern.

Gibt es etwas, das alle Adeligen verbindet?

Ich glaube nicht. Aber ich bin auch kein Adelsexperte. Mich interessieren Europas Königshäuser. Und deren Mitglieder verbindet wohl, was man ihnen auch nachsagt: Pflichtbewusstsein.

Tauschen Sie sich eigentlich mit Ihren internationalen Kollegen aus, den Seelmann-Eggeberts aus Italien oder Norwegen?

Ich weiß nicht, ob es die überhaupt gibt. Als Beatrix ihr 30-jähriges Thronjubiläum feierte, kam das niederländische Fernsehen und wollte von mir wissen, wie ich die Königin sehe. Die sagen sich: So was Beklopptes wie den gibt es in Europa nicht noch mal. Dass einer sich hauptamtlich mit sieben Monarchien beschäftigt, ist die Ausnahme.

Sie werden beim Bäcker sicher oft auf das schwedische Königshaus angesprochen?

Selten, aber ich bekomme fast täglich Fragen per Post. Es ist unglaublich. Gestern schrieb mir eine Frau, die Fan der Queen ist. Sie hat extra deswegen Englisch gelernt und ist auch schon mehrmals nach London gereist. Obwohl sie viel Zeit vor dem Buckinghampalast verbrachte, sei es ihr aber nie gelungen, Elizabeth mal leibhaftig zu sehen. Ob ich ihr nicht sagen könnte, wann das klappen würde? Ich habe ihr zwei Tipps gegeben: Zur Geburtstagsparade im Juni und zum Heldengedenktag im November kann sie die Queen an bestimmten Stellen todsicher sehen.

Woher diese große Sehnsucht nach Monarchie?

Na ja, ich glaube, das hat eher etwas damit zu tun, dass Hollywood an Bedeutung eingebüßt hat. Früher gab es noch Stars wie Errol Flynn, die das Publikum von der Wiege bis zur Bahre begleitet hat. Die Königshäuser haben diese Rolle mit ihrer Kontinuität und ihrer Glanzentfaltung übernommen.

Mit der Glanzentfaltung ist es aber nicht mehr so weit her, wenn Prinz Harry sich auf einer Feier mit Hakenkreuzbinde blicken lässt.

Harry ist ein Opfer des frühen Tods seiner Mutter. Um William haben sie sich immer mehr gekümmert. Die Ordonnanzoffiziere, die für Harry zuständig sind, hätten das nicht zulassen dürfen.

Man merkt: Sie sind „Commander of the British Empire“ und ...

... ach, den Orden habe ich für meine Arbeit in der Deutsch-Britischen Gesellschaft bekommen, damals noch vom Botschafter in Bonn. Besondere Rechte und Pflichten sind damit nicht verbunden.

Die „Bee Gees“ haben diesen Orden auch.

Dann befinde ich mich ja in guter Gesellschaft!

Woher rührt Ihre Zuneigung zu Großbritannien?

Als Gymnasiast, in den 50er Jahren, habe ich die großen Ferien mal bei einer Familie im Norden Londons verbracht. Ihr Sohn war in meinem Alter und wurde ein guter Freund. Meine Eltern hatten für den Aufenthalt gesorgt – ich sollte mein Englisch verbessern. Ich hatte da einen wunderbaren Sommer, das war Liebe auf den ersten Blick, weil ich nur gute Erfahrungen gemacht habe. Sogar das Wetter war schön! Und alles war so britisch! Der Hausherr ließ mich vor meiner Ankunft wissen: Du erkennst mich am Bahnhof, ich trage einen grauen Anzug und einen „Daily Telegraph“ unter dem Arm. Als ich in der Victoria Station ankam, war der ganze Bahnsteig voll mit solchen Typen ... Später bin ich dann zum Studium nach Bristol gegangen. England hat mein Leben verändert.

Sie hatten damals nicht mit Vorurteilen gegen Deutsche zu kämpfen?

Nein, aber als meine Kinder Anfang der 80er auf eine englische Schule gingen, wurden sie jeden Morgen mit „Heil Hitler!“ begrüßt. Es wurden ja Millionen ausgegeben, für Historikerkonferenzen und was weiß ich nicht alles, um das deutsch-britische Verhältnis zu verbessern. Alles nutzte nichts. Erst die Fußball-WM 2006 hat das deutsche Image plötzlich zum Positiven verändert.

Sie als England-Experte können uns doch bestimmt den Ausdruck „stiff upper lip“ erklären.

Ein Beispiel: Als die britische Botschaft in Berlin eingeweiht wurde, wurde viel über deren Architektur diskutiert. Bekanntlich ist Charles ja sehr kritisch, was moderne Architektur angeht. Ich besaß die Kessheit, der Queen zu sagen: Majestät, wir überlegen uns alle, was denn Ihr Herr Sohn zu diesem Gebäude sagen würde. Und Majestät antwortete: „Well, he isn’t here, is he?“ Drehte sich um und verschwand. Das war „stiff upper lip“.

Haben Sie sich nie blamiert im Umgang mit Monarchen?

Als ich dem belgischen König und seiner Frau vorgestellt wurde, führte mich jemand vom Hofe in den Park, wo sich alles abspielte. Ich lief geradewegs auf die Königin zu und war etwas erstaunt, dass sie eine komische Handbewegung machte ....

... Sie deuten jetzt mit Ihrem Zeigefinger zur Seite ...

... Ich nahm also Ihren Finger und schüttelte ihn. Sie hatte mir sagen wollen, ich müsse laut Protokoll zuerst ihren Mann begrüßen. Aber die Geschichte hatte einen guten Ausgang. Ich habe dem König gesagt: Es tut mir leid, Euer Majestät, dass unsere Bekanntschaft nun gleich so schwierig beginnt. Er: Wieso? – Naja, das ist für mich das Selbstverständlichste der Welt, dass man als Erstes die Frau begrüßt. – Da sagt er: Ich tu das auch immer.

Sind Ihnen auch Missgeschicke mit den britischen Royals passiert?

Ich bin mal zu einem Vor-Lunch-Drink von Queen Mum gegangen und habe festgestellt, dass da schon mittags Gin Tonics serviert wurden. Ich habe zwei Gläser getrunken und bin dann sofort getürmt, weil ich dachte: Das stehst du nicht durch. Und als ich mal ein Interview mit Charles führte und so stolz auf meine hübsche Jacke und meine hübsche Weste war, geriet ich mächtig ins Schwitzen: Ein kleiner Raum im Kensington Palace, viel Licht, 45 Minuten. Ich saß ihm am Ende schweißüberströmt gegenüber. Er sagte dann: „Next time, Rolf, you wear something lighter.“

Prinz Charles nennt Sie Rolf?

Vor ein paar Jahren wäre ihm bei meinem Anblick wohl noch mein Name eingefallen, heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. Seit unserer letzten Begegnung ist viel Zeit vergangen.

Gab es mal einen Moment, in dem Sie vom Glauben abgefallen sind? Etwa als dieses Tampon-Telefonat zwischen Charles und Camilla öffentlich wurde.

Ich muss so etwas im Unterschied zu den bunten Blättern in meiner Berichterstattung nicht aufgreifen. Was Charles passiert ist, hätte jedem passieren können. Ich versuche, solche Geschichten mit Nichtachtung zu beantworten.

Stiff upper lip.

Das gehört einfach zu der Überzeugung, die viele nicht nachvollziehen können: Fragen, die ich selbst nicht beantworten möchte, stelle ich nicht.

Brennt Ihnen denn eine Frage auf den Nägeln?

Etwas, das mich wirklich bewegt, ist: Warum darf ein König oder eine Königin nicht in Rente gehen? Bei den Niederländern wird das ja auch schon in der vierten Generation praktiziert, anderswo leider noch nicht. Wir beschweren uns, dass wir bis 65 arbeiten müssen, aber die arbeiten bis 80, 90 oder 101! Das ist doch unmenschlich, oder?

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