SOS-Kinderdörfer : Zu Hause sein

300 Tage im Jahr ist er unterwegs. Er reist dorthin, wo die Not groß ist. Helmut Kutin ist Präsident der SOS-Kinderdörfer. Jetzt ist er 68 Jahre. Aber er sagt: Wer einmal angefangen hat, Leben zu retten, kann damit nicht mehr aufhören. Vor 60 Jahren wurde die Organisation gegründet

Claudia Keller[Imst]
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Helmut Kutin bei der Eröffnung des SOS-Kinderdorfes Ho Chi Minh Stadt in Vietnam, 1990.Foto: SOS-Kinderdörfer/Alexander Gabriel

Im Juni 1953 hat zum ersten Mal nicht der Vater sein Zeugnis unterschrieben. Ein fremder Mann nahm einen Füller und setzte seinen Namen darunter. So begann das neue Leben von Helmut Kutin, der damals zwölf Jahre alt war und Knickerbockerhosen trug.

Am Morgen war seine Cousine mit ihm in Bozen, Südtirol, in den Zug gestiegen. Abends waren sie an einem Berghang in der Nähe von Innsbruck angekommen. Hier standen ein paar verstreute Häuser.

Nachdem er das Zeugnis unterschrieben hatte, entschied Hermann Gmeiner, dass der Junge bleiben darf. Er kam als neuntes Kind ins „Haus Südtirol“. Und war froh. Hinter ihm lagen schlimme Jahre, es konnte nur besser werden.

„Haus Südtirol“ steht heute nicht mehr, wohl aber die Anlage, die verstreuten Häuser. Sie sind ein SOS-Kinderdorf, das erste, das je gebaut wurde. Am 2. Dezember 1949 legte man in Imst dafür den Grundstein. Jener Herr Gmeiner, der das Zeugnis des fremden Jungen unterzeichnete, hatte die Idee zu der neuen Art der Waisenkinderunterbringung.

Das Kind von einst ist am ersten Adventswochenende dieses Jahres wieder in Imst. Diesmal trägt Helmut Kutin einen dunkelblauen Anzug, er ist jetzt der Chef des Dorfs, aller dieser Dörfer, er ist der Präsident von SOS-Kinderdorf International, ein Global Player.

Die Organisation unterhält 500 Dörfer und 396 Jugendwohneinrichtungen in 132 Ländern, dazu Kindergärten, Schulen, Sozialzentren und Krankenstationen. Sie beschäftigt 34 500 Mitarbeiter und sammelte 2008 rund 400 Millionen Euro Spenden. Die Hälfte davon kam aus Deutschland. Helmut Kutin spricht mit Präsidenten und Diktatoren, mit Königen und Kanzlern und dann wieder mit den Hilflosesten wie mit jenem 15-jährigen Mädchen in einem Flüchtlingslager in Sri Lanka. Sie humpelte und verzog das Gesicht vor Schmerzen. Nachdem sie tagelang auf seine Fragen geschwiegen hatte, zeigte sie ihm schließlich ihre Oberschenkel. Da klafften vereiterte Wunden: zwei Durchschüsse. Die hatte sie der Lagerleitung verschwiegen – aus Angst, sie werde als Terroristin eingestuft.

„So weit sind wir heute mit den Kinderrechten“, sagt Kutin und beißt sich auf die Lippe. Er spaziert durch Imst. Die Sonne scheint, auf den Gipfeln hinter dem Kinderdorf liegt Schnee.

Er hat erlebt, wie das ist, wenn sich keiner mehr kümmert, weil alle mit sich selbst beschäftigt sind. Wenn man als Kind dazwischen steht und einem kalt wird vor Alleinsein. Als er fünf Jahre alt war, wurde seine Schwester ermordet.

Sie war 19 Jahre alt und arbeitete als Lehrerin in einem Dorf oberhalb von Bozen. Eines Tages kam sie nicht mehr nach Hause. Ganz Tirol suchte 1946 nach ihr. Ein Jahr später fand ein Spaziergänger die Leiche. Die Mutter identifizierte die Gegenstände neben dem Skelett. Dann starb auch sie. „Zu viel für ihr Herz“, sagt Kutin.

Vier Jahre später wurde der Mörder gefasst. Die Schwester war nicht das einzige Opfer. „Ein Triebtäter“, sagt Kutin, „eigentlich arm dran.“ Uneheliches Kind, Gewalt, Fremdenlegion. Es klingt, als sei auch dieser Mörder ein Grund, weshalb Kutin durch die Welt hetzt. Er will Kindern ein gutes Zuhause geben, damit sie nicht zu Mördern werden.

Kutin hatte noch drei ältere Geschwister. Sie wohnten nicht mehr zu Hause, als die Mutter starb. Der Vater war mit dem kleinen Jungen übrig geblieben. Er konnte nicht viel anfangen mit ihm und gab ihn weg. Dahin, wo Kinder waren, und er besuchte ihn nie wieder.

Kaum war Helmut Kutin drei Tage im Kinderdorf, fuhren sie ins Ferienlager nach Italien, gemeinsam mit Hermann Gmeiner, dem Dorfgründer und Übervater, und weil der kein Italienisch konnte, dolmetschte der Neue aus Bozen. Auf einmal hörte ihm jemand zu, er wurde gebraucht. Unter den Geschwistern hatte er sich schnell durchgesetzt. Auch in der Schule in Imst, wo er der einzige Kinderdörfler in der Klasse war. „Ein paar Raufereien, und die Sache war geritzt“, sagt er.

Seine Kinderdorf-Mutter stammte aus Südtirol wie er. Das passte. Einmal sparte sie sich vom privaten Geld so viel ab, dass sie ihm Fußballschuhe kaufen konnte. Er war der Erste in Imst, der so etwas hatte. Vor einem neuen Haus bleibt er jetzt stehen. „Haus Südtirol“ haben sie abgerissen und das da gebaut, sagt er. Der Mutter habe er das verschwiegen. Die Bindung zu ihr hat gehalten, ein Leben lang. Wenn er in Imst war, hat er sie im Altersheim besucht. Sie hat sich gemerkt, wann er ins Ausland fliegt, und hat ihn jedesmal vorher angerufen. Vor drei Jahren ist sie gestorben.

Zwischen den Imster Häusern wächst viel Grün, es gibt einen großen Sportplatz, Sandkisten, Klettergerüste. Aber nirgendwo sind Kinder zu sehen. Weil sie Ausflüge machen oder ihre Therapeuten besuchen. „Als ich hier aufwuchs, war kein Geld für Ausflüge da“, sagt Kutin. Sie wohnten zu neunt, zu zehnt in einer Familie. Da wurde es eng. Also nichts wie raus, rennen, toben.

Kutin ist an 300 Tagen im Jahr in der Welt unterwegs. Auch heute noch, mit 68 Jahren. Wo er hinkommt, ist die Not groß. Elf Millionen Aidswaisen gibt es südlich der Sahara. Die Kinderdorf-Mütter leben dort mit zehn Kindern und mehr zusammen. Sie würden noch mehr aufnehmen, aber es fehlt an Geld.

In Imst hat eine Kinderdorf-Mutter höchstens vier oder fünf Kinder. Hier leben 60 Kinder und Jugendliche in zwölf Familien und vier betreuten Wohngemeinschaften.

Helmut Kutin klingelt jetzt am Haus von Christa Leichtl. Die rundliche, 55-jährige Frau mit kurzen schwarzen Haaren öffnet die Tür und schüttelt Kutin überschwänglich die Hand. Sie kennen sich seit 26 Jahren. So lange ist sie Kinderdorf-Mutter. Sie hat zwölf Kinder großgezogen, im Moment leben fünf im Alter von sieben bis 22 bei ihr. Da drängt sich schon Marco vor. „Mein Großer“, sagt Christa Leichtl und legt ihm die Hand auf die Schulter. Mario, 26 Jahre alt, ist als Säugling zu ihr gekommen. Heute ist er zu Besuch, damit sein kleiner Sohn mal wieder die Oma sieht.

„Das ist wirklich ein Wunder, dass aus dir was geworden ist“, sagt Helmut Kutin zu Marco und setzt sich neben ihn auf die Eckbank. „Dass du das Dorf nicht angezündet hast, ist alles.“ Marco läuft in die Küche und kommt mit dem Zeugnis über die bestandene Theorieprüfung für die Tischlerlehre zurück. „Bravo!“, ruft Kutin, „wenn du noch den praktischen Teil schaffst, nehm ich dich mit auf die Philippinen“.

Wie sehr habe ihr Marcos krankhafter Hyperaktivismus zu schaffen gemacht, sagt Christa Leichtl. Sie leidet und freut sich mit ihren Kindern. Meistens betreut sie auch noch die leiblichen Mütter mit. Aber als das Jugendamt den 14-jährigen Marco wieder zu seiner Mutter zurückschickte, sei für sie „eine Welt zusammengebrochen“. So sehr hatte sie das schwierige Kind lieben gelernt. „Mama, du bist und bleibst die Nummer eins“, sagt Marco, der die letzten Worte hört.

Kutin verabschiedet sich. Er geht voran zum Gemeindehaus und dort eine Holztreppe hoch. Hinter der Tür liegt die Stube von Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner. Es ist eine Art Museum. Das geschwungene Sofa aus den 50ern steht noch da und ein Tisch mit Häkeldeckchen. Die Holzdielen knarzen. Hier hat Gmeiner 1953 Kutins Zeugnis unterschrieben, hier haben sich die beiden 1968 auf Vietnam vorbereitet. Kutin war 26, studierte in Innsbruck Volkswirtschaft. Dann wollte Gmeiner, dass er für ihn das erste Kinderdorf in der Nähe von Saigon aufbaut. Mitten im Krieg. Kutin hatte bei den Demos „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ gerufen, ohne recht zu wissen, was das ist. Aber er wollte helfen. Er wollte auch Abenteuer. Er sagte zu. Und kam nach Saigon.

Kutin erzählt von wilden Jahren, von Kindern, Wunden und Napalmbomben, wie die Kleinen nachts geschrien haben. Sechs Jahre lang hat er das erste Kinderdorf selbst geleitet. Es war der Anfang seines Vaterseins. Als er eines Tages unangemeldet von einer Reise zurückkehrte, rief ein Junge: „Vater! Vater! Endlich ist der Vater wieder da.“ Der Junge war so erleichtert, sagt Kutin, diese Sicherheit, dass ich wieder da war. Dieses Gefühl von Gebrauchtwerden, von Verantwortung, hat ihn nicht mehr losgelassen.

Wer einmal angefangen hat, Leben zu retten, kann nicht mehr aufhören. So war es bei seinem Vorgänger. So ist es bei ihm.

Zum Beispiel Michaela. Das geflochtene Bändchen an seinem Handgelenk stammt von ihr. Ihre Mutter lebt auf den Straßen von Innsbruck. Ihr Vater hatte ihr erklärt, er habe die Mutter „flachgelegt“. Mehr hatte er ihr nicht zu sagen. „Das hat mich so erschüttert, als sie mir das erzählt hat“, sagt Kutin. Dem wollte er ein positives Vaterbild entgegensetzen. Immer wenn er in Imst war, besuchte er sie. Später nahm er sie mit auf Reisen, sie lernte Sprachen, er besorgte ihr eine Lehrstelle. Sie hat seine Handynummer, sie ist eine der wenigen, die ihn immer anrufen dürfen.

Oder Bora aus Burundi. Oder noch ein anderes Kind. Die vielen Kindheiten in seinem Kopf bedrängen ihn. „Ich kann doch nicht alle retten“, sagt er. Er will aber. Im Moment jedoch fehlt Geld. Auch SOS merkt die Wirtschaftskrise. Die vergangenen zwei Wochen hat der Präsident mit Gremiensitzungen in Innsbruck zugebracht. Nicht enden wollende Diskussionen – „nichts für mich“, sagt Kutin. Am Samstag fliegt er nach Vietnam. „Wird Zeit, dass ich wieder hinkomme“, sagt er. Die Zöglinge aus seinem ersten Kinderdorf sind sein engster Bezugspunkt. Seine Familie.

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