Welt : Soundtrack: Ewige Jagdhorngründe

Christian Schröder

Es war am Nugget Tsil, wo ein deutscher Mythos starb. Steil ragten die weißen Felsen in den Himmel, in denen sich die Apatschen unter Führung von Winnetou und Old Shatterhand verschanzt hatten. Immer höher waren sie von den Jicarillas und den Banditen des Waffenhändlers Rollins auf die Berge getrieben worden. Gerade als die US-Kavallerie eintraf, legte Rollins auf Old Shatterhand an. Winnetou hatte sein Gewehr aufblitzen sehen und warf sich in die Schussbahn. Tödlich getroffen sank der Häuptling zu Boden. "Mein Bruder sei ohne Sorge, das Volk der Apatschen ist gerettet", sprach Old Shatterhand. Ein letztes Lächeln huschte über das Gesicht des edlen Kriegers, dann entgegnete er: "So ist Winnetous Aufgabe doch erfüllt". Old Shatterhand, sichtlich bewegt: "Mein Bruder Charly". Woraufhin Winnetou kaum hörbar flüsterte: "Winnetou hört - die Glocken - die rufen ihn - und - er kommt." Und genau in dem Moment, in dem Winnetou in die ewigen Jagdgründe einging, setzte ein von einer einsamen Trompete geblasener Zapfenstreich ein.

So endete 1965 der Spielfilm "Winnetou III". Schon Monate vor der Filmpremiere hatte der bevorstehende Tod des Apatschen die Deutschen tief erschüttert. Zeitungen titelten "Winnetou soll leben" (Bild am Sonntag) oder "Winnetou darf nicht sterben" (Revue), und die Teenager-Postille Bravo startete sogar eine Kampagne zur Rettung der Rothaut. "Unsere ganze Familie war tagelang traurig, weil Pierre Brice bald kein Winnetou mehr sein wird", schrieb ein Winnetou-Fan in einem Leserbrief, an anderer barmte: "Laßt ihn nicht sterben! Laßt ihn im letzten Augenblick durch Old Shatterhand retten!" Doch Produzent Horst Wendlandt ließ sich nicht erweichen. Winnetou musste sterben. Das hieß aber nicht, dass er wirklich tot war. Nur zwei Monate nach seinem zwischenzeitlichen Ableben in "Winnetou III" ritt Pierre Brice schon wieder in "Old Surehand" über die Leinwand, und in den nächsten Jahren folgten weitere Auftritte in "Winnetou und das Halbblut Apanatschi", "Winnetou und sein Freund Old Firehand" (beide 1966) und "Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten" (1968). Bis zu neun Millionen Zuschauer sahen die Winnetou-Filme, erfolgreicher war keine andere Kinoserie der deutschen Nachkriegsgeschichte. Erst als die Drehbücher immer schlechter wurden und aus Italien weitaus härtere Western auf den Markt drängten, ließ das Interesse an den Karl-May-Adaptionen nach. 1968 fiel die letzte Klappe.

Der Zapfenstreich, der Winnetous Tod untermalte, ist jetzt wieder zu hören. "Wilder Westen - Heißer Orient", heißt eine opulente Box, die auf acht CDs die Soundtracks sämtlicher Karl-May-Filme versammelt. Von der Musik zum frühen Kara-Ben-Nemsi-Opus "Durch die Wüste", 1936 von Gottfried Huppertz komponiert, haben sich allerdings nur zwei kurze Titel erhalten: plüschige Orient-Folklore mit scheppernden Bläsern. Ähnlich knapp vertreten sind die Soundtracks für "Die Sklavenkarawane" (1958, Ulrich Sommerlatte) und "Das Vermächtnis des Inka" (1966, Angelo Francesco Lavagnino). Riz Ortolani, später einer der produktivsten Spaghetti-Western-Komponisten, schuf für "Old Shatterhand" (1966) eine Musik, die Country-Archaik mit der Grandezza italienischer Canzone verband. Sein Schlusstitel "Die Stunde kam" ist das einzige Karl-May-Stück, bei dem gesungen wird: "Die Stunde kam, wir mussten Abschied nehmen / Die Stunde kam, so endete mein Glück". Und Peter Thomas, der zur gleichen Zeit auch an den Edgar-Wallace- und Jerry-Cotton-Serien arbeitete, nahm bei "Winnetou und sein Freund Old Firehand" bereits Elemente seines legendären "Raumpatrouille Orion"-Soundtracks vorweg: explodierende Bläsersätze, schrammelige Beatgitarren, sirrende Streicher.

Ihren Meister fand die Winnetou-Musik in Martin Böttcher. Böttcher, der 1927 in Berlin geboren wurde, 1945 als Gitarrist im NWDR-Tanzorchester anfing und seit 1955 als Filmkomponist arbeitete, schrieb die Soundtracks für zehn Karl-May-Filme. Seine "Old-Shatterhand-Melodie" wird von einer elegischen Mundharmonika vorgetragen, zu der sich die Geigen in immer steilere Höhen emporschrauben. Die "Winnetou-Melodie" klingt zum Verwechseln ähnlich, kommt aber ohne Mundharmonika aus. Auch bei der "Old-Surehand-Melodie" veränderte Böttcher das Grundmuster kaum, nur ist diesmal eine Gitarre das Leadinstrument.

"Winnetou trifft auf Old Surehand und seine Freunde", "Die Schoschonen an der Bahre des Häuptlings", "Old Surehand schleicht sich an Wokadeh heran", "Der Treck erwartet den Überfall der Geier": Die Titel reichen aus, um sich den dazugehörigen Film vorzustellen. Böttcher benutzt die immer gleichen Klischees: Eine Saloonszene wird mit einem leiernden Honky-Tonk-Klavier illustriert, schmetternde Trompeten verkünden nahende Gefahren, und zum Happy End gibts anschwellenden Geigenschmalz. Die Karl-May-Filme sind Dokumente der gelungenen West-Integration einer noch jungen Bundesrepublik. Man hatte nach 1945 lange genug John Wayne, Gary Cooper und James Stewart im Kino zugeschaut, um nun selber die noch besseren Western machen zu können. Das Amerika, von dem die Wirtschaftswunderdeutschen träumten, fanden sie praktischerweise gleich an den Plitwitzer Seen in Jugoslawien. Hier reichten sich Pierre Brice (Frankreich), Lex Barker (USA) und Ralf Wolter (Deutschland) die Hand zum transatlantischen Bund. Der Soundtrack, der dazu anhob, klang ein bisschen nach Nashville, aber mehr noch nach Beethoven und Blasmusik. Winnetous Nachtlied: ewige Jagdhorngründe.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben