Soziologe Ulrich Beck : Größer denken

Der Käfer Deutschland liegt auf dem Rücken, sagt der Soziologe Ulrich Beck, aber er glaubt an dessen Intelligenz

Kerstin Decker

Hier wohnen die glücklichsten Menschen Deutschlands. Das wissen Umfragen. Starnberg hat die höchste Konzentration an Millionären und eine berückend niedrige Konzentration an Steuerzahlern. Hier wollen wir uns treffen, hier, wo das Glück wohnt. Was ist Glück? Vielleicht ist es das Gefühl, dass die Welt für mich gemacht ist. Der See glitzert zuversichtlich, die Alpen haben sich übersichtlich am Horizont aufgestellt. Auch nichtsteuerbefreite Nichtmillionäre bekommen hier Schwierigkeiten zu glauben, dass die Welt nicht für sie gemacht ist. Mit welchem Auto wird er kommen? Welche Marke passt zu Ulrich Beck, dem Erfinder der „Risikogesellschaft“ von 1986?

Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
Service Online bestellen: "Was zur Wahl steht"
Online bestellen: "Risikogesellschaft"
Und dann geht er zu Fuß. Der bekannteste Soziologe Deutschlands sieht kein bisschen professoral aus. Wäre da nicht dieser aufmerksame, überwache Blick, man könnte ihn auch für einen Metzgermeister halten. Hellblaues Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Gut, dass gerade er „Die Risikogesellschaft“ geschrieben hat und nicht etwa – sagen wir – Edmund Stoiber. In der „Risikogesellschaft“ steht, dass die Welt sich in ein einziges großes Risiko verwandelt, dass kein Stein auf dem anderen bleibt, und das ist gut so. „Das ist gut so“, hat er zwar nicht gesagt, aber es klang immer mit. Beck hat uns schon 1986 vorausgedacht. Und was sich vordenken lässt, ist doch fast unter Kontrolle.

Manche sind da nicht mehr so sicher. Becks letztes Buch heißt „Was zur Wahl steht“. Als Buch „zur Bundestagswahl“ wurde es präsentiert, aber es hätte auch „Das Buch nach der Bundestagswahl“ draufstehen können. „Was zur Wahl steht“ hat manche alte Beck-Leser ziemlich erschreckt. Es ist eine Art Bericht zur Lage der Nation, aber er klingt so pessimistisch, so düster, weniger nach Aufbruch als die „Risikogesellschaft“. Ulrich Beck hört es und wiegt den Kopf mit der zeitlosen Indifferenz des Intellektuellen. Jede Neigung bedeutet einen anderen Aspekt der Sache. Und Denken wäre nun, alle diese Aspekte möglichst simultan zu formulieren. Aber wo?

Beck weiß genau, welchen Einfluss der Ausblick auf das Denken hat. Vor fast zwanzig Jahren, als er seinen Soziologie-Klassiker „Die Risikogesellschaft“ schrieb, war er auch schon hier am Wasser. Er notierte im Vorwort: „Wer zwischen den Zeilen hin und wieder das Glitzern eines Sees zu erkennen meint, irrt sich nicht. (...) So mancher Kommentar von Licht, Wind und Wolken wurde gleich eingearbeitet.“ Aber jetzt wollen wir solche Kommentatoren nicht. Beck nimmt entschlossen Kurs auf das Café Prinzregent. Die Aussicht kann man vergessen und außerdem ist sie verhangen mit Gardinen, auch Stores genannt, die die ältere Generation für das Anzeichen gehobener Wohnlichkeit hält, während sie bei Jüngeren leicht Depressionsschübe auslösen. Das Café ist ideal. Es hat seine besten Zeiten, man sieht es, längst hinter sich.

Beck fragt sich, was an seinem Buch bloß so verstörend auf das Publikum wirkt. „Was zur Wahl steht, darf nicht verwechselt werden mit dem, was zur Wahl gestellt wird“, heißt der erste Satz im Buch. Denn zur Wahl steht unsere Zukunft, und die ist nicht per Wahlkreuz bei der CDU, SPD oder FDP wählbar. Die oldfashioned Gardinen lassen Becks Blick nicht durch. Er befindet sich also in einer aussichts-losen Lage. Man versteht das Wort plötzlich ganz neu. Ziemlich aussichtslos ist auch die Lage des braven Bürgers Gregor Samsa, der in Becks Vor-Wahl-Nach-Wahl-Buch über Nacht in einen Käfer verwandelt wird. Haben wir das nicht schon mal ... bei Kafka? Beck nickt. Deutschland ist Kafkas Käfer. Auf dem Rücken liegen, sich nicht umdrehen können, und alle acht oder zehn oder noch viel mehr Käferbeine treten hilflos Löcher in die Luft. Becks Stimme wird immer heller vor Begeisterung. Ist das nicht ein schönes Bild für unsere Lage, ja ein geradezu interdisziplinär literarisch-soziologisches Bild: „Als Deutschland eines Morgens aus seinem Nachkriegstraum immerwährender Prosperität erwachte, fand es sich in seinem Sozialstaatsbett zu einem wachstums- und perspektivlosen überholten europäischen Paria verwandelt.“ Lassen sich kafkaeske Risiken eigentlich überstehen?

Der Mann im hellblauen Hemd ist keinesfalls verzweifelt. Wir sind sein Forschungsgegenstand. Vielleicht verhält es sich so: Je höher die Risiken, je unüberschaubarer unsere Welt, desto zufriedener der Theoretiker der Unsicherheit Ulrich Beck. Seine Materialbasis entwickelt sich prächtig.

Nach Beck gibt es nicht nur „die Moderne“, sondern es gibt die Moderne gleich doppelt. Die erste ist die Industriegesellschaft mit noch festen kulturellen Milieus. Die zweite Moderne beginnt, wenn auch diese Bestände verdampft werden. Das ist Becks „Risikogesellschaft“. Vor fast zwanzig Jahren teilte Beck deren beginnende Existenz seinen Lesern mit. Damals durfte man Beck noch getrost überhören. Heute merkt der Letzte, dass er Recht hatte. Es ist für jeden Wissenschaftler sehr befriedigend, wenn die Wirklichkeit seinen Theorien folgt.

Freiheit kommt aus Vertrauen, formuliert Beck lapidar und fasst hier wie so oft ganze Soziologieseminare in einem Satz zusammen. Was bleibt von der Freiheit, wenn wir kein Vertrauen mehr haben?

Gregor Samsa, unser zweites Käfer-Ich, liegt also zappelnd auf dem Rücken. Wer dreht uns um? Angela Merkel kommt in Becks Buch nur als Maggie Merkel vor. Mag er sie nicht? „Die ist so ... so ... unscharf.“ Angie is out of focus. Sie ist, sagt er, wie der Prokurist bei Kafka. Der Prokurist bei Kafka ist der, der vor Gregor Samsas Tür steht und immerzu ruft, Samsa soll da sofort rauskommen und anfangen zu arbeiten. Aber der liegt ja auf dem Rücken und ist ohnehin ein viel zu dickes Insekt, um noch durch die Tür zu passen. Die Frage ist natürlich auch, was hinter der Tür ist. Nur Maggie Merkel?

An Vollbeschäftigung glaubte der Nachmittagsgast des Cafés „Prinzregent“ schon vor zwanzig Jahren nicht mehr. Er konnte das auch begründen. Das hat man ihm damals sehr übel genommen. Beck wiederum nimmt den Parteien ihre Versprechen übel. Weil die Versprechen- Enttäuschungs-Spirale für die Demokratie fatal sei. Zweite Moderne – das bedeute die Brasilianisierung der Arbeitswelt auch bei uns: Ausbreitung des Prekären, Diskontinuierlichen, Flockigen. Punktum. Der glaubt an die FDP, sollte man denken, wenn man nicht genau wüsste, dass Beck an nichts weniger als an die FDP glaubt. Aber woran, um Himmels Willen, glaubt er dann?

Es war wieder August. Jedes Jahr im August ist er hier am Starnberger See. Denn sogar Ulrich Beck braucht Gewohnheiten in einer Welt, die alle Gewohnheiten abschafft. Aber er ist nie in Starnberg, sondern auf einem Bauernhof am See. Die Wohnung gehört mir gar nicht, sagt Beck, ich miete sie nur immer wieder. Und dort sitzt der Erfinder der „Risikogesellschaft“ Jahr für Jahr auf einem Hügel, Rücken an Rücken mit dem Stall des Bauern, vor sich nur Bäume und See, notiert, was ihm einfällt, und der See schreibt mit. Das ist so wohlgeordnet, so übersichtlich, das war immer eine ganz hervorragende Position, um über die Unordnung der Welt nachzudenken. Beck schreibt gerade ein Buch über die „Weltrisikogesellschaft“. Oder vielmehr, er übersetzt sein eigenes Buch aus dem Englischen und ergänzt es. Aber auch in das Beck-Universum brachen in diesem August irritierende Faktoren ein: Der kalte Augustwind blies den Theoretiker der Unsicherheit fast täglich von seinem Hügel. Und schon leichte Untertemperatur bringt uns schließlich zu Bewusstsein: Wir sind fremd in der Welt. Die Erde ist keine Heimat. Und dann auch noch das Hochwasser. Bayern – ein einziges kafkaeskes Risiko!

Trotzdem, der Vordenker bleibt standhaft. Er glaubt an die Intelligenz der Käfer. Auch wenn ein auf dem Rücken liegender Käfer kein gutes Bild für einen Risikobewältiger ist. Meist tritt doch jemand drauf. Auch neigen flugunfähige Insekten zu Panikreaktionen: Gregor Samsa hat die europäische Verfassung abgewählt! Laut einer Umfrage in Österreich löst das Wort „Islam“ akutes Unwohlsein aus; aber schon bei dem Wort „Europa“ befällt die Österreicher leichtes Gliederzucken. Trotzdem, Beck glaubt an unsere Wandlungsfähigkeit. Nur dass im nationalen Maßstab eben nichts mehr gewandelt werden kann. Das ist die Botschaft seines Vor-Wahl-nach-Wahl-Buches! Denn gerade, wenn wir wählen sollen, denken wir nur noch im Deutschland-Maßstab. Und die Parteien erst recht. Wir haben ein akutes Formatierungsproblem. Wir müssen weiträumiger denken, weiträumiger handeln. Nur auf europäischer Ebene lässt sich ein Pendant zur ungebremsten Freiheit des Kapitals schaffen, könnte Politik wieder eine Macht werden.

Der Münchner Professor Beck hat seit April einen Ruf nach Cambridge. Zugesagt hat er noch nicht. Die Engländer beeindrucken ihn. Die gehen das Risiko ein, einem Übersechzigjährigen eine nagelneue Professur zu geben. Würde hier doch keiner machen. Beck, der Cambridge-Professor in spe, hält den teilnahmslosen, blickdichten Gardinen einen fulminanten Vortrag über unsere Umformatierung ins Europäische, über europäische Innenpolitik und die europäische Zivilgesellschaft! Bevor die nicht da ist, können wir nur die Partei wählen, die als Nächstes versagen wird. Beck klingt gut. Als hätte er das Wahlergebnis immer schon gewusst.

Aber was, wenn unsere Kleinweltlebewesennatur die nächste Formatierungsgröße nicht zulässt? Wenn der Rahmen Europa zu groß ist, um noch sinnvoll wählen zu können? Beck lächelt salomonisch. Dass der Rahmen zu groß ist, dass Menschen gar nicht denken können, was über ihren Tellerrand hinausgeht, war schon im 19. Jahrhundert das Argument aller, die das allgemeine Wahlrecht verhindern wollten. Und erst recht für Frauen.

Denken ist Formatieren. In den ersten Nach-Beck-Tagen fühlt man sich großartig formatiert und ist ganz sicher, durch jede Tür zu passen. Aber was wurde bei Kafka eigentlich aus dem Risikokäfer Gregor Samsa?

Er bleibt ein Käfer, doch er lernt, sich umzudrehen, und kann sogar laufen. Und dann: „Den Anfang des allgemeinen Hellerwerdens draußen vor dem Fenster erlebte er noch. Dann sank sein Kopf ohne seinen Willen gänzlich nieder, und aus seinen Nüstern strömte sein letzter Atem schwach hervor.“ Das hat Beck weggelassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar