Spanair-Katastrophe : "Die Maschine hätte niemals starten dürfen"

Trauer, Wut und Verzweiflung: Nach der Flugzeugkatastrophe von Madrid haben Angehörige der 154 Toten schwere Vorwürfe gegen die Fluggesellschaft Spanair und die spanische Regierung erhoben. Polizisten und Psychologen mussten einschreiten, um eine Prügelei zu verhindern.

Spanair
Ein Angehöriger eines der Opfer des verunglückten Spanair-Flugs spricht mit der Presse. -Foto: AFP

MadridDie Angehörigen der Todesopfer machten sich am Wochenende erstmals nach dem tragischen Flugzeugunglück von Madrid lautstart bemerkbar. "Die verunglückte Maschine hätte niemals zum Start freigegeben werden dürfen", sagte einer der Hinterbliebenen. "Viele von uns erhielten vor dem Absturz von unseren Verwandten SMS aus dem Flugzeug, dass mit der Maschine etwas nicht stimme."

Die Verzweiflung unter den Angehörigen erreichte ein solches Ausmaß, dass Polizisten und Psychologen einschreiten mussten, um eine Prügelei zu verhindern. Die Verantwortlichen von Spanair wurden als "Lügner" und "Halsabschneider" beschimpft. Die Angehörige eines Opfers sagte: "Am Ende wird man die Schuld dem Piloten geben. Der ist tot, und die Sache wird im Sande verlaufen."

Die Angehörigen konnten sich jedoch nicht auf die Gründung einer Organisation zur Vertretung ihrer Interessen verständigen. Ihnen stehen nach dem Gesetz wenigstens 127.000 Euro Entschädigung für jedes Opfer zu. Spanair zahlt ihnen nach Presseberichten einen Vorschuss von jeweils 25.000 Euro.

Schwierige Suche nach der Ursache

Zur Ermittlung der Absturzursache vernahm die spanische Polizei auch Überlebende der Katastrophe. Der Techniker, der die Unglücksmaschine zum Start freigegeben hatte, wurde ebenfalls befragt. Die Vernehmungen brachten die Ermittler nach Angaben der Zeitung "El País" jedoch nicht weiter. Aufgrund von Augenzeugenberichten war man davon ausgegangen, dass beim Start ein Triebwerk der zweistrahligen Maschine in Brand geraten war. Auf einem Video war aber keine Rauchentwicklung zu sehen.

Die Experten erwägen nach Presseberichten nun zwei andere Hypothesen: Entweder lösten sich von einem Triebwerk beim Start Teile, die das Leitwerk beschädigten; oder die Maschine erlitt an beiden Motoren einen plötzlichen Leistungsabfall. Das Flugzeug vom Typ MD-82 hatte beim Start leichten Rückenwind, was das Abheben erschwert. Es war erst kurz vor dem Ende der Startbahn abgehoben, obwohl die Bahn 36-L mit 4400 Metern eine der längsten in Europa ist.

Weitere Passagierin gestorben

Die Stewardess Antonia Jiménez, das einzige überlebende Besatzungsmitglied der Unglücksmaschine, berichtete: "Als ich nach dem Absturz zu mir kam, hörte ich Hilferufe. Aber ich konnte nichts tun, denn ich konnte mich nicht bewegen." Ihren Eltern sagte sie nach Medienberichten: "Ich möchte nie mehr mit einem Flugzeug fliegen." Die Stewardess hatte wie die anderen Überlebenden im vorderen Teil der Maschine gesessen. Daraus folge jedoch nicht, dass es in einem Flugzeug sicherere und weniger sichere Sitze gebe, sagten Experten der Zeitung "El Mundo". "Letzten Endes hängen die Überlebenschancen von der Art des Unglücks ab."

Mit dem Tod einer verletzten Passagierin erhöhte sich die Zahl der Opfer am Wochenende auf 154. Die 31-Jährige hatte bei dem Unglück am Mittwoch Verbrennungen an 72 Prozent der Körperoberfläche erlitten. 18 Insassen der Spanair-Maschine überlebten das Unglück. Angehörige von Toten äußerten die Befürchtung, bei der Identifizierung der Opfer könne es zu Verwechselungen kommen. Die Angehörigen verwiesen auf einen Fall aus dem Jahr 2003. Damals waren nach dem Tod von 62 spanischen Soldaten bei einem Flugzeugabsturz in der Türkei einem großen Teil der Hinterbliebenen die falschen Leichen übergeben worden.

Ärger um Trauerfeier

Vier Tage nach dem Unglück stand die Identität von gut 60 Opfern fest. Medizinische Experten betonten, die Identifizierung werde länger dauern als erwartet. Vizeregierungschefin María Fernández de la Vega und Vertreter von Spanair stellten sich in spannungsgeladenen Sitzungen den Fragen der Hinterbliebenen. Javier Nuñez, der vier Verwandte verlor, verließ aufgebracht eines dieser Treffen und schimpfte: "Wir wollen hier keine Politiker mehr sehen. Wir wollen endlich wissen, was wirklich passiert ist."

Zahlreiche Opfer wurden in ihren Heimatorten in verschiedenen Regionen Spaniens beigesetzt, darunter auch der Pilot der Unglücksmaschine. Tausende von Menschen erwiesen den Toten die letzte Ehre. Ärger gab es um die offizielle Trauerfeier, die am 1. September in der Madrider Almudena-Kathedrale stattfinden wird. Protestanten und Muslime beklagten, dass die Feier als katholischer Gottesdienst abgehalten werden soll. (küs/dpa)

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