Spanische Weihnachtslotterie : Die Angst vor dem Glück der Anderen

80 Prozent der Spanier spielen bei der Weihnachtslotterie "El Gordo" mit. Wahrscheinlich auch, damit nur nicht der Nachbar gewinnt und man selber leer ausgeht.

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Eine Frau trägt einen Hut aus Losen für die Weihnachtslotterie - um ihrem Glück auf die Sprünge zu helfen.
Eine Frau trägt einen Hut aus Losen für die Weihnachtslotterie - um ihrem Glück auf die Sprünge zu helfen.Foto: dpa

Warum kaufen fast alle Spanier Lose für die Weihnachtslotterie? Weil sie Angst haben, sagt der spanische Glücksspielforscher José Antonio Gómez. Und zwar Angst davor, dass Freunde, Verwandte oder Kollegen den „Gordo“, den dicken Hauptpreis, gewinnen und man selbst leer ausgehen könnte. Am 22. Dezember ist es wieder so weit: Dann werden in Spanien in der größten Weihnachtsziehung der Welt wieder Preise in Höhe von insgesamt 2,2 Milliarden Euro ausgeschüttet. Allein der Gordo winkt mit 640 Millionen Euro.

Lotto-Soziologe Gómez spricht von „vorbeugendem Neid“, der die Glücksritter in Spanien antreibe, beim Weihnachtslotto mitzumachen. Eine Mega-Lotterie, die wegen ihrer Eigenart regelmäßig ganze Dörfer oder Stadtviertel steinreich macht. „Und wenn dann der Nachbar gewinnt – und ich nicht?“ Vor allem diese Sorge bewege die große Mehrheit der Spanier dazu, ebenfalls auf den Gordo zu setzen, meint Gómez. Etwa 80 Prozent der spanischen Bevölkerung zocken bei dieser Lotterie mit. Auch immer mehr Ausländer kaufen übers Internet Lose.

Jede Glücksnummer teilt sich in 160 Serien und Zehntellose auf

Weil sich jede Glücksnummer in 160 Serien und dann auch noch in Zehntellose aufspaltet, teilen sich normalerweise Hunderte von Gewinnern den riesigen Hauptpreis. Ein Zehntellos kostet 20 Euro und bringt, wenn es mit dem Gordo bedacht wird, 400 000 Euro. Wenigstens theoretisch. In Wirklichkeit werden nur 320 000 Euro ausgezahlt, weil der spanische Staat bei allen Lottogewinnen über 2500 Euro gleich 20 Prozent Glückssteuer kassiert.

Zur Tradition der spanischen Weihnachtslotterie gehört es, dass viele lokale Verkaufsstellen eine komplette Losnummer mit all ihren Anteilslosen vertreiben. Dies erklärt, warum die Lotterie oftmals viele Millionen Euro über einen einzigen Ort oder ein Stadtviertel niederregnen lässt. Im vergangenen Jahr wurden auf diese Weise allein in Madrid mehrere hundert Millionen Euro des Gordo ausgeschüttet.

Im Glücksspielfieber wird schnell vergessen, dass auch bei dieser Weihnachtsziehung die Gewinnchancen relativ klein sind. Die staatliche Lottogesellschaft beziffert die Prämienwahrscheinlichkeit auf „annähernd fünf Prozent“. Wer gewinnt, wird zudem meist nur mit dem Trostpreis von 20 Euro bedacht. Nur Spaniens Staat wird immer reich beschenkt: Er streicht rund ein Drittel des Lottoumsatzes ein und kassiert dann auch noch die Gewinnsteuer ab – alles in allem mehr als eine Milliarde Euro.

Abergläubische Zocker suchen zuweilen im ganzen Land nach ihrer speziellen Glücksnummer. Dabei lassen sie sich nicht nur durch Geburts- und Hochzeitsdaten inspirieren. Sondern auch durch Katastrophen und Tragödien. Solche Menschen glauben, dass dem Unglück als ausgleichende Gerechtigkeit das Glück folgen muss.

Eine dieser makabren Zahlen lautet 24315, in dem sich das Horrordatum des 24. März 2015 widerspiegelt. An diesem Tag zerschellte ein Germanwings-Airbus, der in Barcelona gestartet war, in den Alpen, nachdem der Kopilot die Maschine mit 150 Insassen vermutlich bewusst zum Boden gesteuert hatte.

Auch Ort und Umstände des Loskaufs spielen für viele Zocker eine Rolle: Es gehört zur Tradition, mit Familie, Kollegen oder dem Fußballverein Lose zu teilen. Auch bestimmte Lottobuden sollen die Gewinne anziehen. Wie etwa die „Goldhexe“ im Pyrenäendorf Sort (Glück). Oder der historische Loskiosk „Doña Manolita“ in der City Madrids. Das Geheimnis dieser Verkaufsstellen liegt aber wohl eher im Marketing.

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