Speicher : Bodenlos

Kunstschätze, vergessene Fotos, Fledermäuse, alte Briefe: Der Speicher unterm Dach ist ein magischer Ort. Doch er ist vom Aussterben bedroht. Ein Hilferuf.

Jahrzehntelang haben die Kleider im Koffer gelegen, unberührt und ungetragen: Sie haben nie gepasst. Zusammen mit Kaffee und Kakao kamen sie im Ostzonen-Carepaket nach Dresden. Nur dass das Mädchen im Westen, das sie mal getragen hatte, pummelig war – und das Mädchen im Osten dünn. Aber die Kleider wegzugeben, gar wegzuschmeißen, das hat die Mutter nicht übers Herz gebracht. So lagerten sie eine halbe Ewigkeit auf dem Speicher. Bis Janet Grau kam.

Die Künstlerin ist auf mehr als 30 Dresdener Dachböden gestiegen, hat alte Kasperlepuppen, Fahrräder und Kartons samt der dazugehörenden Erinnerungen eingesammelt und unterm Dach des frisch sanierten Stadtmuseums ausgestellt. „Public attic“ heißt das Projekt, in dem neben grauen Telefonen, ausrangierten Blockflöten und Zeitungen von 1957 („England keine Weltmacht mehr“) auch Filmaufnahmen zu sehen sind, in denen die Besitzer auf ihren Dachböden wühlen und erzählen.

Den Speicher öffnen

Dabei war es gar nicht so einfach, Leute zu finden, die bereit waren, ihren Speicher zu öffnen. „Das scheint etwas sehr Intimes zu sein.“ Auf Anzeigen hat sich nur ein Einziger gemeldet, ein paar konnte Janet Grau auf Flohmärkten rekrutieren, die meisten sind Freunde, Freunde von Freunden, deren Eltern oder Kollegen. Fast alle haben sich erst mal geziert und geniert: weil es doch so staubig und unaufgeräumt da oben sei. Einige waren auch misstrauisch, dachten, dass sie bestimmt nur Geschäfte machen wolle. Aber wenn sie dann erst mal ins Erzählen kamen, „da sind sie richtig aufgeblüht“. Oder fingen an zu weinen.

Jeder sollte ihr aus seinem ganzen Gerümpel ein, zwei Teile heraussuchen und sagen, warum er es aufbewahrt. Ein paar Gründe gab sie ihnen schon vorher in Form eines kleinen Fragebogens an die Hand: aus Pflichtgefühl, um künftigen Generationen einmal von sich erzählen zu können, als Investition (es könnte ja mal was wert sein), aus Unwissen (keine Ahnung, was das ist), aus Faulheit oder Unentschlossenheit. Nur an eins hatte sie vorher nicht gedacht: ans Selbstgemachte. Das kann offenbar niemand entsorgen. Ein Mathematiker zeigt einen Schal, dessen Kurvenmuster er nach einer bestimmten Formel gestrickt hat, in so scheußlich grellen Farben, dass er ihn nie getragen hat und nie tragen würde. Aber wegwerfen geht eben auch nicht: „Da hat man ja Arbeit reingesteckt.“

Umgang mit der eigenen Vergangenheit

Schon früher hat die Performancekünstlerin den Umgang mit der eigenen Vergangenheit, das Aufbewahren und Verdrängen zum Thema ihrer Arbeit gemacht. Angestaubte ausgestopfte Tiere und verschmähte DDR-Auftragskunst holte sie aus Museumsdepots und gab ihnen ein neues Leben. Dass die 42-Jährige – die sich selber von vielen Dingen trennen musste, als sie 1999 der Liebe wegen nach Dresden zog – sich irgendwann auch privaten Depots widmen würde, war also nur eine Frage der Zeit. Und die drängte. Denn nicht zuletzt deshalb kam sie auf die Idee mit den Dachböden: weil diese immer häufiger verschwinden und zu Luxuswohnungen ausgebaut werden. Zumindest werden sie so genannt. Wird der Ausbau schlampig ausgeführt, verwandelt sich der einst staubig-trockene Speicher schnell in eine feuchte Höhle.

Für Janet Grau bedeutet Luxus etwas anderes: Raum zu haben. Nutzlosen vielleicht, aber nicht sinnlosen. Denn er bedeutet ja: Zeit zu haben. Zeit für die Trauer, bis man sich von den Pullovern der verstorbenen Mutter, von der eigenen Kindheit trennen kann. Zeit, sich von seinen Träumen zu verabschieden. Eine Frau zieht die Plüschtiere ihrer Tochter aus einer Plastiktüte, eins nach dem anderen, die hat sie alle für die Enkel aufbewahrt. „Das hat sich ja nun erledigt“: Großmutter wurde sie nie. Es sind stille Dramen, die sich auf der „Bühne“ abspielen, wie der Boden in Süddeutschland heißt.

Public Attic als Dokumentation

Der Dachboden gewährt auch die Zeit, die ein Stück braucht, um interessant zu werden. Was gestern noch altmodisch war, kann heute ja schon wieder hip sein: Der public attic im Dresdener Museum ist möbliert mit Stühlen, Sesseln und Lampen, die genauso gut in einer Studentenwohnung in Prenzlauer Berg stehen könnten. Immer wieder liest man von einem kleinen Picasso, der auf einem Dachboden gefunden wurde, einer Kiste mit Gedichten und Fotos von van Gogh. Auch Schindlers Liste wurde in einem verstaubten Koffer auf einem Hildesheimer Dachboden entdeckt.

Ein Haus ohne Speicher dagegen ist ein Haus ohne Überraschungen, ohne Geheimnisse, ohne Versteck. Mit den Dachböden verschwindet mehr als ein Ort für Gerümpel und Wäscheleinen: ein Abenteuerspielplatz für Kinder, eine Schlafstatt für Fledermäuse, ein Stauraum für die eigene Vergangenheit. Der Dachboden ist das Gedächtnis eines Hauses und seiner Bewohner, auch derer, die längst ausgezogen sind oder vielleicht nie dort gewohnt haben. Ein Dresdener erzählt von all den Umzugskartons, die sein Freund Erik bei ihm eingelagert hat, als er vor drei Jahren nach Schweden auswanderte. Nur ist er bis heute nicht zurückgekehrt.

Was sich auf dem Speicher findet

Speicher, das Wort trifft es wohl am besten. Wie beim Computer kann man alles Mögliche sichern, ohne es dauernd angucken zu müssen. Wer will schon tagtäglich konfrontiert werden mit seinem früheren Ich, das so gefühlvoll Tagebuch geführt oder jahrelang dieses scheußliche Miro-Plakat an der Wand hängen hatte. Eine halbfertige Weste erzählt die Geschichte einer Frau, die als Teenager eines Morgens aufwachte und schlagartig erkannte: Die Zeit des Strickens war vorbei. Musik und Jungs fand sie jetzt spannender als Wollknäuel. „Das kam wie ein Blitz.“ Eigentlich wollte sie das Wollstück gleich wegschmeißen. Die Mutter war es, die es dann auf den Dachboden trug.

Nicht zufällig ist das Gedächtnis eines Hauses wie beim Menschen ganz oben angesiedelt. Der Keller, feucht, kalt und unheimlich, ist kein Ersatz. Dort kann man allenfalls Winterreifen, Weinflaschen und leere Koffer aufbewahren. Bücher aber, Fotos, Briefe, Möbel, Kleider würden nur vermodern dort.

Ein verwelktes Paradies?

„Wenn ein Keller die Unterwelt ankündigt, ist ein Dachboden die Verheißung eines leicht verwelkten Paradieses“, meint die Hauptfigur in Umberto Ecos Roman „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“. Ecos Held, der durch einen Unfall sein Gedächtnis verloren hat, versucht auf dem Speicher des großelterlichen Hauses sein eigenes Ich zu rekonstruieren. Schon als Kind, stellt er fest, muss er dort oft auf Entdeckungsreise gegangen sein. „Der Dachboden war mein Pompeji, in das ich ging, um Zeugnisse aus früheren Zeiten auszugraben.“ Aus dem gleichen Grund kehrten auch alte Dresdener nach der Wende in ihre alte Heimat zurück: um auf den Speichern nach Spuren ihres eigenen Ichs zu suchen.

„Simplify your life!“, „Weg mit dem Ballast!“ – Janet Grau hält nichts von der neuen deutschen Entrümpelungswelle. „Alles wegzuschmeißen, das ist doch barbarisch!“ Das hieße, die eigene Identität zu entsorgen. „Alles aufheben allerdings geht auch nicht, das wäre Wahnsinn, dann wäre auch für Neues kein Platz.“ Für Messies hat die Künstlerin wenig Verständnis. Selbst wenn die Museumsbesucher im public attic alles in die Hand nehmen dürfen – ein bisschen aufräumen würde sie jetzt schon gern. Irgendwann an diesem Morgen muss sie denn auch zumindest einen der Kartons wieder hochstellen: damit man das Dachbodenfoto darauf auch sieht.

Weltliteratur zu Schätzen auf dem Dach

Lange, bevor Janet Grau nach Deutschland gezogen ist, hat sie sich von ihrer Vergangenheit getrennt. Als Teenager, als sie das Geld für ein cooles neues Fahrrad brauchte, hat sie ihre Spielsachen vom Boden geholt und auf dem Trödel verkauft, hat aus Wut und Ungeduld pubertäre Romanentwürfe weggeschmissen, die ihr nun peinlich waren. Heute bedauert sie es, dass ihre Mutter die Sachen nicht wieder aus dem Mülleimer rausgeholt hat. Es tut ihr Leid, dass sie ihrem deutschen Mann und ihrer kleinen Tochter so vieles von früher nicht mehr zeigen kann.

Umberto Ecos Held genießt seine Tage auf dem Dachboden, das „wohltuende Klima von Weltabgeschiedenheit, ein Geruch von Stille und Ruhe“. Zukünftige Spurensucher werden es nüchterner haben: Die moderne Form des Dachbodens ist der Container am Stadtrand. Als self storage kann man ihn mieten – und in Städten wie London und Paris, wo das Wohnen schier unerschwinglich geworden ist, muss man das auch. Aber wer jeden Monat Miete für seine alten Kartons zahlen muss, 30 Euro für einen Quadratmeter, überlegt sich ziemlich genau, wie viel er wirklich braucht. Platz zum Stöbern ist da keiner mehr. Und wer fährt schon 20 Kilometer, um mal ein bisschen in den alten Briefen der Eltern zu blättern.

In einem Monat wird auch der öffentliche Dachboden wieder verschwinden. Wenn die Ausstellung geschlossen wird, bringt Janet Grau alle Schätze ihren Besitzern zurück. Die Familie mit dem Koffer voll ungetragener Kinderkleider hat sich entschlossen, ihn dann zu entsorgen.

public attic, Stadtmuseum Dresden, Wilsdruffer Straße 2, bis 17. Juni. Zur Ausstellung ist ein kleiner Katalog erschienen.

Von Susanne Kippenberger



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