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Spektakulärer Kriminalfall in Italien : Amanda Knox: "Sie werden mich fangen müssen"

Nach ihrer erneuten Verurteilung zu 28 Jahren Haft will Amanda Knox weiter für ihre Unschuld kämpfen, schließt aber eine freiwillige Rückkehr nach Italien aus. Es wird wohl nicht der letzte Richterspruch im Mordfall Meredith Kercher gewesen sein.

Amanda Knox kann den Schuldspruch „nicht glauben“. Am Freitag war sie im Frühstücksfernsehen des US-Senders ABC zu Gast. Foto: Reuters
Amanda Knox kann den Schuldspruch „nicht glauben“. Am Freitag war sie im Frühstücksfernsehen des US-Senders ABC zu Gast.Foto: Reuters

Die erneut wegen eines Mordes in Italien verurteilte US-Bürgerin Amanda Knox konnte nach eigenen Angaben den Schuldspruch bei seiner Verkündung „nicht glauben“. „Ich habe das nicht erwartet. Ich hatte so viel Besseres vom italienischen Rechtssystem erwartet“, sagte die 26-Jährige am Freitag im Frühstücksfernsehen des US-Senders ABC. „Sie hatten mich schon einmal für unschuldig befunden.“ Sie habe das Urteil am Tag zuvor per Livestream eines italienischen Senders im Internet verfolgt.

Knox will niemals freiwillig nach Italien zurückkehren. „Sie werden mich fangen und mich tretend und schreiend in ein Gefängnis zurückzerren müssen, in dem zu sein ich nicht verdient hätte“, sagte die 26 Jahre alte Knox der Londoner Zeitung „The Guardian“ kurz vor ihrer erneuten Verurteilung wegen des Mordes an der Britin Meredith Kercher in der umbrischen Stadt Perugia. „Ich werde für meine Unschuld kämpfen“, bekräftigte Amanda Knox.

"Das ist aus dem Ruder gelaufen"

„Ich bin erschrocken und traurig über dieses ungerechte Urteil“, erklärte Knox dann nach dem Richterspruch von Florenz, der sie im Berufungsverfahren zu 28 Jahren Haft und ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito zu 25 Jahren verurteilte. „Das ist aus dem Ruder gelaufen“, heißt es in der Stellungnahme, die die Knox vertretende PR-Firma in Seattle (US-Bundesstaat Washington) veröffentlichte. Die Justiz sei durch eine „übereifrige und unnachgiebige Staatsanwaltschaft“ pervertiert worden, Vorurteile hätten die Ermittlungen geprägt.

Die Anwälte der beiden Verurteilten hatten umgehend angekündigt, erneut in die Berufung gehen zu wollen. Damit müsste sich dann das Kassationsgericht in Rom wieder mit dem spektakulären Fall befassen.
Bis zu einem rechtskräftigen Urteil könnte ein halbes Jahr vergehen. Gegen Sollecito hatte das Gericht in Florenz wegen Fluchtgefahr ein Ausreiseverbot verhängt, sein Pass wurde am Freitag eingezogen.

Zwölf Stunden lange Beratung vor dem Urteil

Acht Richter und Geschworene hatten zuvor über das Schicksal von Knox und Sollecito entschieden. Knapp zwölf Stunden lang berieten sie sich am Donnerstag in Florenz, erst spät am Abend folge schließlich der Schuldspruch. Auf der einen Seite standen Widersprüche der Angeklagten und zahlreiche Ungereimtheiten nach dem Mord an der Britin Meredith Kercher im November 2007, auf der anderen Seite Ermittlungspannen und kaum belastbare Indizien. Auch deshalb ist das vierte Urteil vermutlich noch nicht das letzte Wort in dem jahrelangen Justizkrimi.

Der Fall Amanda Knox
"Vor dem Gesetz sind alle gleich": Im Prozess um den Mordfall Meredith Kercher wurde am 30. Januar 2014 in Florence erneut ein Urteil gesprochen. Das wird aber nicht der letzte Richterspruch zu diesem Fall gewesen sein. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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31.01.2014 13:53"Vor dem Gesetz sind alle gleich": Im Prozess um den Mordfall Meredith Kercher wurde am 30. Januar 2014 in Florence erneut ein...

Die Geschichte um den Mord an der 21-Jährigen, die in einer kalten Nacht im November 2007 begann, zieht sich nun schon sechs Jahre hin und nahm viele überraschende Wendungen. Am Mittag des 2. November wurde die nackte Leiche Kerchers gefunden, mit durchschnittener Kehle und etlichen Messerstichen. Das brutale Verbrechen schockierte Italien, die Öffentlichkeit wollte einen Schuldigen. Schienen die schnell verhafteten Knox und Sollecito zunächst wie die klaren Täter, wurden später immer mehr Zweifel laut und Ermittlungspannen bekannt.

Wirklich sicher ist kaum etwas in dem jahrelangen Krimi um Lüge und Wahrheit

Doch auch Knox brachte sich mit einer Falschaussage in Bedrängnis. Sechs Jahre und drei Prozesse später wurde nun das vierte Urteil für Knox (26) und Sollecito (29) gesprochen. Gegen die mit Spannung erwartete Entscheidung wollen die Anwälte von Knox erneut Berufung einlegen. Der Justizkrimi wird damit um ein weiteres Kapitel ergänzt; bis zu einem endgültigen Schuld- oder Freispruch müssen Knox, Sollecito und die Familie des Opfers Meredith Kercher mindestens einige weitere Monate warten - wenn nicht sogar ein Jahr oder länger.

Wirklich sicher ist kaum etwas in dem jahrelangen Krimi um Lüge und Wahrheit. Meredith Kercher wurde brutal ermordet, der bislang einzige rechtskräftig verurteilte Täter ist der Ivorer Rudy Guede - jedoch nur wegen Beihilfe. Der junge Mann wurde 2010 in einem zweiten Prozess zu 16 Jahren Haft verurteilt. Zahlreiche DNA-Spuren Guedes wurden am Tatort gesichert, doch die Richter zeigten sich überzeugt, dass er nicht alleine gehandelt haben könne.

Auch die italienische Justiz interpretierte die Indizien und Beweise in dem Fall auf verschiedene Art und Weise. Während die Staatsanwaltschaft in dem ersten Prozess gegen Knox und Sollecito 2009 davon ausging, Kercher sei bei einem ausgeuferten Sexspiel getötet worden, präsentiert Staatsanwalt Alessandro Crini nun eine andere Theorie. Seiner Ansicht nach wurde die Britin getötet, nachdem sie sich über die verschmutzte Toilette beschwerte. Daraus sei ein gewalttägier Streit zwischen Knox, Sollecito und Guede entbrannt.

Die Zweifel sind groß

2009 wurden Knox und Sollecito auf der Basis von DNA-Tests verurteilt, die später als unzuverlässig eingestuft wurden. Zwei Jahre später wurden die beiden Hauptverdächtigen deshalb in zweiter Instanz freigesprochen - doch wegen „zahlreicher Mängel, Widersprüche und offensichtlicher Unlogik“ wurde dieses Urteil von Italiens höchstem Gericht im März 2013 gekippt. Neue DNA-Tests mit Spuren der mutmaßlichem Mordwaffe - einem Messer aus Sollecitos Wohnung - zeigten im neuen Prozess Spuren von Knox, jedoch nicht des Opfers.

Stephanie Kercher, die Schwester der Ermordeten, hat die Suche nach dem Täter fast schon aufgegeben. „Das Urteil wird keine Rache oder die Wahrheit bringen“, sagte sie dem „Corriere della Sera“. „Ich werde immer Zweifel in meinem Herzen haben, das ist offensichtlich, aber wir können nur das akzeptieren, was die Richter sagen, und die Entscheidungen der italienischen Justiz respektieren.“

Dass die USA Amanda Knox an Italien ausliefert, gilt als unwahrscheinlich. (dpa, AFP)

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