Welt : Spendenaffäre im OP

Schnelle Operation nur gegen Geld: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Chefarzt der Essener Uniklinik

Hayke Lanwert[Essen]

Im Sommer 2000 operierte er noch den Bundespräsidenten Johannes Rau. Allerdings im Geheimen, weil er unter allen Umständen vermeiden wollte, dass die Öffentlichkeit davon erfuhr. Während Rau also in der Essener Universitätsklinik von Prof. Christoph Broelsch (62) therapiert wurde, wehte auf Schloss Bellevue in Berlin die deutsche Fahne und täuschte so Raus Anwesenheit vor. Erst 24 Stunden später verkündete Broelsch in einer Pressekonferenz seinen erfolgreichen Eingriff. Ein großer Tag für den Chirurgen.

Knapp sieben Jahre später steht der renommierte Essener Chirurg nun im Zentrum staatsanwaltlicher Ermittlungen. Konfrontiert mit Vorwürfen, er habe krebskranken Patienten nahegelegt, Geld zu spenden, und sie danach beschleunigt operiert. Das Geld, Beträge von 5000 bis 10 000 Euro, sei Forschungszwecken zugutegekommen. Etwa zwölf solcher Fälle sind der Staatsanwaltschaft bekannt. Allerdings melden sich mittlerweile immer mehr ehemalige Patienten oder Angehörige und berichten ebenfalls von solchen Spendenaufrufen. „Wir werden diese Zeugen vernehmen, um festzustellen, wer die Gespräche rund um die Spenden führte“, sagt Staatsanwältin Angelika Matthiesen.

Noch schwerer dürfte wiegen, dass die Essener Staatsanwälte bereits seit 2006 einem anderen möglichen Delikt nachgehen. Broelsch hat demnach gegen Zahlung von 60 000 Euro einer krebskranken 46-jährigen Griechin eine Leber transplantiert. Der Chirurg selbst bestreitet die Vorwürfe. Bis auf Weiteres darf er auch weiter behandeln. Trotzdem leitete die Uni ein Disziplinarverfahren gegen den Chirurgen ein, das aber so lange ausgesetzt ist, bis die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen abgeschlossen hat.

Und die Staatsanwaltschaft glaubt bisher nur die Spitze des Eisbergs zu kennen. Neu sind solche Vorwürfe gegen den Chefarzt tatsächlich nicht. Zumindest nicht unter den Mitarbeitern der Essener Universitätsklinik. Seit Jahren schon werde im Haus immer wieder erzählt, Broelsch transplantiere an der gesetzlich vorgeschriebenen Warteliste vorbei vermögende Privatpatienten, die sich zu diesem Zweck eigens im eleganten Essener Sheraton einquartierten, um rechtzeitig zur Stelle zu sein, wenn im Essener Klinikum ein passendes Organ zur Verfügung stehe. Bestätigt werden diese Anschuldigungen auch durch Alexandra Willer, die Vorsitzende des Personalrates der Uniklinik: „Ich kenne diese Gerüchte schon seit Jahren. Sie halten sich hartnäckig. Aber wenn irgendjemand davon erzählte, hieß es gleich, ,du musst es auch beweisen, lass es lieber sein’ “, sagt Willer. Wer sich mit der Abteilung Broelschs anlege, der müsse sich warm anziehen, sagte Willer. Das sei in all den Jahren immer als Gegenargument vorgebracht worden. „Dass sich niemand traute, etwas zu sagen, ist plausibel. Broelsch war der Leibarzt von Rau, er hat Beziehungen zur Landesregierung. So naiv ist hier keiner, dass er nicht eins und eins zusammenzählen kann“, erklärte Willer. Als Mensch sei sie – wenn die Vorwürfe stimmen – entsetzt. „Als Mitglied des Aufsichtsrates will ich aber wissen: Wer hat davon gewusst?“

Schon einmal stand Broelsch in der Kritik. Das war 1991 in Hamburg bevor er nach Essen wechselte. Zwei Gutachter mussten klären, ob der Chirurg ein 17-jähriges Mädchen absichtlich auf dem OP-Tisch hatte sterben lassen, weil er ihr keine Überlebenschancen mehr einräumte. Die Gutachter kamen aber zu keinem eindeutigen Ergebnis.

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