Welt : "Sperrzone Reines Deutschland": Der Strand gehört den Kötern

Nicole Henneberg

Regelmäßige Urlaube an der Ostsee gehörten in bürgerlichen Familien einmal zum guten Ton. Den Tag über am Strand, vergnügte man sich abends in Gartenlokalen oder auf Bällen. Bansin, wie auch die benachbarten, "kaiserlichen" Seebäder Heringsdorf und Ahlbeck müssen damals schmucke Ferienorte gewesen sein, mit Promenaden, Grandhotels und Kurkonzerten. Als Peter Wawerzinek sich im vergangenen Sommer enschloss, einen befreundeten Puppenspieler auf dessen Planwagentour entlang der Ostseeküste zu begleiten, hatte er zunächst nur positive Bilder im Kopf. Selbst in Mecklenburg an der Küste aufgewachsen, verbindet ihn eine alte Liebe mit diesem Landstrich, und die prächtigen Schilderungen seines Freundes über die Tour im Jahr zuvor taten ein Übriges, großartige Visionen von einem fröhlichen Nomadenleben zu wecken.

Strand mit Stacheldraht

"Sperrzone Reines Deutschland" hat Peter Wawerzinek seinen Reisebericht genannt, und das oben erwähnte Bansin ist eine der ersten Stationen. Es liegt heute nahe der polnischen Grenze und wirkt heruntergekommen und grau. Gleich neben dem ebenso vergammelten Nachbarort Ahlbeck ist der Strand mit Stacheldraht verbarrikadiert, ein Zaun reicht viele Meter ins Meer. Deutsche und Polen mögen einander nicht besonders, auf beiden Seiten der Grenze blühen die Ressentiments: dass alles Polnische immer schon deutsch gewesen sei, der Russe mit den Polen Hand in Hand den Deutschen aus seinen Häusern vertrieben habe und altes Besitzrecht existiert; und dass die Polen sich dank der reichlich zu ihnen fließenden D-Mark ein Speckleben machen können. Die Polen halten umgekehrt die Deutschen für knauserig, arrogant und selbstgerecht. Die Tournee beginnt in Koserow, westlich von Bansin gelegen. Der Ort selbst gilt bei seinen Einwohnern als "wildromantisch", das heißt: Stellenweise ist die Natur noch intakt, an anderen Stellen häufen sich Müll und Gerümpel. Der Strand ist fast menschenleer, aber wo Urlauber zahlreicher auftreten, gibt es sofort Spannungen zwischen den verschiedenen Interessengruppen, so zwischen den DDR-traditionellen Nudisten und den jungen westlichen Hundebesitzern, die ihren Kötern die schönsten Strandabschnitte erobern wollen. Im Ort gibt es erstmal handfesten Streit mit dem Deichwärter über einen umweltverträglichen Standort für den Pferdewagen - aber das hätte sich so auch in St. Peter Ording zutragen können. Erst das trostlose abendliche Sommerfest macht den Puppenspielern nachdrücklich klar, dass sie sich auf vermintem Gelände bewegen. Zwar geht ihr erster Auftritt gut über die Bühne, aber das Fest selbst versackt schnell. Die Live-Band ist schlecht und gnadenlos vorgestrig; die spießigen, schon älteren Urlauber schunkeln sich in eine bierselige So-ein-Tag-wie-heute-Stimmung hinein. Besonders enttäuscht von der lahmen Party muß wohl eine Gruppe Jugendlicher mit weinroten Bomberjacken sein, die spät in der Nacht doch noch ein bisschen Unterhaltung aus dem Abend herausschlagen wollen. Sie umstellen gröhlend den Planwagen und wecken die darin Schlafenden: ob die da drinnen vielleicht schwul seien, kein Zuhause hätten, was das überhaupt für Rumtreiber seien und wie man nur so hausieren könne. Die ganze Situation wird immer ungemütlicher. Die beiden Spieler haben Angst und machen sich, weil inzwischen Worte wie "Zigeuner" und "Asoziale" durch die Nacht tönen, auf alles gefasst. Doch endlich, auf Drängeln der Mädchen, zieht der wildere Teil der Meute johlend ab. Mit den verbleibenden Glatzen kommt der Puppenspieler schließlich ins Gespräch, spendiert ein Bier und führt zuerst, als Verständigungsbrücke, die sanftmütige Schäferhündin vor, schließlich den Wagen und die Kostüme. Diesmal ist alles gutgegangen, aber das Kribbeln im Nacken, das flaue Gefühl im Magen werden zu ständigen Begleiter. Denn fast jede Nacht hören die Puppenspieler in nächster Nähe ihres luftigen Domizils das Gröhlen der rechten Jugendlichen; Glas splittert, Stühle gehen zu Bruch, jemand schreit. Und auch auf Rügen sind es zuerst die Glatzen, die den Planwagen samt Kutschern herzlich grüßen, mit Hitlergruß aus einem fahrenden Auto heraus und dem freudigen Ruf: Wir kriegen euch!

Peter Wawerzinek meinte, seine Pappenheimer an der Küste zu kennen - und er findet auch viele "alte Bekannte" wieder: den Seebär, die gute Seele, den Anglerkönig, den gutmütigen, redseligen Kneipenwirt. Aber was den Autor verstört, ist der Gleichmut, mit dem die Leute auf die brutalisierten Jugendlichen neben ihnen reagieren. Lass die sich austoben; wir waren doch früher auch so - das ist der Tenor auf den Campingplätzen und in den Kneipen. Alle machen tagsüber einen Bogen um die bulligen Kerle; auf den Campingplätzen haben sie immer ihr eigenes Areal. In der Woche zuvor wurde im Nachbarort Ahlbeck ein Obdachloser von einem Skin erschlagen; aber kein Anwohner hatte etwas gehört oder gesehen in der fraglichen Nacht. Gerade deshalb ist der Freund des Autors wild entschlossen, optimistisch zu bleiben, und stürzt sich geradezu leidenschaftlich in die Auseinandersetzung mit einem Strandwächter, der ihm während der allmorgendlichen Werbetour das laute Trommeln verbieten will.

Es ist eine der Eigenarten dieser Reise, dass alle Auseinandersetzungen sofort politisch grundiert werden. So stammt der Wächter aus dem ehemaligen Jugoslawien, geriert sich penetrant als "Kriegsheld" mit Goldkettchen, Muskelshirt und markigen Sprüchen über Rachefeldzüge und männliche Ehre. Der Künstler-Vagabund versucht ihm vergeblich zu erklären, dass jeder, der unterwegs ist, naturgemäß ein bißchen über den Tellerrand hinausschaut; dass produktive Unruhe ein Element des Lebens selbst ist und spießbürgerliche Ruhe kein Wert an sich.

Die Strandurlauber stellen sich diesmal eindeutig auf die Seite des "Ruhestörers". Was dann folgt, erlebt unser Erzähler äußerst ambivalent: Er muss, um den Sieg vorzuführen, in seinem Königskostüm den Strand ablaufen, was ihn in der Mittagshitze fast zusammenbrechen lässt. Selbstironischer, manchmal fast kauziger Humor ist der Filter, durch den Peter Wawerzinek alle Ereignisse betrachtet, und er stellt damit auf redliche Weise das Gleichgewicht zwischen all seinen Figuren her.

Ein Spiel auf dem Theater

Peter Wawerzinek erzählt diese tieftraurige Reise als Spiel auf dem Theater im weitesten Sinne. Damit scheint von Mord bis Verklärung plötzlich alles möglich, aber vielleicht nicht unwiderruflich. Eine Art Ehrenrettung des Ostens also, die freudig und sarkastisch auch all die normalen, absurden Begebenheiten des Urlaubsalltags in den Blick nimmt: Die Kellner in einem Ausflugslokal führen genau das ausgeklügelte Ballett auf, das der erfahrene Gast überall auf der Welt sofort als Kontakvermeidungsstrategie erkennt. Der Autor flieht schließlich vor dem Hass, aber nicht ohne auf der Heimfahrt nochmals alle Personen zum Finale auf die Bühne zu rufen: den Waldschrat und die Salzhüttenbetreiber, fanatische Sandburgenbauer, Jagdfreunde, Kuchendamen und die Filzfrau aus Lüttenort, ein kunsthandwerkliches Original, an dem Beuys seine helle Freude gehabt hätte.

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