Welt : Spiel mit der Täuschung

Der Schauspieler Edward Norton überrascht das Publikum immer aufs Neue – auch in seinem Film „25 Stunden“

Daniela Sannwald

Es war keine Heldenrolle, mit der Edward Norton 1996 die internationalen Leinwände eroberte – Leonardo DiCaprio hatte abgewunken – aber sie war einprägsam: Mit 27 spielte er in „Primal Fear" einen stotternden, verhaltensauffälligen, gehemmten Ministranten, der unter Verdacht steht, einen Priester ermordet zu haben. Der völlig unbekannte junge Off-Broadway-Schauspieler hatte sich gegen 2000 Mitbewerber durchgesetzt. Nun trat er neben Richard Gere auf. Vielleicht zeigt dieser erste Film schon, was Edward Nortons Figuren häufig auszeichnet: Man unterschätzt sie oder nimmt sie gar nicht erst wahr, lässt sich vom unspektakulären Äußeren des Schauspielers täuschen. Am Schluss aber sind sie schlauer und raffinierter als alle anderen. „Primal Fear" jedenfalls brachte Norton sofort eine Oscar-Nominierung ein, und Hollywood riss sich um ihn.

Cool und attraktiv

Smart ist auch der schmierige Anwalt, den Norton gleich nach seinem Debütfilm selbst spielte: In „Larry Flint" fand er immer neue Gesetzeslücken, um den Pornoverleger vor dem Gefängnis zu bewahren. Und dann engagierte ihn Woody Allen für sein Musical „Everyone Says I Love You", und Norton war den emotionalen Wechselbädern des Verliebtseins ausgesetzt. Jetzt zeigte er, dass er auch niedlich und naiv sein konnte, mit ein wenig ironischer Distanz.

Zwei Jahre später, 1998, war Edward Norton plötzlich ein anderer geworden: 15 Kilo schwerer, muskelbepackt, grimmig und ideologisch verblendet, ist er als Neonazi in „American History X" zu äußerster Brutalität gegenüber all jenen fähig, die er als minderwertig betrachtet. Und damit war er von „Fight Club" gar nicht weit entfernt: Auch die Mitglieder dieses Clubs der prügelnden Männer, die in ihrer Freizeit Aggressionen abbauen, werden unter der Leitung des Anführers Brad Pitt zu einer paramilitärischen Einheit. Edward Norton ist einer von ihnen, oder eigentlich zwei: Am Ende kommt heraus, dass er und Brad Pitt ein und dieselbe Person sind. 2000 versuchte sich Norton sogar als Regisseur seiner selbst: Seine erste und bisher einzige Regiearbeit „Keeping the Faith" ist eine harmlose Komödie, ein kleines erotisches Verwirrspiel unter Geistlichen.

Edward Norton wurde 1969 in eine linksliberale Akademikerfamilie in Neuengland hinein geboren, und schon als Kind wollte er unbedingt Schauspieler werden: „Das ist eine Leidenschaft, die von dir Besitz ergreift, und die du nie mehr loswirst", erklärte er in einem Interview. So nahm schon der kleine Edward an jedem Schauspielkurs teil, von dem er wusste, studierte dann aber trotzdem auch was Ordentliches: Immerhin hat er einen Magisterabschluss der Yale-Universität in Geschichte. Und er spricht sogar Japanisch, denn nach dem Studium arbeitete er zunächst in Osaka, wo die Firma seines Großvaters eine Zweigstelle hat. Er kam aber schnell zurück und versuchte, in New York als Schauspieler Fuß zu fassen. Bis er auf einer Off-Broadway-Bühne landete, schlug er sich als Kellner durch.

In seiner neuen Rolle in Spike Lees „25 Stunden" gibt er sich abgebrüht und fatalistisch. Die matte Verdrießlichkeit, die Norton nicht nur mimisch, sondern auch mit seinem schlendernden Gang, seiner ganz leicht angespannten Haltung und seiner lakonischen Sprache ausdrückt, lässt ihn cool und ungeheuer attraktiv wirken. Norton, der nach Perfektion strebt, hat es wieder geschafft: Charmanter kann ein Verlierer nicht sein.

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