Welt : Spielweltmeister Deutschland

Wie typisch deutsche Brettspiele kommunikativ und sozial fit machen

Nana Heidhues

Forscher datieren die ältesten Zeugnisse für Gesellschaftsspiele auf etwa 6200 Jahre vor Christus. Gut sieben Jahrtausende später boomt der Markt – dabei sind die Deutschen weltweit die begeistertsten Brettspieler: Mit einem Gesamtumsatz von rund 390 Millionen Euro haben sich Spiele und Puzzles hier in den vergangenen Jahren als stärkstes Segment des Spielzeugmarktes etabliert. Ernst Pohle, Vorsitzender der Fachgruppe Spiel in Stuttgart, spricht von einer „stabilen Entwicklung in den letzten zehn Jahren“; der Marktanteil sei von 14 auf 17 Prozent gestiegen. Die Zahl der Spieleverlage, die im Frühjahr auf der Leipziger Buchmesse vertreten waren, hat sich auf 15 verdoppelt.

„Nach dem 2. Weltkrieg waren die Deutschen ziemliche Spielmuffel. Jetzt haben sie Nachholbedarf“, stellt Bernward Thole, Leiter des Deutschen Spiele-Archivs in Marburg, fest. In den letzten 30 Jahren habe sich in Deutschland eine breite Spielkultur entwickelt. In den USA heißen inzwischen viele Gesellschaftsspiele „German type games“.

Fachleute sind sich einig, dass Spielen am Familientisch eine Form der Kommunikation bietet, die Fernsehabende oder das Zocken am Computer nicht ersetzen können: „Spannende geistige Herausforderungen und erfüllte Erlebniswelten, die Begegnung mit leibhaftigen Menschen, ihren Ideen und ihren Gefühlen“, schwärmt Thole. Der Mitbegründer des Kritikerpreises „Spiel des Jahres“ glaubt nicht, dass Brettspiele von der Playstation verdrängt werden, das verhindere schon ihre unbegrenzte Verfügbarkeit: „Ein Spielfeld, ein paar Figuren, ein Würfel oder auch nur Spielkarten: Alles völlig stromunabhängig und damit überall einsetzbar.“

Statt Brett und Steine in den Koffer zu packen, lassen sich die meisten Deutschen lieber vom Wohnzimmer in exotische Breitengrade entführen: Thole beobachtet einen Trend zu fernen Fantasiewelten und historischen Szenarien. Erfolgreich seien Spiele, die Fernweh erzeugen – Spiele um römische Aquädukte, bizarre Mondlandschaften, verwunschene Hexenwälder und immer wieder einsame Inseln zieren die Spielbretter.

Doch Spiele können mehr als Urlaubsgefühle wecken: „Bei älteren Menschen steigert das Spielen mit Jüngeren die Mobilität und das Selbstwertgefühl“, so Thole. Der Wettkampf am Spieltisch bringe Generationen einander näher und schule auch die Fähigkeit, im richtigen Leben Probleme zu lösen. „Man überlegt sich eine Strategie, macht Fehler und probiert es dann von Neuem. Spielen ist Jonglieren mit der Wirklichkeit“, sagt der Marburger Experte.

So hilft bei „Thurn und Taxis“, dem im Juli gekürten „Spiel des Jahres“, die in der Politik erprobte „Amigo-Connection“ aus Situationen, in denen es eng wird: „Schließlich soll man Beziehungen nicht nur haben, man muss sie auch nutzen“ – so steht es in den Regeln.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben