Welt : Sprachschule Fernsehen

EU-Politiker wollen öffentlich-rechtlichen Medien grundsätzlich Untertitel vorschreiben. Was bringt das?

Bart Funnekotter

Was für Filmfans vielfach ein Qualitätssprung wäre und was in den Niederlanden, Skandinavien, Italien und der Schweiz ganz selbstverständlich ist, sorgt in Deutschland für Aufregung: Das Europaparlament hat die EU-Kommission beauftragt, einen Gesetzesvorschlag zu erarbeiten, der allen öffentlich-rechtlichen Sendern in der EU vorschreiben könnte, künftig ihr gesamtes Programm mit schriftlichen Untertiteln zu versehen. Damit soll nicht ausdrücklich verboten werden, Filme zu synchronisieren – diese weitergehende Forderung lehnte der Kulturausschuss des Europaparlaments ab. Allerdings könnte eine vollständige Untertitelung des Programms immer mehr Synchronisationen nach und nach verdrängen und überflüssig machen – wie schon in den genannten Ländern. Vorreiter in Sachen Untertitel ist zur Zeit die britische BBC: Seit Anfang dieses Monats wird deren vollständiges Programm untertitelt, um „tauben und schwerhörigen Zuschauern zu helfen“, wie auch der EU-Vorschlag begründet wird. Doch auch beim Erlernen von Sprachen wären weniger Synchronisationen hilfreich – vom Kulturgenuss ganz zu schweigen. tkl/cwe

VORBILD HOLLAND: MEHR SPASS AN FILMEN, STIMMEN UND SPRACHEN

Wenn Niederländer Englisch reden, reden sie Amerikanisch – das verdanken sie den holländischen Fernsehsendern. Seit den fünfziger Jahren werden in den Niederlanden ausländische Programme untertitelt statt synchronisiert, und weil die meisten Filme, Serien und Cartoons aus den USA kommen, hören die Holländer fast den ganzen Tag Schauspieler mit dem schönen Akzent der Prärie deklamieren. Sie klingen deshalb selbst oft mehr nach Cowboy als nach Gentleman, sagen „pants“ statt „trousers“, „cookie“ statt „biscuit“ und „fries“ statt „chips“. Aber Kinder sprechen schon ziemlich gut Englisch, wenn sie in die Schule kommen. Sie zitieren natürlich eher Donald Duck als Shakespeare – aber auf diesem Fundament können die Lehrer gut aufbauen: Holländische Teenager haben, zusammen mit den Skandinaviern, den weitaus größten englischen Wortschatz im europäischen Vergleich.

Noch ein lehrreicher Vorteil: Man kann kontrollieren, ob der Übersetzer seine Arbeit richtig gemacht hat. Wenn etwas klug übersetzt ist, macht Fernsehen doppelt so viel Spaß – und wenn es völlig falsch ist, eigentlich auch: Man darf sich dann schlauer fühlen.

Ein Bedürfnis nach synchronisierten Filmen entsteht so gar nicht: Auch die Kinos spielen – auch ohne politischen Zwang – selbstverständlich alle Filme mit Originalton. Am schönsten ist schließlich, dass die Stars mit ihren eigenen Stimmen reden, schreien und flüstern. Für die Deutschen wird überraschend sein, dass George Clooney im Original viel rauer klingt, als er aussieht. Und wird Tom Cruise mit seinem amerikanischen Falsett ein guter Staufenberg sein – oder hört man ihn doch lieber auf Deutsch? Bart Funnekotter

DER LERNEFFEKT: KINO UND TV ALS SPRACHSCHULE

Wolfgang Mackiewicz, Leiter des Sprachenzentrums der Freien Universität Berlin, würde Untertitel als Alternative zur Synchronisation begrüßen: „Wie man nicht nur in Holland feststellen kann, können die Medien auf eine Weise zum Sprachenlernen motivieren, die der formalen Bildung nicht zugänglich ist“, sagte er dem Tagesspiegel. Mackiewicz ist Mitglied einer Expertengruppe der Europäischen Kommission, die Vorschläge zur Förderung und Bewahrung der Mehrsprachigkeit in Europa machen soll. Fernsehprogramme mit Untertiteln weckten und verstärkten auch das Interesse an anderen Kulturen, ist sich der Wissenschaftler sicher: Nicht nur junge Menschen würde dadurch die Scheu vor fremden Sprachen genommen – auch wenn sie nicht auf Anhieb zu verstehen sind. So könne das Interesse, weitere Sprachen zu erlernen oder früher erworbene Sprachkenntnisse wieder aufzufrischen, verstärkt werden.  Maike Westphal

ZAGHAFT: DIE REAKTION VON ARD UND ZDF

Walther Kehr, Sprecher des ZDF, hält die Diskussion für eine „Geisterdebatte“. Bei der Untertitelung von öffentlich-rechtlichen Fernsehsendungen sei man in Deutschland „auf einem sehr guten Weg“, sagte er dem Tagesspiegel. „Ein erheblicher Teil des Programms ist bei uns schon untertitelt und im Videotext zuschaltbar.“ Auch in der ARD stehe ein „umfangreiches Untertitelungsangebot“ zur Verfügung, sagt deren Sprecher Peter Meyer. Einen Verzicht auf die Synchronisation von Spielfilmen sehen die Verantwortlichen von ARD und ZDF kritisch. Beide Sender wollen aber weiter am Ausbau des barrierefreien Fernsehens arbeiten; so werden zusätzlich zur Untertitelung Nachrichtensendungen auch mit Gebärdensprache angeboten. Derzeit werde auch über Änderungen des zwölften Rundfunkänderungsstaatsvertrags diskutiert, die eine Erweiterung der Untertitelung vorsähen. Für ZDF-Sprecher Kehr ist die Brüsseler Erklärung deshalb, als würde „Wasser in den Rhein gegossen“. Tim Klimeš

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