Springflut in Frankreich : Naturspektakel am Mont Saint Michel

Am weltbekannten Klosterfelsen Mont Saint Michel an der nordfranzösischen Küste konnte am Samstag ein Naturspektakel bestaunt werden. Das Wasser stieg rasch an und umschloss schließlich die Weltkulturerbestätte komplett. Auslöser der Springflut ist eine spezielle Sonne-Mond-Konstellation.

Nicht ungefährlich. Das Wasser kam rasend schnell.
Nicht ungefährlich. Das Wasser kam rasend schnell.Foto: Reuters

Von der Ferne kam das Wasser am frühen Morgen angerollt, Meter um Meter überflutete es den Boden, umspülte die Felsen des Mont Saint Michel und verwandelte den berühmten Klosterberg schließlich in eine Insel. Tausende Schaulustige sahen sich am Samstag die "Jahrhundertflut" an der nordfranzösischen Küste an, ein Naturereignis nur einen Tag nach der Sonnenfinsternis über Europa.

"Die Sonne ist aufgegangen und die Flut ist gestiegen - es war großartig", sagte Marie-Reine Sallou, die aus der bretonischen Stadt Rennes anreiste.

Der Meerespiegel stieg um 14 Meter

Rund 14 Meter, so hatten es die Experten vorhergesagt, sollte in dem Gebiet der Meeresspiegel vom tiefsten Punkt der Ebbe zum höchsten Punkt der Flut ansteigen, das ist höher als ein vierstöckiges Haus. Der Gezeitenkoeffizient, eine Kennzahl für das Ausmaß der Flut, wurde mit 118 angegeben - auf einer Skala von 20 bis 120. Für den Samstagabend war sogar ein Koeffizient von 119 vorhergesagt, ein Rekordwert.

Allerdings ist die Bezeichnung Jahrhundertflut etwas übertrieben - denn tatsächlich gibt es vergleichbare Fluten alle 18 Jahre, zuletzt 1997, das nächste Mal 2033. Hinter der Springflut vom Wochenende steht das gleiche Phänomen, das Europa bereits am Freitag die Sonnenfinsternis beschert hatte: Erde, Mond und Sonne liegen auf einer Achse; die Anziehungskräfte der Himmelskörper auf das Meerwasser, die hinter den Gezeiten stehen, sind daher besonders stark. Außerdem befindet sich der Mond derzeit sehr nah an der Erde.

Nirgendwo sonst sind die Gezeiten so ausgeprägt

An kaum einem anderen Ort der Welt sind die Gezeiten so ausgeprägt wie in der Bucht, in der der Mont Saint Michel liegt. Und an dem Klosterberg, der zum Unesco-Weltkulturerbe zählt und mit jährlich mehr als zwei Millionen Besuchern einer von Frankreichs bekanntesten Touristenmagneten ist, war die Jahrhundertflut aus einem weiteren Grund ein mit Spannung erwartetes Ereignis. Denn ein im 19. Jahrhundert gebauter Straßendamm und folgende Sedimentablagerungen hatten dem Insel-Dasein des Mont-Saint-Michel mehr als 130 Jahre lang ein Ende bereitet. Ein Mammut-Bauprojekt stellt derzeit wieder alte Verhältnisse her, der Damm wird abgerissen,
eine neue Brücke wurde im vergangenen Jahr eröffnet.

Zeitweise war sogar ein Teil der neuen Zugangs-Brücke überflutet

Seitdem hat sich der Mont Saint Michel bereits mehrfach bei hoher Flut zur Insel gewandelt, viele sahen das am Samstag aber zum ersten Mal. "Der Mont Saint Michel ist wieder eine Insel geworden", sagt die Touristin Sallou. "Es war wirklich bewegend zu sehen, wie der Mont von Wasser umgeben ist." Am Samstag überflutete das Meer sogar zeitweise einen Teil der neuen Zugangs-Brücke.

Ungefährlich ist das Naturschauspiel nicht

Ungefährlich ist das Naturschauspiel nicht. Denn viele Menschen spazieren bei Ebbe in dem nassen Schlick um den Mont Saint Michel, auch auf der Suche nach Muscheln. Und die Flut kommt rasend schnell. "Die Geschwindigkeit, mit der das Wasser kommt, ist beeindruckend", staunte ein 53-jähriger Franzose, der die "Jahrhundertflut" am Samstagmorgen bestaunte. "Man sagt, es habe die Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes. Ich bin überzeugt, dass ein Mensch nicht schnell genug rennen könnte." Polizisten waren deswegen im Einsatz, um die Menschen, die ihre Füße von dem steigenden Wasser umspielen lassen wollten, zurückzudrängen.

Manche hatten sich das Schauspiel wilder gewünscht

Manche am Klosterberg machten am Samstagmorgen aber lange Gesichter. Denn es fehlte der Wind, der das Wasser zu Wellen hätte aufpeitschen können, um das Naturschauspiel wilder zu machen. Er sei "ein bisschen enttäuscht", sagte ein Besucher - er hatte sich die sogenannte Jahrhundertflut spektakulärer vorgestellt. AFP

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