Srebrenica : Zehntausende gedenken Massaker

Jedes Jahr am 11. Juli kommen die Hinterbliebenen nach Srebrenica, um zu beerdigen, was von ihren Angehörigen übrig geblieben ist. Auch an diesem Montag kamen wieder mehrere zehntausend Menschen.

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Das Massaker von Srebrenica passierte im Juli 1995. Erst kürzlich wurden 614 neu identifizierte Opfer begraben.Alle Bilder anzeigen
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11.07.2011 14:05Das Massaker von Srebrenica passierte im Juli 1995. Erst kürzlich wurden 614 neu identifizierte Opfer begraben.

Vor genau einem Jahr steht Murka Jahic vor dem grünen Grabmal mit der Nummer 318 und starrt in ein Loch in der Erde. Ihr Sohn Samir ist eben weggegangen, um den grünen Sarg mit der Nummer 318 zu holen. Heute beerdigt Murka Jahic ihren Mann Rifet. Heute, 15 Jahre nach seiner Ermordung. Die Sonne brennt auf den Friedhof in Potocari, einen Ort bei Srebrenica. Als Samir mit seinen Cousins den Sarg bringt, sieht Murka Jahic kurz hin. Dann starrt sie in die Ferne, blass und verschwitzt. Das Kopftuch, das die 43-Jährige zur Beerdigung trägt, hängt aufgeknotet an ihrem Kopf herunter, die schwarzen Haare auf der Stirn sind nass.

Samir steigt in das hüfttiefe Grab und stützt den Sarg, als der hinab gelassen wird. Murka Jahic steht regungslos daneben. Erst als die Schwester ihres Mannes laut in Tränen ausbricht, rührt Murka Jahic sich wieder und nimmt sie in den Arm. „Es bringt doch nichts“, flüstert sie, "es bringt alles nichts."

Samir schaufelt jetzt Erde ins Grab. Mechanisch und schnell. Er beeilt sich, er muss auch noch seinen Großvater begraben. Fünfzig Meter weiter weint Agisa Mustafic, die Schwester von Murka Jahic, am offenen Grab. Auch ihr Mann wurde ermordet. Als Angehörige die 775 grünen Särge auf den Friedhof tragen, brechen viele Frauen zusammen.

Die meisten von ihnen waren dabei, als serbische Truppen unter der Führung des nun verhafteten Generals Ratko Mladic am 11. Juli 1995, während des Bosnienkrieges, in die UN-Schutzzone Srebrenica einfielen und 8372 Muslime ermordeten, vor allem Jungen und Männer. Zwei Jahre zuvor hatten die UN Srebrenica und das umliegende Gebiet im serbischen Teil Bosniens zur Schutzzone für muslimische Bosnier erklärt. Als die Serben die entwaffnete Zone 1995 angriffen, vertraute die Bevölkerung darauf, dass die niederländischen Blauhelmsoldaten sie verteidigen würden – vergebens.

Die Niederländer sahen dem Morden tatenlos zu. Ihre Mitschuld an dem Massaker blieb lange ungesühnt. Bis heute haben sich weder die Niederlande noch die UN bei den Opfern entschuldigt – und mussten sich bisher vor Gericht noch nie für ihre Tatenlosigkeit verantworten. Die UN konnten sich auf ihre Immunität berufen, die niederländischen Blauhelmsoldaten versteckten sich hinter dem UN-Mandat.

Das hat sich nun geändert: Überraschend hat am vergangenen Dienstag ein Berufungsgericht in Den Haag entschieden, dass der niederländische Staat für den Tod dreier Männer verantwortlich ist. Die Blauhelme hatten auch den Bruder und den Vater ihres Dolmetschers Hasan Nuhanovic gezwungen, ihr Camp zu verlassen, ebenso wie Rizo Mustafic, der als Elektriker für Dutchbat gearbeitet hatte – alle drei wurden ermordet.

Der niederländische Staat hätte trotz UN-Mandat die effektive Kontrolle über die Soldaten gehabt, und die wiederum hätten um die Gefahr für die Männer gewusst, argumentierte das Gericht und sprach den Familien Schadensersatz zu: „Dutchbat war Zeuge mehrerer Vorfälle, bei denen bosnische Serben außerhalb des Lagers Flüchtlinge misshandelten oder töteten.“

Lesen Sie mehr im zweiten Teil.

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