Welt : St. Pauli trauert

Hanne Kleine, der Wirt der legendären Boxerkneipe „Zur Ritze“, ist tot – er war eine der Kiez-Größen

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Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Hamburger Kiez trägt Trauer: Nach schwerer Krankheit ist Hanne Kleine, seit 38 Jahren Wirt der legendären Kneipe „Zur Ritze“, am Freitag im Alter von 79 Jahren gestorben. Nach der berühmten Hure Domenica im Februar 2009 hat St. Pauli nun eine weitere berühmte Figur verloren.

Der Besitzer von Deutschlands wohl berühmtester Boxerkneipe „Die Ritze“ hat seinen letzten Kampf verloren. In den letzten Jahren musste er sich ständig mit ernsthaften Krankheiten herumschlagen: Ein mehr als vier Jahrzehnte langes umtriebiges Leben auf der Reeperbahn hatte seine Spuren bei ihm hinterlassen. Ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall, gleich fünf Bypässe und ein neues Kniegelenk – Kleine kam seit 2007 kaum noch auf die Beine. Ein Klinikaufenthalt reihte sich an den nächsten. Ein Bein musste ihm amputiert werden. Keime in seinem Körper nagten bereits an seinem zweiten Bein. Damit er die Schmerzen überhaupt noch ertragen konnte, bekam er am Schluss Morphium verabreicht. Schon in den vergangenen Tagen hatten sich Freunde und Angehörige große Sorgen um ihn gemacht.

Doch Kleine, groß geworden in Staßfurt bei Magdeburg, bewies zeit seines Lebens trotz allen Leidens Standhaftigkeit, was ihn bereits früher als Nationalstaffelboxer der DDR ausgezeichnet hatte.

Nach seinem „ersten Leben“ im Ring folgte sein zweites rund um die berühmte Hinterhofspelunke mit den gespreizten Frauenbeinen an der Tür – eine schillernde Lokalität in Hamburgs Rotlichtszene, in der sich im Dezember 2006 der Boxerkollege und Zuhälter Stefan Hentschel erhängte. Besonders das markante „Ritze“-Eingangsbild vom im Vorjahr verstorbenen Kiez-Maler Erwin Ross dürfte jeder kennen, der sich mal auf einen Reeperbahnbummel begeben hat. Gern ließ der redselige Wirt sich mit einem Bier in der Hand ablichten, in den letzten Jahren nippte er meist nur noch an der Kaffeetasse.

In den 80er Jahren erweiterte Kleine, der mit seinem richtigen Vornamen Hans Joachim hieß, seinen Gastronomiebereich um einen Boxkeller, und in den Folgejahren ließen sich zahlreiche Faustkämpfergrößen zum Training bei ihm blicken wie etwa Eckhard Dagge, der erste deutsche Profi-Weltmeister seit Max Schmeling. Oder René Weller, Henry Maske, Dariusz Michalczewski, die Klitschko-Brüder, die ihn alle als eine Art Vaterfigur betrachteten. Doch auch etliche Luden und Türsteher hielten sich bei ihm fit. Inzwischen waren die „Ritze“ wie sein Inhaber eine Berühmtheit bei Prominenten wie neugierigen Touristen.

Aus Milieukämpfen, die St. Pauli immer wieder heimsuchten, hat sich Kleine immer rausgehalten. Obwohl sich der Faustkämpfer vor den anderen legendären Zuhältern nicht verstecken musste.

Am längsten lebt, wer den Krieg meidet. Das gilt bis auf den Krieg mit dem Alkohol, den Kleine immer mal wieder gewann, wenigstens für einige Tage. Er sprach selber immer von seinen „trockenen Phasen“. Überliefert ist ein Satz von ihm: „Ein Kneipier, der gar nicht trinkt, ist wie ein Bademeister, der nicht schwimmen kann.“

Wenn er auf seinem Stammplatz saß, in seiner „Ritze“, wirkte er wie ein gemütlicher Wirt. Er konnte aber auch ungemütlich werden, nicht nur, wenn sich jemand auf seinen Stammplatz gesetzt hatte.

Er selber hielt sich nicht immer an die Regeln, er hatte früher gelegentlich Ärger mit der Justiz.

Um Reichtum ging es ihm nach eigenen Worten nie. Obwohl man mit Boxen, Gastronomie, Frauen und „Zimmervermietungen“ durchaus reich werden konnte, wenn man sein Geld etwas beisammenhielt und sich vor Schulden hütete. Aber das fällt bekanntermaßen nicht nur Zuhältern schwer.

An der Seite des Hamburger Boxers Jürgen Blin spielte Kleine im Dokumentarfilm „Der Boxprinz“ mit, und auch die TV-Kameras der Serie „Großstadtrevier“ wurden bei ihm aufgestellt. Im Vorjahr brachte Regisseur Franz Wittenbrink gar ein Musical über den Kultort auf die Bühne des St.-Pauli-Theaters, gefeiert von allen Prominenten der Stadt. Zuletzt hat Ehefrau Kirsten Kleine, die 32 Jahre mit Hanne verheiratet war, die Geschäfte geführt. „Es war für ihn eine Erlösung. Er konnte die Schmerzen nicht mehr aushalten“, sagte die 66-Jährige. mit dpa

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