Welt : Staatsaffären

Deutscher Nato-Diplomat hatte offenbar ein Verhältnis mit einer Russin, die unter Spionageverdacht steht

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Berlin - Die Geschichte könnte aus einem Spionagefilm stammen. Die handelnden Personen sind eine junge Russin in London und ihre drei Liebhaber: ein britischer Abgeordneter mit Karl-Marx-Frisur, ein deutscher Nato-Beamter und ein holländischer Diplomat – und im Hintergrund spielen möglicherweise zwei mächtige Geheimdienste eine Rolle.

Ein deutscher Spitzendiplomat soll eine Affäre mit einer in London lebenden Russin gehabt haben, die nun der Spionage verdächtigt wird. Das berichteten britische Medien unter Berufung auf ein Verfahren in London, in dem es um die Abschiebung der 26-jährigen Russin aus Großbritannien geht. Als der deutsche Diplomat Ekaterina Z. kennenlernte, war er nach Informationen des Tagesspiegels in einer leitenden Funktion bei der Nato in Brüssel tätig. Außerdem galt er als Experte für Russland und Osteuropa.

Heute arbeitet der 56-Jährige zwar nicht mehr für die Nato, ist aber weiter im deutschen diplomatischen Dienst beschäftigt. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin wollte zu den Berichten nicht Stellung nehmen, weil sie sich auf ein laufendes Gerichtsverfahren bezögen. Vor kurzem wurde der Diplomat sogar befördert – zu einem Zeitpunkt, als in Berlin seine Verbindung zu Z. bereits bekannt gewesen sein muss. Allerdings hat er nun nichts mehr mit Russland oder Osteuropa zu tun.

Der deutsche Diplomat soll die junge Russin vor zwei Jahren in London kennengelernt haben, als beide an einer Konferenz zu europäischen Sicherheitsfragen teilnahmen. Im Anschluss an die Tagung waren sie offenbar bei einem Empfang in der russischen Botschaft in London zu Gast. Der Diplomat habe mit der Russin täglich bis zu 100 E-Mails und Kurznachrichten ausgetauscht, berichtete der „Focus“ unter Berufung auf den britischen Geheimdienst MI5. Darin soll er auch über die Nato, über Besuche von US-Politikern in Europa und andere dienstliche Themen geschrieben haben. Die Informationen soll die Geliebte an den russischen Auslandsgeheimdienst SWR weitergeleitet haben.

Der britischen Zeitung „Mail on Sunday“ wurde es vergangene Woche gerichtlich untersagt, den Namen des deutschen Spitzenbeamten sowie eines holländischen Diplomaten zu nennen, der ebenfalls eine Affäre mit Ekaterina Z. gehabt haben soll. Zur Begründung hieß es, die internationalen Beziehungen sollten nicht gefährdet werden.

Vor ihrer Affäre mit dem Deutschen hatte die Russin mehrere Jahre lang ein Verhältnis mit dem britischen Parlamentsabgeordneten Mike Hancock, dessen Mitarbeiterin sie war. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Ekaterina Z. legte der 65-jährige Liberaldemokrat im Oktober seine Mitgliedschaft im Verteidigungsausschuss nieder. Er betonte allerdings, er habe niemals Material an Ekaterina Z. weitergegeben, das geheim oder auch nur nicht öffentlich war. Die Tatsache, dass die Russin nicht nur ein Verhältnis mit Hancock, sondern auch mit zwei ausländischen Diplomaten hatte, bestärkte die britischen Ermittler offenbar in dem Verdacht, dass sie eine russische Spionin ist.

Ekaterina Z. wurde im Dezember vergangenen Jahres festgenommen und vom Geheimdienst befragt. Sie gibt zwar zu, Affären mit den drei Männern gehabt zu haben, bestreitet aber den Spionagevorwurf vehement und wehrt sich vor Gericht gegen ihre Abschiebung. Eine offizielle Anklage wegen Spionage gibt es nicht, allerdings wurden in der Verhandlung über die Abschiebung auch Geheimdienstagenten anonym befragt. Unklar ist, welche Informationen sie weitergegeben haben soll. Ihre Anwälte erhoben in der Anhörung schwere Vorwürfe gegen den britischen Geheimdienst. Der Fall sei „amateurhaft“ und „irreführend“, kritisierten die Verteidiger. Das britische Innenministerium befürwortet aus Gründen der „nationalen Sicherheit“ die Abschiebung der 26-Jährigen.

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