Staatsanwaltschaft : Kachelmann soll Geliebte vergewaltigt haben

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Wettermoderator Kachelmann schwere Vergewaltigung vor und klagt ihn an. Der Beschuldigte weist die Vorwürfe zurück.

von
Weiter in Haft. Jörg Kachelmann bei einem Termin am Amtsgericht Mannheim. Foto: dpa
Weiter in Haft. Jörg Kachelmann bei einem Termin am Amtsgericht Mannheim. Foto: dpaFoto: dpa

Zwei Menschen, zwei Wahrheiten. Jörg Kachelmann, der Moderator und Fernsehwettermann, sitzt seit Wochen in Untersuchungshaft, weil er seine frühere Freundin vergewaltigt haben soll. Er sagt: Ich war es nicht. Seine frühere Freundin, ebenfalls Journalistin, korrigierte kürzlich ihre Aussage, hielt aber am Vorwurf fest: Er war’s. Seit Mittwoch ist es wahrscheinlich, dass es bald eine dritte Wahrheit gibt: die vor Gericht, die Wahrheit eines Urteils. Die Staatsanwaltschaft Mannheim hat gegen den 51 Jahre alten Schweizer Anklage erhoben. Der Beschuldigte ist jetzt ein Angeklagter.

Es besteht der Verdacht einer besonders schweren Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Der Schweizer Staatsbürger soll in der Nacht des 9. Februar seine 36 Jahre alte langjährige Gefährtin mit einem Küchenmesser, Klingenlänge acht Zentimeter, zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben. Die Tat soll in der Schwetzinger Wohnung der Frau geschehen sein. Das Motiv Kachelmanns sei gewesen, dass die Journalistin sich von ihm habe trennen wollen, deuten die Staatsanwälte an. Kachelmann soll seinem Opfer das Messer „gegen den Hals gedrückt“ und es dadurch verletzt haben. Er habe sogar während und nach der angeblichen Tat damit gedroht, die Frau zu töten.

Seit zwei Monaten sitzt der 51-Jährige deshalb in Mannheim in Untersuchungshaft. Davor war er für die ARD als Wetterexperte bei den Olympischen Spielen in Vancouver im Einsatz. Bei seiner Rückkehr aus Kanada war er am 20. März auf dem Frankfurter Flughafen verhaftet worden, auch wegen möglicher Fluchtgefahr, da er keinen festen Wohnsitz in Deutschland hat.

Rückblickend wird damit plausibel, weshalb Kachelmann trotz Verhandlungen seiner Anwälte nicht freigekommen war. Die Justiz blieb strikt. Kachelmanns Anklage fällt in den Bereich schwerer Kriminalität. Sexuelle Nötigung wird mit mindestens einem Jahr Haft bestraft, bei einer Vergewaltigung, nach juristischer Definition ein Eindringen in den Körper, steigt die Mindeststrafe auf zwei Jahre. Der Vorwurf gegen den TV-Moderator aber zielt auf eine sogenannte qualifizierte Vergewaltigung. Denn wer eine Waffe oder ein anderes „gefährliches Werkzeug“ bei der Tat mit sich führt, muss mit mindestens drei Jahren Haft rechnen. Wer die Waffe dann auch noch „verwendet“, dem drohen sogar fünf Jahre. Ob drei oder fünf Jahre: Die Grenze, bis zu der eine Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt werden könnte – sie liegt bei zwei Jahren –, wäre damit überschritten. Zumal die Strafe, je nach Tat, Motiv und Schaden noch weit höher ausfallen kann. Hinzu kommt der Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung, ebenfalls wegen des Einsatzes des Messers, der mit sechs Monaten bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden kann, wenn er sich vor Gericht bestätigt.

Wie es jetzt mit dem Verfahren weitergeht, hängt vom Landgericht Mannheim ab. Es wird die Anklage demnächst Kachelmanns Anwälten zustellen, die dann Gelegenheit zu Stellungnahmen bekommen. Gelingt es ihnen, den Verdacht zu entkräften, könnte das Gericht die Zulassung der Anklage verweigern. Wahrscheinlich ist ein solcher für Kachelmann günstiger Ausgang jedoch nicht. In seinem Fall geht es mehr um Tatsachenfragen, nicht um Rechtsfragen. Aussage steht gegen Aussage. Es wird ein Indizienprozess.

Die Staatsanwaltschaft glaubt, die Schuld Kachelmanns außer mit den Aussagen des Opfers mit den Ergebnissen kriminaltechnischer und rechtsmedizinischer Untersuchungen beweisen zu können. Das Gericht wird diese Unterlagen prüfen. Nur wenn es eine Verurteilung des Angeklagten für wahrscheinlich hält, darf es das Verfahren weiterführen. Zugleich prüft es, ob der Angeklagte aus der U-Haft entlassen werden kann. Angesichts der widersprüchlichen Aussagen und gewiss streitbarer Indizien wachsen die Chancen, dass die Richter die Angelegenheit in einer öffentlichen Hauptverhandlung aufklären wollen. Es wäre eher eine kleine Überraschung, wenn sie den Angeklagten dafür auf freien Fuß setzen würden. Schließlich ist er Schweizer und hat einen Wohnsitz in Kanada, zudem droht ihm jahrelang Gefängnis.

Ob die juristische Wahrheit, die eines Urteils, am Ende die volle Wahrheit sein kann, steht auf einem anderen Blatt. Vergewaltigung ist ein schwer nachweisbares Delikt. Verletzungen kann man sich selbst zufügen, sie können auch Folge einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs sein. Besonders bei Beziehungstaten kann es für Richter schwierig sein, sich ein Bild zu machen. Hinzu kommt eine strukturelle Schieflage. Der Angeklagte hat das Recht zu schweigen und darf – theoretisch – lügen, während das Opfer als Zeuge auftritt und wahrheitspflichtig ist. Unabhängig vom Geschlecht des Opfers kann es deshalb eine Tendenz geben, dem Opfer zu glauben. Kachelmanns Verteidiger werden viel dafür tun, die Glaubwürdigkeit der Zeugin zu erschüttern, sie haben bereits ein aussagepsychologisches Gutachten beantragt. Gesetzt den Fall, die Frau ist tatsächlich Opfer einer schweren Vergewaltigung, wird der Prozess eine erneute Härte für sie.

Ein Verlierer steht jetzt schon fest, es ist Jörg Kachelmann. Eine Hauptverhandlung könnte zu einem Tribunal über sein Privat- und Intimleben werden. Selbst bei einem Freispruch erster Klasse, wenn das Gericht beteuert, keine Zweifel an seiner Unschuld zu haben, wäre seine soziale Existenz ruiniert. Er könnte es ja doch gewesen sein. Es bleibt immer etwas haften.

0 Kommentare

Neuester Kommentar