Welt : Stadion der Tragik

Den Superdome von New Orleans kannte jeder amerikanische Sportfan – jetzt ist er ein Symbol für Not und Versagen

Andrei S. Markovits

Die Evakuierung des Superdomes in New Orleans ist abgeschlossen. Fast eine Woche, nachdem sich die ersten Menschen vor dem Hurrikan Katrina in das Stadion geflüchtet hatten, wurden am Samstag die letzten 300 mit Bussen davongefahren. Über 30000 hatten im Superdome ausgeharrt, der dem Wüten des Hurrikans standhielt, aber nach der Überschwemmung zu einem stickigen Gefängnis wurde. Der US- Sportsoziologe Andrei S. Markovits („Amerika, dich hasst sich’s besser“, Konkret-Verlag) beschreibt die Geschichte des Stadions und seine Bedeutung für Amerika:

Die Bilder aus New Orleans gehen mir nicht aus dem Sinn. Als Sportfan denke ich bei einem Footballspiel an einen Besuch im Superdome, der jetzt zu einem der markantesten Schandflecken dieser Katastrophe wurde. Mitte der Achtzigerjahre erlebte ich die Heimmannschaft – die New Orleans Saints – bei einem ihrer damals sehr raren Siege.

Der Superdome wurde in der modernistischen Dekade der 60er Jahre konzipiert und am Ende dieser so vom Beton geprägten Periode 1975 eröffnet. Er war eine der vielen für diese Zeit typischen Konstruktionen amerikanischer Sportbauten – wie der Astrodome in Houston, wo jetzt 20000 Flüchtlinge aus New Orleans Unterschlupf gefunden haben, der Metrodome in Minneapolis und der Silverdome in Pontiac, Michigan. Wie alle diese Domes fällt das Stadion vor allem durch seine Größe auf: Er ist 27 Stockwerke hoch, befindet sich auf 13 Hektar Land, hat drei riesige Ringe, die übereinander die 69403 Sitzplätze für ein Footballspiel beherbergen.

Im Superdome wurden regelmäßig Rockkonzerte, Rodeos und auch Messen abgehalten. Außerdem bot der Superdome Basketballspiele der Collegemannschaften Tulane University und Louisiana State University. Zu solchen Anlässen war die Zuschauerkapazität noch größer als bei Footballspielen, da zusätzliche Sitze auf das Feld gestellt werden konnten. Das berühmte „Final Four“- Turnier der landesweiten College-Basketball-Meisterschaft im März wurde viermal im Superdome ausgetragen, mehr als in jeder anderen Arena. Für die Sportfans im Land war es die Endphase der so genannten „March Madness“.

Im Football war der Superdome nicht nur Heimspielplatz der Profimannschaft New Orleans Saints, die jetzt heimatlos in die gerade beginnende NFL-Football- Saison einsteigt und wahrscheinlich die ganze Saison über von Stadt zu Stadt wandern wird. Das erste Heimspiel am 18. September muss nun in New York ausgetragen werden – im dortigen Meadowland-Stadion treten die Saints gegen die New York Giants an.

Die Zukunft des Superdomes ist offen. In der landesweiten Sportkultur genoss er bislang nicht den Nimbus eines für Fans heiligen Ortes wie etwa der berühmte Fenway Park in Boston – Baseball-Stadion der Red Sox –, das beliebte Wrigley Field in Chicago oder das Yankee Stadium – das Mekka des Baseballs in New York und Heimat der New York Yankees.

Dennoch war die Arena Gastort von neun Superbowls, das Endspiel der amerikanischen Meisterschaft der Football-Profis, eines der spektakulärsten Ereignisse der Sportwelt. Auch fand jeweils am Neujahrstag der „Sugarbowl“ hier statt, eines der großen vier Endspiele der College-Football-Saison. Sie haben eine Tradition von nahezu einhundert Jahren.

Den Superdome kennt jeder in Amerika. Nun, nach dieser Furcht erregenden Woche, verbindet sich für das Land mit dem Stadion nur noch Tragik.

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