Welt : Stadt im Schock

New Yorker Polizisten haben einen jungen, unbewaffneten Schwarzen erschossen

Matthias B. Krause[New York]

Als der unbewaffnete und unschuldige schwarze Immigrant Amadou Diallo 1999 von 41 Polizeikugeln durchsiebt in der Bronx starb, schworen alle, so etwas dürfe nie mehr geschehen. Nun ist wieder ein junger Schwarzer in New York tot, wieder feuerte die Polizei Dutzende von Schüssen ab, und wieder war das Opfer unbewaffnet. Doch anders als vor sieben Jahren steht die Stadt nicht vor einer Explosion rassistischer Spannungen – zumindest noch nicht. Das hat zum einen damit zu tun, dass zwei der fünf Polizisten, die 50 Kugeln auf ein Auto feuerten, selbst schwarz sind. Und zum anderen ist Bürgermeister Michael Bloomberg zu einem Schritt bereit, den sein Vorgänger Rudolph Giuliani nie getan hätte: Er stellt die Polizeiaktion öffentlich in Frage. Nach einem Treffen mit schwarzen Bürgerrechtlern und Kirchenführern sagte Bloomberg: „Es ist für mich unakzeptabel und unerklärlich, dass so viele Schüsse abgefeuert wurden.“ Er versprach eine sorgfältige und lückenlose Aufklärung des Falles. Gleichzeitig stellte er sich hinter seinen Polizeichef Raymond Kelly. „Er wird im Amt bleiben, solange ich im Amt bin“, sagte der Bürgermeister, „er ist der beste Polizeichef, den die Stadt je hatte.“ Am nächsten Tag musste er sich Kritik von allen Seiten gefallen lassen. Der populistische Prediger Al Sharpton, der bei jeder Gelegenheit ins Rampenlicht drängt, forderte, die Stadt müsse moralische Betroffenheit zeigen, wenn 50 Schüsse auf drei unbewaffnete Männer abgefeuert würden: „Bloomberg hat bessere Manieren als sein Vorgänger. Aber lasst uns abwarten, ob er auch eine bessere Politik macht.“

Die Polizeigewerkschaft beklagte, der Bürgermeister ziehe voreilige Schlüsse. „In dieser speziellen Situation war die Anzahl der Schüsse nicht exzessiv“, sagte ihr Präsident Michael Palladion, „die Beamten sahen sich mit tödlicher Gewalt konfrontiert. Wenn der Fahrer des Autos auf die Aufforderungen der Polizei gehört hätte, wäre er heute verheiratet.“ Das Opfer, Sean Bell, 23, hatte mit seinen Freunden seinen Abschied vom Junggesellendasein in einem Strip-Klub in Queens gefeiert. Als er mit zwei seiner Freunde den als Drogen und Prostitutionssumpf bekannten Ort verließ und ins Auto stieg, wollte ein Zivilfahnder ihn anhalten. Statt dem nachzukommen, gab er Gas, versuchte, den Beamten anzufahren und rammte ein ziviles Polizeiauto zweifach. Da eröffneten die Polizisten das Feuer. Wie es bislang aussieht, verstießen sie gleich gegen eine ganze Reihe von Regeln. So schreiben Dienstvorschriften vor, dass Beamte nicht auf fahrende Wagen schießen. Außerdem lernen sie in der Ausbildung, drei Schüsse abzufeuern und dann innezuhalten, um die Situation einzuschätzen. In diesem Fall feuerte ein Beamter sein gesamtes Magazin leer, lud nach und leerte es wieder. Alles in knapp einer Minute. Am Ende, so schlussfolgert die „New York Times“, seien in dieser Nacht wahrscheinlich zwei Gruppen stark verängstigter junger Männer aufeinandergetroffen. Die Polizisten glaubten, dass die drei im Auto eine Waffe besaßen. Die Schwarzen wiederum, von denen zwei jetzt schwer verletzt sind, waren sich nicht sicher, ob es sich bei ihren Verfolgern in Zivil tatsächlich um Polizisten handelte.

Die Kriminalitätsraten in New York sind seit mehr als zehn Jahren stetig zurückgegangen. Die Stadt gehört zu den sichersten Metropolen in Amerika, doch das heißt nicht, dass sie ungefährlich ist. Polizeiexperten warnen, dass die Zahl der Gewaltverbrechen landesweit wieder ansteigt. In Atlanta, Georgia, erschoss die Polizei vergangene Woche eine 88 Jahre alte Frau. Die Großmutter hatte zuerst das Feuer eröffnet. Statt des erwarteten Kokains fand die Polizei bei der Großmutter nur eine kleine Menge Marihuana.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben