Stadt in der Steppe : Das steinerne Herz der Mongolei

Ulan Bator ist nicht die schönste Stadt, doch unser Autor lebt seit Jahren dort. Sein Glück war ein buddhistischer Lama – er enthüllte ihm Welten, die Fremden normalerweise verborgen bleiben.

Ernst von Waldenfels
Mitten in Ulan Bator.
Mitten in Ulan Bator.Foto: Emmanuel Berthier/laif

Im August 2004 kam ich zum ersten Mal nach Ulan Bator. Von Russland aus nahm ich jenen wöchentlichen Zug der transsibirischen Eisenbahn, der in der mongolischen Hauptstadt endet. Meinen Waggon teilte ich mit einem bunten Querschnitt der mongolischen Gesellschaft. Niemand störte sich an den Kindern, die durch die Gänge wuselten, man behandelte sie mit einer Toleranz, die in Deutschland oder sogar Russland undenkbar wäre. Abends wurde bei einer Flasche Wodka im Chor und gar nicht schlecht gesungen. Nur an Schlaf war nicht zu denken, denn die Händler in meinem Abteil hatten jeden freien Platz mit billigen Kleidern aus China belegt, die sie bei den kurzen Aufenthalten lautstark verhökerten.

Dann aber, beim letzten russischen Halt vor der mongolischen Grenze, schob sich eine gravitätische Gestalt ins Abteil und stellte schlagartig Ruhe her. Es war ein großer, beleibter Lama in einer roten Robe, der sich auf Russisch als Enche vorstellte. Der Mönch war hochgebildet, außer Russisch sprach er Tibetisch und Chinesisch, was er sich selbst beigebracht hatte, um Pilger in die tibetische Hauptstadt Lhasa zu führen. Solche Reisen und das Wahrsagen sicherten ihm den Lebensunterhalt, da er keinem Kloster angehörte und kein Gehalt bezog. Er kehrte gerade von einer Pilgerreise zurück und lud mich herzlich ein, ihn in Ulan Bator zu besuchen.

Die mongolische Hauptstadt empfing uns mit einem jener sibirischen Tiefs, die sintflutartige Regenfälle und eisige Temperaturen mit sich bringen. Durch die vor Wasser halbblinden Scheiben sah man – wie überall in der Welt des untergegangenen Sozialismus – Industrieschrott, verrottete Gleise, die ins Nirgendwo führten, verlassene Fabrikgebäude. Ich hatte also einen denkbar schlechten ersten Eindruck von Ulan Bator, der mich zweifeln ließ, ob meine Entscheidung, mit meiner mongolischen Frau hierher überzusiedeln, richtig gewesen war. Die Stadt kam mir vor wie die Kulisse eines Films über die letzten Tage der Menschheit.

Das sollte sich erst ändern, nachdem ich einen Monat bei Verwandten in der Provinz verbracht hatte, in einer Jurte. Erst hier bekam ich einen Eindruck von diesem riesigen Steppenland, das viermal größer ist als Deutschland, aber weniger Einwohner hat als Berlin. Ein Land, in dem es im Sommer 40 Grad heiß und im Winter minus 50 Grad kalt wird, wo die Männer im Sommer von Jurte zu Jurte ziehen, um sich an gegorener Stutenmilch zu berauschen, dafür im Winter aber den ganzen Tag auf der Weide sind, um ihre Tiere vor Wölfen zu schützen. Wo Außenstehende leicht vermuten könnten, jede Familie ziehe nach Gusto hin und her, in Wahrheit aber ein ausgeklügeltes System mit je nach Jahreszeit und Tierbedarf wechselnden Weiden herrscht, das es den Kindern erlaubt, die Schule in zentral gelegenen Internaten zu besuchen. Wo ich eine Ärztin mit ihrem Kind auf dem Arm traf, die wie ihre Patienten in einer Jurte lebte und nicht weniger oft den Standort wechselte. Wo, kurz, alles anders ist als in irgendeinem Land, das ich bis dahin kannte.

Wer das Leben in der Steppe nie kennengelernt hat, kann Ulan Bator, diese erste und einzige Großstadt auf mongolischem Boden, nicht begreifen. Die Rüpelhaftigkeit der Neuankömmlinge, die zum ersten Mal in ihrem Leben dicht mit anderen Menschen zusammenleben müssen. Die aus der Steppe stammende Direktheit der Stadtbewohner, die von Ausländern oft als Unhöflichkeit missverstanden wird. Auch das scheinbare Chaos, dem in Wahrheit, wie auf dem Land, eine effektive Ordnung zu Grunde liegt.

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