Welt : Stadt, Land, Flut

Fortschritt oder Verbrechen? Die Türkei will mit deutscher Hilfe einen riesigen Staudamm bauen

Susanne Güsten[Istanbul]

Noch blöken die Schafe auf den Wiesen um das Dorf Suceken am Tigris im Südosten der Türkei. Aber schon bald soll das ganze Dorf – wie die Felder, Weiden und Straßen in der Umgebung auch – im Wasser versinken. Mehr als zehn Milliarden Kubikmeter Wasser des Tigris sollen aufgestaut werden, um Energie zu gewinnen. Tausende neue Arbeitsplätze und einen Wirtschaftsaufschwung in der bitterarmen Gegend verspricht der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der am Wochenende den Grundstein für den so genannten Ilisu-Staudamm legte. Doch viele Betroffene vor Ort befürchten soziale Entwurzelung und die Zerstörung wichtiger Kulturgüter.

Tausende Sicherheitskräfte wachten über die Grundsteinlegung im Dorf Ilisu, das knapp 50 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt am Tigris liegt – dort, wo noch immer zwischen der türkischen Armee und der kurdischen Rebellengruppe PKK gekämpft wird.

Erdogan verwies in seiner Ansprache auf das rasche Wachstum der türkischen Wirtschaft und den steigenden Energiebedarf des Landes. Die Türkei würde einen historischen Fehler machen, wenn sie sich nicht neue Energiequellen wie den Ilisu-Damm erschließe.

Der 1,2 Milliarden Euro teure, 1820 Meter lange und 135 Meter hohe Damm soll im Jahr 2013 fertiggestellt sein und dann 3,8 Milliarden Kilowattstunden Strom im Jahr produzieren. Er wird Teil eines Netzwerkes von fast zwei Dutzend Staudämmen an Euphrat und Tigris, das von der Regierung als „Südostanatolien-Projekt“ vorangetrieben wird, mit dessen Hilfe die Regierung Strom erzeugen und Felder bewässern will, um so dem verarmten Südostanatolien auf die Beine zu helfen.

Während Erdogan in Ilisu seine Rede hielt, versammelten sich in der historischen Stadt Hasankeyf hundert Kilometer flußaufwärts die Demonstranten: Tausende Menschen aus ganz Südostanatolien protestierten dort mit einer nächtlichen Mahnwache und mit einem Solidaritätskonzert gegen den Staudamm. Dutzende Dörfer im Tigris-Tal sollen geflutet werden, wenn der Ilisu-Damm fertig ist. Zehntausend Menschen werden umgesiedelt werden müssen, 40 000 verlieren ihr Acker- und Weideland an den Stausee. Auch die archäologisch bedeutende mittelalterliche Unterstadt von Hasankeyf wird im Stausee untergehen.

Ercan Ayboga vom regionalen Bündnis gegen den Staudamm appellierte nicht nur an die türkische Regierung, sondern auch an Europa: Weil der Ilisu-Staudamm von Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gebaut werden soll, hängt nach der Grundsteinlegung jetzt alles davon ab, ob diese Staaten auch die beantragten Kreditbürgschaften gewähren. „Deutschland, Österreich und die Schweiz sind Staaten, in denen hohe Umwelt- und Menschenrechtsstandards gelten“, sagte Ayboga. „Unternehmen aus diesen drei Ländern sollten sich auch bei Projekten im Ausland an diese Standards halten.“

Noch in diesem Monat werden Experten der europäischen Kreditanstalten in Ilisu erwartet, um offene Fragen zu den Umsiedlungsplänen und anderen umstrittenen Punkten zu klären. Mit ihrer Entscheidung wird im Herbst gerechnet.

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