Welt : Stadttauben: "Kontaktfreudige und intelligente Kreaturen"

Chris Fontaine

Bernard Rayner ist empört. Seit Generationen verkauft seine Familie Vogelfutter am berühmten Trafalgar Square im Herzen von London. Nun soll sein kleiner Kiosk geschlossen werden. Denn der seit Juli amtierende Bürgermeister Ken Livingstone möchte ein Wahrzeichen des Platzes verbannen: Die Heerscharen von Tauben - Schätzungen zufolge bis zu 35 000 am Tag - seien eine Gefährdung für die Gesundheit, so Livingstones Argument. Und mit den Vögeln sollen nach dem Willen des Bürgermeisters zwei ihrer bevorzugten Sitzplätze weichen, nämlich die Standbilder der Generäle Sir Charles James Napier und Henry Havelock.

"Das ist doch typisch für London. Die Leute kommen, um das hier zu sehen", sagt Rayner, und zeigt auf eine Gruppe von Touristen, denen die Tauben aus der Hand picken. Der Händler, dessen 16-jähriger Sohn schon als Nachfolger auserkoren ist, verkauft für 30 Pence Plastikbecher mit Vogelfutter. Für viele Touristen gehört das Taubenfüttern am Trafalgar Square genauso zu einem London-Aufenthalt wie der Besuch des Buckingham-Palastes. Rayner sollte seinen Kiosk eigentlich am 1. Oktober räumen, legte aber gegen die Anordnung Widerspruch ein. "Ich bin mein ganzes Leben lang hier gewesen", erzählt er. Die Existenzberechtigung der Tauben steht für ihn außer Frage. Schließlich seien die Vögel schon länger auf dem Platz als die Menschen.

Der neue Bürgermeister der britischen Hauptstadt sieht das anders. Tauben seien als Überträger vieler Krankheiten bekannt, erklärt Livingstone. Abgesehen davon belasten die gefiederten Besucher des Trafalgar Square den Stadtsäckel: Jährlich müssen umgerechnet etwa 350 000 Mark aufgewendet werden, um den Platz vom Taubendreck zu reinigen.

Vogelliebhaber haben für Livingstones Pläne wenig Verständnis. Insbesondere die älteren Menschen, die regelmäßig zum Trafalgar Square, einem der lebhaftesten Orte in London, kommen, können sich den Platz ohne Tauben gar nicht vorstellen. Zu den schärfsten Kritikern des Bürgermeisters gehören Tierschutzgruppen. Animal Aid bezeichnet den Kampf gegen die Tauben als "albern, zynisch und grausam" und warnt, Jungvögel und alte, schwache Tiere seien dem Hungertod geweiht, falls sie nicht mehr gefüttert würden. Tierrechtsaktivistin Carla Lane sieht im Taubenfüttern sogar einen pädagogischen Nutzen. Viele Kinder würden dabei zum ersten Mal in direkten Kontakt mit Tieren kommen. "Wenn eine Taube auf der Schulter eines Kindes landet, dann bleibt ihm das positiv im Gedächtnis".

Auch Politiker haben sich in die emotionale Diskussion über die Tauben des Trafalgar Square eingeschaltet. Unlängst forderte der Labour-Abgeordnete Tony Banks Livingstone auf, die zahmen Vögel zu verschonen. Die Tauben seien "kontaktfreudige und intelligente Kreaturen", die sich daran gewöhnt hätten, ihr Futter vom Menschen zu bekommen, hieß es in einer Eingabe von Bank an das britische Unterhaus.

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