Stalker-Prozess : Mord mit Ansage

Lena B. war erst 19 Jahre alt, als sie vor einem Jahr vor dem Kindergarten im mittelfränkischen Neunkirchen am Sand erstochen wurde. Es ist wieder einer dieser Fälle, die als "Stalker-Morde" Schlagzeilen machen.

Nürnberg - Der mutmaßliche Täter war schnell gefasst: Auf der Flucht wurde Ralf H., der 21-jährige Ex-Freund der jungen Mutter, geschnappt. Er hatte Lena B. nach der Trennung monatelang bedroht. Ab Dienstag muss er sich vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth verantworten.

Viel spricht dafür, dass dieser Prozess anders als üblich ablaufen wird. Der Vater des Opfers, Peter B., hat angekündigt, angebliche Versäumnisse der Behörden zu thematisieren und sich für eine möglichst harte Bestrafung des Angeklagten einzusetzen. Es wird ein harter Kampf für Peter B.: Denn weil der Auszubildende Ralf H. noch als Heranwachsender gilt, könnte er nach Jugendstrafrecht mit zehn Jahren Haft davon kommen. Und die in die Kritik geratene Polizei wehrt sich heftig gegen den Vorwurf, nichts zur Rettung von Lena B. unternommen zu haben.

Die Liebe zwischen Lena B. und Ralf H. begann im Internet. Als sie im Frühjahr 2005 in ihrer damaligen Beziehung in einer Krise steckte, machte ihr der neue Verehrer online Komplimente: "Ich bin beeindruckt, was für eine starke Frau du bist", schrieb er ihr. Rasch zogen beide zusammen. Doch aus Liebe wurde Beziehungsstress. Laut Lenas Vater Peter B. befürchtete Ralf H., dass der Ex-Mann seiner Freundin das Kind zurückholen könnte. Als Ralf H. immer fordernder geworden sei, habe seine Tochter ihn aus der Wohnung geworfen, erinnert sich Peter B. Das war im Juli 2005. Der Terror begann.

Vater des Opfers kritisiert Behörden

Minutiös hat der Vater in einer Tabelle die nun folgenden Übergriffe dokumentiert. Es habe mit einer Messer-Attacke auf den Ex-Mann seiner Tochter begonnen. Dann seien wilde Wut-Ausbrüche gegenüber Arbeitskollegen gefolgt. Schließlich habe Ralf H. um Vermittlung eines Treffens mit Lena gebeten. In Anwesenheit des Vaters habe er sie dabei gewürgt. Erst dieser Vorfall war für das Amtsgericht Hersbruck im Oktober 2005 Anlass, ein Kontaktverbot nach dem Gewaltschutzgesetz gegen Ralf H. zu verhängen. Schon zuvor habe sich seine Tochter verängstigt an den Richter gewandt, sagt ihr Vater. Doch der habe nur gesagt: "Es ist nicht Aufgabe des Gerichtes, unbequeme Äußerungen zu beurteilen."

Inzwischen bestätigen Polizei und Justiz, dass auf die Trennung verbale Drohungen und tätliche Angriffe erfolgt seien. Justizsprecher Andreas Quentin verteidigt aber das Vorgehen im Fall Ralf H.: "Für eine Inhaftierung hätte er gravierendere Körperverletzungen begehen müssen." An das Kontaktverbot im Oktober vergangenen Jahres hielt sich der erboste Ex-Freund. Doch in Internet-Chats ließ er seiner Wut freien Lauf, soll hier sogar erstmals von Lenas "Todestag" gesprochen haben. Quentin bestätigt: "Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Anklage auf eine Reihe von Äußerungen in diversen Internet-Foren, in denen er seine Tötungsabsicht offenbart und die Tat angekündigt haben soll."

Noch am Tag vor der Tat hatte Ralf H. wegen der Übergriffe einen Termin bei der Polizei. Laut Peter B. kam er nicht: "Und die Beamten haben nicht mal nachgefragt." Der Vater des Opfers hat nun Strafanzeigen gegen einen Richter und einen Kripo-Beamten gestellt. Vorwurf: Fahrlässige Tötung. Zudem reichte er drei Dienstaufsichtsbeschwerden gegen Polizisten ein, die die Vorfälle bagatellisiert hätten. Peter B. hofft, dass durch den Prozess ein Umdenken beim Opferschutz einsetzt. Das Gericht hat vorerst acht Verhandlungstage bis zum 23. November festgesetzt und 29 Zeugen sowie zwei Sachverständige geladen. (Von Jörg Völkerling, ddp)

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