Stalking : Wenn der Ex zehn Mal klingelt

Bei einer Trennung wächst das Risiko für Stalking – oft sind Männer die Täter, Frauen gehen verdeckt vor. Und inzwischen weiß man: Stalking bei Promis ist allenfalls die Ausnahme.

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Diese Nachstellung ist gestellt – aber in der Realität ist meistens der Ex der Täter.
Diese Nachstellung ist gestellt – aber in der Realität ist meistens der Ex der Täter.Foto: IMAGO

Berlin - „Wenn du einen neuen Freund hast, dann bring ich dich um.“ Fallen solche Sätze bei Paaren in Trennung, ist besondere Aufmerksamkeit geboten. Mag sein, dass die Drohung bloß in der Hitze eines Beziehungsstreites ausgestoßen wurde. Aber sie kann auch Vorbote einer Gewalttat werden. Besonders dann, wenn der verlassene Partner beginnt, dem anderen nachzustellen, ihm aufzulauern, ihn zu belästigen. Stalking wird dieser Straftatbestand genannt, was auf das englische to stalk (jagen, hetzen) zurückgeht. Erst im Jahr 2007 wurde solches Verhalten in Deutschland unter Strafe gestellt. Medien hatten zuvor über Prominente berichtet, die von Fans verfolgt wurden.

Doch inzwischen weiß man: Stalking bei Promis ist allenfalls die Ausnahme. Vielmehr kommen die meisten dieser Straftaten in zerbrochenen Beziehungen vor. Zumeist ist es der verlassene Mann, der seiner Ex-Partnerin das Leben zur Hölle macht. So sind in Berlin 78 Prozent der Opfer weiblich. „Dreißig Anrufe nachts, Verfolgung mit dem Auto, das Auflauern der Kinder oder Gewalt gegen einen neuen Partner sind Beispiele dafür, was Frauen erleben“, sagt der Psychologe Frank Winter, der Stalking-Opfer betreut. Immerhin 2163 Fälle von „Nachstellung“, wie der Paragraf 238 im Strafgesetzbuch heißt, hat die Polizei 2009 in Berlin erfasst. Die Zahl liegt damit auf dem gleichen Niveau wie im Jahr davor. In Brandenburg ermittelte die Polizei in 1234 Stalking-Fällen, das waren rund 30 weniger als 2008. Die Aufklärungsquote lag bei fast 90 Prozent.

Ein Kavaliersdelikt ist das Nachstellen nicht. „Wer durch Psychoterror das Leben anderer schwerwiegend beeinträchtigt, riskiert bis zu drei Jahren Haft“, warnt der Thüringer Innenminister Peter M. Huber (CDU). Bei schweren Folgen des Stalkings, etwa dem Tod des Opfers, drohten dem Täter bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Mit einer mehrmonatigen Haftstrafe auf Bewährung endete etwa ein Fall im thüringischen Landkreis Schmalkalden-Meiningen. Wera Leißner-Koch von der Opferorganisation Weißer Ring berichtet, dass eine verheiratete Frau über Jahre von ihrem Nachbarn belästigt wurde. Offensichtlich ging es nicht um unerfüllte Liebe, sondern um böswilliges Nachstellen. Der Mann schrie Schimpfworte, schrieb Zettel, rief immer wieder an. Doch in der Regel sind gescheiterte Partnerschaften der Ausgangspunkt für Nachstellungen. Dann wächst auch die Gefahr von körperlichen Übergriffen.

„Je besser sich Opfer und Täter kennen, desto höher ist das Risiko für Gewalt“, beobachtete Jens Hoffmann, der im hessischen Darmstadt Stalking wissenschaftlich untersucht. Ihm zufolge ist das Risiko, Opfer eines Tötungsdeliktes zu werden, 25 Mal größer als im Durchschnitt, wenn der Ex-Partner zum Stalker wird. Sollte ein Opfer das Gefühl haben, es werde gefährlich, sofort die Polizei einschalten, rät Psychologe Winter, der in Bremen für ein bundesweit einmaliges Kriseninterventions-Team arbeitet. Nach seiner Erfahrung kommt Stalking in der Hansestadt oft bei Armen, Leuten mit Persönlichkeitsstörung oder Migranten vor. In Berlin beispielsweise lag der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger, wie es auf Polizeideutsch heißt, bei mehr als 25 Prozent. Winters Team kümmert sich auch um den Täter. Denn nach einer Trennung sei dieser in einer Krise, die er mit der Nachstellung zu bewältigen suche.

Das gilt genauso für Frauen, die etwa ein Viertel aller Stalking-Fälle begehen. „Frauen gehen indirekt vor“, beobachtete der Bremer Psychologe. Sie schwärzten Ex-Partner beim Finanzamt oder beim Arbeitgeber an oder behaupteten, sie seien vergewaltigt worden oder er habe die Kinder missbraucht. Es gebe auch berufliches Stalking. Mandantinnen stellten ihren Anwälten nach, Patientinnen ihren Ärzten, Schülerinnen ihrem Schulleiter. „Anzeige erstatten die Männer nie, weil sie sich schämen“, sagt Winter. „Aber der Leidensdruck ist extrem hoch.“

Experten beobachten, dass oftmals schon ein Eingreifen der Polizei abschreckt. „Das private Verhältnis zwischen Täter und Opfer wird unterbrochen, wenn die Staatsmacht dem Stalker klarmacht, dass es nicht seine Privatsache ist“, sagt Wissenschaftler Hoffmann. Er rät Menschen, die nach einer Trennung vom Ex-Partner verfolgt werden, konsequent alle Kontakte zu diesem abzubrechen und im Notfall umzuziehen.

Der Weiße Ring ist unzufrieden, wie die Gerichte Stalking behandeln. Oft gelte es nicht als schwerwiegende Beeinträchtigung, klagt der Bundesvorsitzende Reinhard Böttcher, wenn Opfer nach Telefonterror ihre Handynummer wechseln müssen oder wenn sie nicht mehr joggen können, weil ihnen aufgelauert wird. Die Opferorganisation warnt zudem, dass viele Verfahren ohne Anklage eingestellt werden. Die Täter könnten das als Freibrief betrachten. Und anschließend beginne der Psychoterror von Neuem.

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