Welt : Stanislaw Lem: Einer vom anderen Stern

Ina Weisse

Am verbeulten Blechbriefkasten des Hauses Nummer 66 in der Ulica Narwik steht in Großbuchstaben "STANISLAW LEM". Von dem handgemalten Schildchen scheint eine deutliche, aber unausgesprochene Warnung auszugehen: Achtung! Achtung! Sie verlassen jetzt den Sektor Erde und treten ein in eine andere Galaxie.

Das Haus des Dichters steht an der südöstlichen Peripherie Krakaus. Die Ulica Narwik ist eine holprige Nebenstraße. Kaum erwähnenswert die spitzgiebeligen Siedlungshäuser zwischen den verstreuten Obstbäumen. Etwas anders Lems Eigenheim, das durch seine Architektur absticht. Das helle Nadelholz an der Fassade und der weit vorspringende Balkon geben dem Haus etwas Alpenländisch-bayrisches; der Stil ist auffällig bemüht, solide Gemütlichkeit zu verströmen. Bewegt sich da eine Gardine am Fenster? Das Fantastische ist die Kehrseite des Banalen. Wer wüsste das besser als der Meister, der jetzt in seinem von hohen Bäumen verschatteten Vorgarten erscheint und das Gatter öffnet.

Zur Begrüßung reicht Lem ein charmantes Lächeln, gleich wieder zurückgenommen durch seinen abgründig forschenden Blick. Dunkle, hellwache Augen hinter der randlosen Brille. Eine letzte weiße Haarsträhne steht als wehender Federbusch extravagant vom sonst kahl rasierten Schädel ab. Narren präsentieren sich so oder taoistische Weise. In weite Fernen entrückt wirkt er dennoch vertraut. Der weltberühmte Pole sieht aus wie auf jahrzehntealten Fotos: Zeitlos, was er sonst von extraterrestrischen Wesen behauptet. In seltsamer Doppelung, gleichsam als ein unvergängliches Bild seiner selbst steht der 79-Jährige da. Wo ist der wirkliche Stanislaw Lem? Der echte Fan meint, ihn zu kennen, den genialen Spiritus Rector der kosmischen Helden: Pilot Pirx, Hal Bregg und Kelvin. Den rastlosen Erbauer neuer Großwelten wie "Solaris" und "Eden", den furchtlosen Erforscher der Abgründe irdischer Zivilisation, den humorvollen Schöpfer eines Schelmen wie Ijon Tichy und des Superhirns Golem. Klassiker aus den 50er bis 80er Jahren.

Lem spricht ausgezeichnet deutsch mit weichem, slawischen Tonfall. Energisch erfolgt seine Anweisung: "Bitte, halten Sie die Einfahrt für meinen Sohn frei." Dann führt er hurtigen Schrittes durch mehrere dunkle holzgetäfelte Gänge in seine Bibliothek im Obergeschoss. Auf einer Dachterrasse blinkt im Vorbeieilen eine riesige Satellitenschüssel. Steht Lem doch mit anderen Sonnensystemen in Kontakt und bezieht von dort seine Informationen? Im Hintergrund lautes Hundekläffen. "Die Meute ist weggesperrt", sagt er ironisch und meint seine beiden rundlichen Cockerspaniel.

Das also ist der Ort, an dem die Zukunft schon längst Vergangenheit ist. Gedämpftes Licht herrscht im Raum, der eigentlich mehr eine Höhle ist. Die Wände sind mit Tausenden von Büchern und Zeitschriften tapeziert. Eine Wendeltreppe führt zur umlaufenden Galerie. In der Ecke ein offener Kamin. Das breite Fenster zeigt hinaus auf üppig blühende Beete.

Warum Lem nicht mehr schreibt

Gentechnik, Internet, Virtuelle Realität, und Informationstechnologie: All diese glänzenden Errungenschaften einer neuen Zeit können als Synonym für Stanislaw Lems an Prophetie grenzende Fantasien gelten. Und dennoch ist kein größerer Kontrast zu dieser stillen Studierstube denkbar. Gleichermaßen beschlagen in Mathematik, Literatur, Philosophie, Kernphysik und Mikrobiologie, hat der Universalgelehrte die damals noch unvorstellbaren Folgen der zweiten technischen Revolution schon in den 60er Jahren vorhergesagt. Aber das wichtigste Arbeitsgerät seiner Zukunftswerkstatt ist und bleibt: die alte Triumph Adler-Schreibmaschine ohne Deckel.

Schon seit Jahren veröffentlichte der Starautor, geschätzte Weltauflage über 10 Millionen, zum größten Bedauern seiner Gemeinde keine einzige belletristische Zeile mehr. Immer schon ein Grenzgänger zwischen Poesie und Empirie hat er sich jetzt ganz der Wissenschaft verschrieben: "Meine Laufbahn als Science-Fiction-Autor ist vorbei. Es macht mir einfach keinen Spaß mehr." Zudem beurteilte Lem den künstlerischen Wert fantastischer Literatur, seiner ureigenen Domäne, immer höchst skeptisch. Heute sind es Ideen, die ihn interessieren und die er zu knappen Essays eindampft.

"Ach", seufzt er mit einem Blick zum Minirecorder auf dem mit Zetteln übersäten Schreibtisch: "Die Zeit, als diese Geräte so eine Art Kiste waren, sie ist vorbei." Und seine Stimme drückt kindliches Erstaunen über den technischen Fortschritt aus. In wacher Erinnerung an die sozialistische Mangelwirtschaft hält er in der Schublade immer Ersatzbatterien und diverse Tonbänder bereit. Mit Journalisten habe er schon mehr als genug Pleiten erlebt, wenn manch groß angelegtes Gespräch über technologische Utopien an den realen Tücken der Technik zu scheitern drohte.

Hat die Wirklichkeit die Science-Fiction bereits überholt? "Gewissermaßen ja", behauptet der Futurologe lakonisch. Er sitzt fast auf der Sesselkante und wirkt dabei ziemlich unbehaglich. "Es ist schon so, dass sich die fantastischsten Gedankengänge, die ich in Büchern verbreite, verwirklichen! Falls jemand damit unzufrieden ist, dann kann man das um Gottes Willen nicht mir ankreiden." Es klingt beinahe wie eine Rechtfertigung, wenn er dazu weit in die Vergangenheit ausholt: "Als ich damals vor 30, 40 Jahren meine Visionen entworfen habe, glaubte ich, dass ich das alles nicht mehr erleben würde. Ich dachte, über eine sehr entfernte Zukunft zu schreiben."

Er lässt offen, was er dabei empfindet, dass seine scheinbar im fernsten Futur liegenden Prophezeiungen so schnell eingetroffen sind, zum Beispiel seine "Phantomatik", vergleichbar mit dem heutigen Internet. Stolz oder doch eher Besorgnis: "Etwas ist jedenfalls klar, jetzt habe ich auch die Probleme, die mit jedem technischen Fortschritt unweigerlich verbunden sind."

Lem deutet auf ein dunkelbraunes Holzregal - das Archiv aller jemals von ihm erschienene Titel und ihren Übersetzungen in 16 Sprachen. Darunter auch die deutsche Taschenbuchausgabe der "Summa Technologiae", sein 1964 zuerst erschienenes Opus Magnum. Lichtjahre vor seiner Zeit handelt Lem darin nicht weniger als die Zukunft der menschlichen Zivilisation ab. Mit bewundernswerter Treffsicherheit sagte er die Folgen der modernen Informationstechnologie voraus. Damals noch als abstrakte Matrix, aber schon beginnt seine Vision vom "Übergang der Biosphäre in die Technosphäre" mit Gentechnik und Biotechnologie konkrete Gestalt anzunehmen. Seine ursprüngliche These lautete: Auf die materielle Ausnutzung der Natur werde die systematische Ausbeutung der in ihr enthaltenen Informationen folgen. Obwohl fast zwei Generationen her, kränkt es ihn noch immer, dass diese Denkleistung seinerzeit ohne jede öffentliche Reaktion blieb.

Heute findet sich der Visionär plötzlich im Zentrum der alleraktuellsten Wissenschaft und Technologie wieder, was sich im Andrang von Besuchern und Interviewanfragen ausdrückt. Eine späte Genugtuung. "Früher stellte ich mir mein Alter immer als echten Ruhestand vor", jammert der Umworbene geschmeichelt.

Auf dem Prüfstand der Gegenwart sieht Lem die einst optimistisch ausgesponnen Maschinenträume des 20. Jahrhunderts in einem völlig anderen Licht. Fragte sich der Forscher vor Jahrzehnten noch voller Zuversicht: Was können wir nicht alles aus der Welt machen? 30 Jahre später gibt er die pessimistische Antwort: "Die ganze Masse der aussterbenden Arten durch die vom Menschen überlastete Biosphäre verursacht eine Armut, vor der uns keine informatorische Täuschung retten kann." Das rasende Tempo, mit dem sich dieser Untergang vollzieht, mag mit dazu beigetragen haben, dass sich die schöne Literatur als prognostisches Modell für ihn von selbst erledigt hat.

So wurde ein Positivist zum Skeptiker. Als solcher zeigt er sich von der angeblich so sensationellen Entzifferung des menschlichen Genoms nur mäßig beeindruckt. Was er dabei empfinde, wo er diese Entwicklung doch längst vorausgesagt habe? "Nun ja, vieles, was uns die Presse weismachen will, ist stark übertrieben. Wir stehen mit unseren Erkenntnissen eigentlich noch ganz am Anfang. Ich frage Sie: Wenn jemand alle Noten einer Sinfonie von Beethoven erkennen kann, ist er dann auch schon in der Lage, selbst Sinfonien zu komponieren?" Kaum denkbar ein treffenderes Bild dafür zu finden, dass die wahre Bedeutung des Gencodes für die Wissenschaft immer noch im Dunkeln liegt. Für einen Querdenker wie Lem handelt es sich dabei um den Unterschied von Qualität und Quantität. Getragen von tiefstem Respekt vor der Natur, hält er die Kluft zwischen der eigentlichen "Rechenleistung des Lebens" und noch so effektiv arbeitenden Großcomputern auf absehbare Zeit für unüberwindbar.

Wie kommt man dazu, sich eine Kopfwelt so gigantischen Ausmaßes zu bauen? "Ich habe einfach drauflosgeschrieben." 47 Bücher in nicht einmal 40 Jahren. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die geradezu monomanisch anmutende Überfülle seines Werkes einen ungewollten Kommentar zu jenem von ihm selbst so häufig ironisch gebrochenen menschlichen Zwang zur Allwissenheit abgibt. Eine sprühende Fantasie voll Erfindungsspaß, ganz dem Spieltrieb hingegeben, schaffte sich Raum in Texten, die Lem seine "Modellversuche" nennt.

Wie der Kommunismus beflügelte

Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges klingt es irgendwie seltsam, wenn er jetzt rückblickend behauptet: "Als Pole unter sowjetischem Protektorat, abgeschnitten vom gesamten westlichen Informationsfluss, war diese völlige Isolation eigentlich mein Glück." In der durch die Umstände erzwungenen Autonomie konnte der Anfänger völlig unbeeinflusst seine Spekulationen über das Mögliche entfalten. Poetische Versuche, die reale Beengung durch das kommunistische Regime in der Schwerelosigkeit kosmischer Weiten zu überwinden.

Ursprünglich hatte der Dichter wie schon sein Vater Medizin studiert. Stanislaw konnte aber kein Blut sehen. Während der Besatzung Polens durch die Nationalsozialisten arbeitete er als Automechaniker und Schweißer. Von den Zeitläuften aus der bürgerlichen Bildungsbahn geworfen und fast schon eine gescheiterte Existenz, kam er als Autodidakt zum Schreiben. Legendär die Geschichte, wie er - bei der Krakauer Universitätspoststelle mit dem Vertrieb westlichen Kulturgutes beschäftigt - auf ein Buch stieß, das zur Initialzündung seines Denkens werden sollte. Norbert Wieners "Kybernetik". "Ich las es mit dem Wörterbuch in der Hand. Zurückgeworfen auf mein eigenes Gedankengut, begann ich mich zu fragen, welches eigentlich die beste aller Technologien sei. Und das konnte nur die Natur und ihre Prozesse sein." Er zuckt mit den Achseln. "Heute ist das ein banaler Spruch."

Auch wenn er nicht mehr der einsame Rufer in der Wüste ist, die Behauptung ist keineswegs frei von Koketterie. "Sehen Sie, in der kurzen Geschichte der menschlichen Zivilisation haben wir es uns geleistet, die natürliche Welt völlig zu verändern. Die einzigen Relikte der alten Natur sind eigentlich unsere Körper geblieben. Also war es unausweichlich, dass sich die Grenzen zwischen Mensch und der von ihm geschaffenen Technik immer weiter verwischt und die Technik schließlich eine Invasion in unsere Körper antritt." Und das sei, wie Lem warnt, eine ziemlich entsetzliche Art der Invasion.

So stelle sich die Lage dar, wenn man sie wissenschaftstheoretisch betrachtet. Und konkret, wann wird es möglich sein, das genetische Material zu manipulieren? Auf genaue Zeitangaben möchte er sich keinesfalls einlassen. "Aber irgendwann in der Mitte dieses 21. Jahrhunderts wird das gezielte Ausscheiden bestimmter Gene, die schwere Erbkrankheiten verursachen, möglich sein." In der Gegenwart aber drohten der Menschheit weder die totalitäre Genhölle noch künstliche Genparadiese, dazu seien die natürlichen Vorgänge viel zu komplex, die angewandten Methoden bisher noch viel zu grobschlächtig und plump.

Ein unerwartet zurückhaltendes Urteil für jemanden, der stets durch seine respektlos- himmelstürmerischen Thesen auf sich aufmerksam machte. Doch heute, zu Beginn eines neuen Jahrtausends, argumentiert Lem mit beinahe 80 Jahren, als trage er persönlich die Last der Verantwortung für das, was noch vor einigen Jahren seine mehr oder weniger verrückten Ideen waren und nun tatsächlich zu leben beginnt. In einer für ihn typischen Wendung der Dinge sind es nicht die spektakulären Wunschträume oder Schreckensszenarien einer gentechnischen Zukunft, die ihn bedrücken, sondern die sonst in der Öffentlichkeit kaum beachteten ethischen Konsequenzen der Innovationen.

"Es genügt nicht, eine Entdeckung zu machen", betont er, "man muss auch die moralischen Folgen für die Bevölkerung abschätzen. Wie muss es Eltern mit einem todkranken Kind zu Mute sein, wenn in den Medien behauptet wird, es seien angeblich Behandlungsmethoden entwickelt worden, die baldige Heilung versprechen." Er habe selbst einen solchen Fall im Bekanntenkreis. "Der viel beschworene Eingriff in die Privatsphäre des Menschen kommt doch in Wirklichkeit aus dieser Richtung."

Wo Eitelkeit gewellte Socken trägt

Der Dichter und der technische Fortschritt: Für Lem die Quelle eines zwar fruchtbaren, aber unlösbaren Zwiespaltes zwischen Lust an der reinen Erkenntnis und der Last ihrer praktischen Umsetzung. "Ob wir wollen oder nicht. Die Menschen machen von ihren Entdeckungen gemeinhin schlechten Gebrauch." Indessen könnte man in der Gestalt des schmächtigen Sonderlings aus Krakau durchaus eine Überwindung dieses Dilemmas durch die Macht der Fantasie sehen. Er, der begnadete Spinner, das Genie, das allein durch die spekulative Kraft seines Vorstellungsvermögens auf die ungewöhnlichsten Zusammenhänge kommt und ansonsten über den irdischen Dingen steht.

Das zeigt sich auch schon rein äußerlich: Der Philosoph trägt eine alte Anzughose, einen ausgebeulten Pullunder und irgendein beigefarbenes Hemd. Socken von undefinierbarer Farbe wellen sich über seinen Knöcheln. Er streicht sich nachdenklich das Kinn. "Extra glatt rasiert, für den Fotografen", sagt er und verrät so, dass er allem Anschein zum Trotz auch ein wenig eitel ist.

Aus heutiger Sicht erscheint es als ein einzigartiger Streich, dass ein wissenschaftlicher Outsider auf die fantastische Idee kam, die natürliche Evolution zum Modell technischen Fortschrittes zu machen. Für ihn die naheliegendste Sache der Welt. Ebenso wie die unmittelbar daraus folgende Konsequenz. Technik ist nicht steuerbar. So paradox es klingt. "Die Entwicklung der Technologie ist gewissermaßen ein natürlicher Prozess. Die Technologie ist eine unabhängige Variable der irdischen Zivilisation, deren Verlauf nicht vom Willen des Einzelnen bestimmt wird."

Schon gibt es das Schreckenszenario, das Internet könne zu einem weltumspannenden neuronalen Netzwerk mutieren. "Und das ganze schreckliche Netz ergreift dann die Weltherrschaft", spottet der Alleinunterhalter mit eindrucksvoll rollendem "r". "Ich bitte Sie, an so etwas glaube ich nicht." Derartige Überlegungen seien ihm doch etwas zu billig. Das World Wide Web sei vielleicht eine praktische Sache, seine Skepsis gegenüber dem Netz hat ganz andere, eher konservative Gründe. "Die Verbreitung von Kinderpornografie oder das ganze Hackertum, kleine Bengel, die in die Machtzentralen der Welt eindringen und Krieg spielen wollen. Ich halte diese Entwicklung für ungesund."

Was ihn selbst betrifft, weigert er sich strikt, das Netz zu benutzen. Zur Zeit sei sein Sekretär in Urlaub. Lem deutet zur Tür: "Nebenan ist ein Raum, da gibt es alles: Fax, Modem, Computer, Internet - alles, was Sie wollen. Wenn etwas kommt, lege ich es einfach in den Kasten. Hier in meiner Bibliothek, da habe ich meine heilige Ruhe."

Ein geradezu ketzerisches Verlangen angesichts allgegenwärtiger Informationsflut. Auch darin hat Lem Recht behalten. Die Zahl der Geheimnisse ist freilich nicht kleiner geworden. Denn der Fortschritt der Technik ist ein gewaltiges Experiment mit offenem Ausgang. "Wer sagt, dass er schon alles wüsste, der lügt," sagt der Prophet aus Krakau. "Ich halte Träumen für das Allerbeste."

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