Welt : Stau in der Lagune

Venedigs Canal Grande hat ein Verkehrsproblem – jetzt rückt die Stadt mit modernster Technik an

Paul Kreiner[Rom]

Auf dem Canal Grande ist die Hölle los. Rasende Motorboote, überfüllte Vaporetti – Wasserbusse –, Frachtkähne, Polizei im Einsatz, alle durcheinander. Wellen nagen am Fundament der Palazzi, Gondeln schwanken, alle paar Tage gehen Touristen über Bord. Seit Jahren versucht Venedig, des Chaos Herr zu werden. Verkehrsbeschränkungen wurden erlassen, vom Verwaltungsgericht aufgehoben, von Italiens obersten Richtern wieder zu Gültigkeit gebracht; in den Monaten dazwischen hatte die Stadtverwaltung neue Regeln ausgegeben. Die derzeit Gültige „ist schwer zu verstehen, weil sie nicht für Verkehrsteilnehmer geschrieben ist, sondern damit sie vor Gericht Bestand hat“, sagt Manuele Medoro, Direktor im Amt für Wasserverkehr.

Weil die Stadtverwaltung bis heute nicht weiß, wie viele Boote im Kanalgewirr kreuzen, will sie den Canal Grande jetzt mit „Argos“-Augen überwachen. „Argos“ heißt das neue Sensorsystem zur digitalen Verkehrskontrolle, das für Venedig entwickelt wurde, weil die in anderen Städten üblichen Videokameras auf italienischen Wasserstraßen nicht zulässig sind. „Argos“ darf keine Fahrzeuge oder Kennzeichen filmen; es zählt sie und meldet, wo es eng wird. Zudem registriert „Argos“ Verstöße gegen Tempolimits, die nach Bootskategorien gestaffelt zwischen fünf und elf Stundenkilometern liegen. Anders als die punktuell eingesetzten Radarfallen soll „Argos“ seine Augen immer und überall offen halten. Spuren verdächtiger Boote werden dann wie Stauwarnungen auf die Bildhandys der Polizeistreifen geleitet. Zu den auffälligsten Temposündern bisher gehörten die Kapitäne öffentlicher Verkehrsmittel.

Seit einem Jahr sieht eine Verordnung vor, welche Boote wann auf welchen Kanälen unterwegs sein dürfen. Für Transportkähne gelten „Morgenkorridore“, Mittagspause und Nachtfahrverbot; Gondeln dürfen nicht vor 9 Uhr 30 starten; einzelne Kanäle wurden zu Einbahnstraßen, andere zu „blauen Kanälen“, sie dürfen nur mit Ruderbooten befahren werden.

Trotzdem, sagt Medoro, bleibt der Stau: Der Tourismus im Zentrum verlange beständigen Nachschub an Ware und Abtransport des Mülls; zugleich „müssen in den engen Kanälen der Altstadt die Gondeln fahren können.“ Erschwerend wirkt, dass die Stadtverwaltung dabei gegen die mächtige Lobby des venezianischen Transportgewerbes ankämpft. Viele Firmen, klagt Medoro, fehle der Respekt gegenüber der Stadt. „Sie glauben, sie dürfen machen, was sie wollen.“

Zudem unterliegen, nach fünf Jahren kommissarischer Verwaltung, die Teile der Lagune von Juli an wieder der Zuständigkeit verschiedener Behörden: der Stadt, der Hafen-Kapitanerie, dem Wasseramt. Der Streit darum, wie nahe Ozeanriesen oder Fährschiffe an Markusplatz und Campanile herandürfen, wird sich ausweiten. Die von den schweren Schiffen verursachte Wasserbewegung ist besonders gefährlich für die Pfähle, auf denen die Stadt steht. Andererseits sind die Kreuzfahrtschiffe ein Riesengeschäft: 447 der turmhohen Kolosse legten im vergangenen Jahr in Venedig an; 815 000 Passagiere drängten durch die Stadt, ein Drittel mehr als 2004. Diesem Reichtum, sagt Venedigs Tourismuslobby, dürfe man sich nicht verschließen.

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