Welt : Staudamm-Gegner leben gefährlich

JENS HOLST

Wer in Kolumbien für seine Rechte eintritt, lebt gefährlich. In den letzten Monaten wurden sechs führende Vertreter des Indianervolkes der Embera-Kato ermordet. Paramilitärische Gruppen bedrohen die Menschen, die sich gegen die Inbetriebnahme eines Wasserkraftwerkes im nordkolumbianischen Department Cordoba zur Wehr setzen, zerstören ihre Hütten und Boote oder bringen sie mit gezielten Kopfschüssen um. Auf diese Weise versuchen sie, den Widerstand gegen das Stromprojekt zu brechen. Dabei hatte sogar das oberste Verfassungsgericht des Andenstaates den klagenden Embera-Kato im vorigen November recht gegeben: Betreiber und Staat hätten verfassungswidrig gehandelt, indem sie den Betroffenen das Mitspracherecht vorenthielten. Nun ist die vorgegebene Frist von sechs Monaten abgelaufen, ohne daß die gerichtlichen Auflagen erfüllt sind. Die betroffenen Indianern fürchten jetzt, daß der Stausee jeden Moment geflutet wird.

Das 340 Megawatt-Kraftwerk Urra I am Oberlauf des Sinu-Flusses ist inzwischen fertiggestellt. Gebaut wurde es seit 1994 für knapp 200 Millionen Dollar von einem schwedischen Konsortium unter Federführung von Skanska Cementgjuteriet im Auftrag des nordkolumbianschen Stromlieferanten CORELCA, der 1,2 Millionen Menschen an der Karibikküste mit Strom versorgt. Nach Berechnungen von Experten soll Urra I nach nur einem Jahr Gewinne abwerfen.

Der Stausee wird mit seiner Größe von 7400 Hektar überwiegend Land der Embera-Kato sowie einen Teil des Paramillo-Nationalparks überfluten. Die betroffenen Menschen hat niemand befragt, geschweige denn über die anstehenden Veränderungen unterrichtet. "Wir hatten nie einen Staudamm gesehen und konnten uns gar nicht vorstellen, wie so etwas aussehen würde," erinnert sich ein Indianer-Vetreter in der Gemeinde Tierra Alta in unmittelbarer Nähe der Staumauer. Die Informationen von Seiten der Investoren waren ebenso spärlich wie unverständlich für die Ureinwohner des Gebietes, die zwar reichhaltige Erfahrungen über die schonende Nutzung des Regenwaldes und der Flüsse vorweisen können, den High-Tech-Neuerungen der westlichen Welt jedoch mit Unwissen und Unverständnis gegenüberstehen.

Erschwert wird die Lage in dem Emberagebiet durch den Konflikt zwischen der linken Guerilla "Revolutionäre Streitkräft Kolumbiens" und den rechten Paramilitärs. In den letzten Jahren terrorisieren diese von Offizieren, Großgrundbesitzern, Drogenbossen und lokalen Machthabern unterhaltenen Milizen die Zivilbevölkerung. In dieser Region, wo die Macht aus den Gewehrläufen kommt, zählen Gesetz und Recht kaum. Die Verfassung von 1991 räumt den Ureinwohnern zwar den Anspruch ein, sich in Reservaten zu organisieren und über ihr Land zu verfügen. Doch wenn dieses Land wirtschaftlichen Interessen im Wege steht, werden die Bewohner bedroht, vertrieben und ermordet.

Selbst das Urteil des obersten Verfassungsgerichts scheint kaum das Papier wert zu sein, auf dem es geschrieben ist. Die Richter hatten den Kraftwerksbetreibern die Fertigstellung nur unter der Bedingung erlaubt, daß sie sich mit den Embara-Indianern einvernehmlich auf eine angemessene Entschädigung und Starthilfen bei der Umsiedlung einigen. Das ist bisher nicht geschehen, trotzdem hat CORELCA die Staumauer und Turbinen fertiggebaut. Die Embera-Indianer am Oberlauf des Sinu-Flusses leben überwiegend von Landwirtschaft und Fischfang. Das Staudammprojekt bedroht ihre Lebensgrundlagen. Heftig widersprechen sie den Aussagen von Kraftwerksbetreibern und Regierungsstellen, der Fischfang hätte nach Errichtung der Staumauer deutlich zugenommen. "Seitdem der Fluß für den Bau des Damms umgeleitet wurde, gab es immer weniger Fische," beklagt ein Bewohner. Wenn das Kraftwerk erst einmal in Betrieb genommen wird, drohen am unteren Flußlauf weitere Gefährdungen. Da in Urra I die Turbinen mit Wasser aus den tiefen, nicht belüfteten Schichten angetrieben werden, wird der Sinu mit teilweise giftigen organischen Abfällen belastet, die beim Absterben der Pflanzen auf dem Grund des Stausees entstehen. An Filteranlagen wurde gespart. Die Betroffenen ahnen immer mehr die Konsequenzen des Großprojekts. Doch wer sich gegen das Wasserkraftwerk wehrt, gerät über kurz oder lang in die Schußlinie der Paramilitärs.

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