Welt : Stets war sie mit Deutschland verbunden

Joachim W. Schröder

Ein deutsches Schicksal des 20. Jahrhunderts: Als sich 1932 die Tore des Tegeler Gefängnisses hinter Weltbühnen-Chefredakteur Carl von Ossietzky schlossen, war Rosalindas Kindheit vorbei. In Berlin musste die Tochter des verurteilten "Landesverräters" mit Drangsalierungen rechnen, deshalb wurde sie auf die Odenwaldschule in Hessen geschickt. Als Ossietzky seine Höllenfahrt durch die Konzentrationslager antrat, bestieg die 14-jährige mit Hilfe der Quäker die Fähre nach Dover. 1936, in dem Jahr, in dem ihr Vater den Friedensnobelpreis erhalten sollte, kam sie auf Einladung des Ossietzky-Solidaritätskomitees nach Schweden, wo sie sich fortan niederließ.

Der Tod ihres Vaters an den Folgen der Haft im berüchtigten Emsland-KZ Esterwegen hatte sie schwer getroffen. In Schweden sah sie nach vergeblichen Versuchen, im Theater oder im Journalismus Fuß zu fassen, ihre Berufung in der Sozialarbeit. Sie schuf in Stockholm unter anderem die Institution des "Jourhavande Kurator", das städtische Seelsorge-Telefon. Viele Jahre stand sie mit Hingabe einem Team von fünf Soziapsychologen zur akuten Hilfe vor.

Obwohl sie in Schweden tiefe Wurzeln schlug, blieb sie dem geteilten Deutschland verbunden. Berlin, wo sie am 21. Dezember 1919 geboren worden war, war häufig Ziel ihrer Reisen zum "Kontinent". Hier war sie steter Ehrengast bei der alljährlichen Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille der Liga für Menschenrechte und machte ebenso oft Abstecher nach Ostberlin, wo sie die von ihrer englischen Mutter Maud von Ossietzky nach dem Kriege wieder begründete Weltbühne besuchte. Nächst wichtiger Bezugspunkt in deutschen Landen wurde Oldenburg, wo sie sich mit den jungen Historikern und Politologen traf, die seit den 70er Jahren für die Benennung ihrer Universität nach Ossietzky stritten. Der jungen Oldenburger Universität übergab sie 1981 auch den gesamten Nachlass ihres Vaters. Das war eine wichtige Voraussetzung dafür, dass dort ein Forscherteam Mitte der 90er Jahre die achtbändige Ossietzky-Gesamtausgabe mit vielen neuen Lebenszeugnissen der Familie vorlegen konnte.

Im Dezember 1989 beantragte sie beim Berliner Kammergericht die Wiederaufnahme des Weltbühnenrozesses aus dem Jahre 1931, scheiterte aber ebenso wie in der Berufung beim Bundesgerichtshof. Hier hatte dessen damaliger Vorsitzender Alexander von Stahl eine präjudizierende ablehnende Argumentation geliefert - keine gute Erfahrung der Wahlstockholmerin mit dem wiedervereinigten Deutschland. Dennoch pflegte sie ihre engen Verbindungen nach Berlin und Oldenburg ebenso weiter wie jene zu den jungen Oldenburger Begründern des Forschungszentrums für die Emsland-KZ.

Nach heimtückischer Krankheit starb sie am Dienstag, sechs Wochen nach ihrem 80. Geburtstag, in einem Stockholmer Krankenhaus.

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