Steve Fossett : Der Mann fürs Nochnichtgemachte

Der Abenteurer Steve Fossett bleibt vermisst. Er war ein Suchender nach dem Unmöglichen. Wie anders hätte er die Welt verlassen können?

Kai Müller
Steve Fossett
Grenzgänger: Steve Fossett. -Foto: AFP

Man sagte ihm ein unstetes Wesen nach, eine Sucht nach Bestätigung, Akribie in der Vorbereitung seiner Abenteuer. Und er hielt die wichtigsten Rekorde. Dann brach er zu einem Erkundungsflug auf und blieb verschollen. Als Roald Amundsen 1928 in der Nähe der Bäreninsel mit einem Flugzeug verunglückte, fand man nicht einmal mehr Trümmer.

Dasselbe Schicksal hat nun wohl auch den Amerikaner Steve Fossett ereilt. Seit der 63-Jährige am 3. September mit einem einmotorigen Kleinflugzeug in Nevada aufbrach, gilt er als vermisst. Das unwegsame Gelände wird wochenlang abgesucht, doch weder Signale der in der Maschine eingebauten Notfallbake noch ein in Fossetts Armbanduhr integrierter Sender werden empfangen. Auch Satellitenaufnahmen ergeben bislang keinen Aufschluss über den Verbleib des Mannes, der im Begriff stand, mit einem Raketenauto schneller als der Schall zu fahren und in den Salzwüsten Nevadas auf der Suche nach geeigneten Trainingsstrecken war. Nun ist die Suche abgebrochen worden. In der Wildnis besteht für den 60-fachen Rekordhalter keine Überlebenschance.

Für einen Abenteurer ist das Bett, das Krankenlager, nicht der richtige Ort, um abzutreten. Das verleiht Fossetts mysteriösem Verschwinden etwas von einer heroischen Vollendung. Ihm, dem Höhenflieger und Geschwindigkeitsjunkie, blieb das klägliche Ende eines Menschen erspart, der alt und gebrechlich von der Fürsorge anderer abhängig ist. Trotzdem zeigt es auch die tragische Seite des Steve Fossett, der im Grunde nur ein Spieler war. Seine Leichtfertigkeit, die ihn das Unmögliche, Nochnichtgemachte anpacken ließ, brachte ihn oft in Schwierigkeiten.

Während Amundsen im Geist des heroischen Zeitalters tatsächliches Neuland betrat (Nordwestpassage, Südpol und Nordpol im Luftschiff), bleiben Fossetts Ausflüge ins Unbekannte oft technische Experimente. Auch dass Amundsen, als sein Ehrgeiz nicht mehr die Mittel fand, sie zu verwirklichen, verbittert um seine Reputation kämpfte, ist eine Fossett vollkommen unbekannte sentimentale Anwandlung. Zwar verkörpert auch er die Eitelkeit des Selfmademan, aber nicht den gebrochenen Stolz. Amundsen musste als 58-jährige norwegische Nationallegende miterleben, wie seine Leistungen offen angezweifelt wurden. Sein letzter Aufbruch ähnelte denn auch eher einem Rachefeldzug als einer Hilfsaktion, um den Rivalen und einstigen Gefährten, den verschollenen Luftfahrtpionier Umberto Nobile, ausfindig zu machen.

Fossett geht auf Rekordjagd, weil er es sich leisten kann. Als Milliardär stößt er in Grenzbereiche mit dem Ehrgeiz des Pragmatikers vor, nicht mit der Hingabe des Visionärs. Sein Vermögen baut er als Finanzmakler auf, viele seiner Rekorde bezahlt er aus Börsengewinnen. Und seine Hobbys sind teuer: Er segelt die schnellsten Mehrrumpfjachten, steuert futuristische Flugmaschinen an die Grenze zum Weltraum und in Nonstop-Flügen um den Globus, er besteigt sechs der Seven Summits, der jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente. Er durchschwimmt den Ärmelkanal, nimmt an berühmten Autorennen wie Paris – Dakar oder Le Mans teil. Seine größte Leistung dürfte 2002 die Umrundung der Welt in einem Fesselballon gewesen sein. Fossett verkörpert den Typus des Superreichen, den der Kapitalismus reich gemacht hat und zu Tode langweilt – dem Statussymbole und Luxusobjekte nicht mehr genügen. Das Guinness-Buch wird sein Parkett. Selbst als Rekordhalter ist er Rekordhalter: 116 Mal setzte er eine Bestmarke.

Fossett ist der Tatmensch schlechthin. Er stellt das Leistungscredo seiner Zeit in Reinkultur dar. Vielleicht wird man ihn irgendwann als etwas ulkige Erscheinung betrachten, die sich neuen Zielen mit der Rastlosigkeit eines Borderliners zuwandte. Jedesmal geht es um persönliche Erfüllung, um das ,ganz große Ding’. Den Hippie- Traum der inneren Befriedigung setzt er mit den Gerätschaften der Zukunftstechnologie um. Doch wie viel Wert besitzt das für ihn selbst, wenn, kaum dass eine Sache geschafft ist, wieder neue Herausforderungen gefunden, technische Apparaturen entworfen werden und die Vita um eine abstrakte Bestmarke erweitert wird? Abenteurer früherer Epochen haben immer kollektive Träume erfüllt. Fossetts Leistungsgier ist eine einsame Disziplin. Oft ist schwer zu vermitteln, für wen, außer für ihn selbst, er das Risiko auf sich nimmt.

Dabei ist Fossett kein Hasardeur. Die Gefahr auf seinen Trips ist stets kalkulierbar. Trotzdem laufen die Dinge zuweilen furchtbar aus dem Ruder. Wie bei jenem Absturz 1998, als sein Ballon nach einem Gewitter aus acht Kilometern Höhe in den Pazifik stürzt. Nach einer Notlandung marschierte er einmal 30 Meilen zu Fuß in die zivilisierte Welt zurück.

Seine Ziellosigkeit unterscheidet Fossett von der literarischen Figur eines „Aviators“ wie Howard Hughes. Ihn scheint der Weg nicht zu interessieren, der ihn zum Erfolg bringt. Sein Streben gerinnt nicht zum Stoff von Erzählungen, in denen andere Menschen sich selbst erkennen können. Es zählen nur Resultate.

Zyniker meinen deshalb, Fossett wolle jetzt einen neuen Rekord als am längsten vermisster Mensch der Welt aufstellen. Aber die Ursache dürfte profaner sein: ein simpler Unfall. Der Versuch, die Lichtgeschwindigkeit zu durchbrechen, ist ihm dabei vielleicht geglückt.

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