Welt : Störton: Nervtötende Basstöne

Rainer W. During

"Es ist mit Sicherheit nicht ein bestimmtes Phänomen, es sind die verschiedensten Ursachen", sagt Dr. Joachim Feldmann vom Institut für technische Akustik der Technischen Universität Berlin. Zahlreiche Wissenschaftler haben sich mit den nur auf den ersten Blick geheimnisvollen Brummtönen beschäftigt, die vielen Menschen oft mehr als nur den Schlaf rauben. Wie berichtet, haben die Klagen vieler Menschen dazu geführt, dass sich die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz sowie die baden-württembergische Landesregierung entschieden haben, das Phänomen untersuchen zu lassen.

In den meisten Fällen fanden sich bislang nach Angaben Feldmanns ganz logische Erklärungen. Oft handelt es sich nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler um eine Kombination zweier Schallformen. Der von einer Quelle ausgehende Körperschall pflanzt sich beispielsweise durch Rohrleitungen oder den Boden selbst über zum Teil weite Strecken fort. Überträgt sich die Vibration so auf die Mauern eines Hauses, kann durch die Abstrahlung von den Wänden eines Zimmers sekundärer Luftschall entstehen. Weil die tiefen Frequenzen nicht zu orten sind, haben die Betroffenen oft den Eindruck, das Brummen käme von überall.

Erster Todesfall

Häufig wird der tieffrequente Schall erst nach Wochen wahrgenommen und nach Monaten als unerträglich empfunden, so der Physiker Herbert Findeis. "Die Leute reagieren entnervt und aggressiv". In Potsdam hat das Brummen der Entlüftungsanlage eines Hochhauses vor Jahren eine ältere Frau in den Selbstmord getrieben, berichtet Findeis vom einzigen ihm bekannten Todesfall.

Der Physiker hat beim städtischen Hygieneinstitut und später beim Landesumweltamt hunderte von Eingaben bearbeitete. In der DDR hätten oft die technischen Elemente gefehlt, um den von Gebäudetechnik wie Ventilatoren und Heizungsumlaufpumpen ausgehenden, niederfrequenten Körperschall zu unterbinden, sagt der Experte. Dennoch habe man in vielen Fällen Abhilfe erzielen können. In Rathenow brachte ein großer Kompressor in den Optischen Werken die Menschen in einem 200 Meter entfernten Wohnhaus zur Verzweiflung. Der Fall macht deutlich, wie unterschiedlich sich die Schallwellen ausbreiten.

Während das Kind einer Familie in seinem in der Zimmerecke stehenden Bettchen nicht zur Ruhe kam, schlief es in dem in der Mitte des Raumes stehenden Bett der Eltern problemlos ein. Fast eine "Revolution" unter den Anwohnern löste in Oranienburg die Staubabsauganlage eines Entrostungsbetriebes aus.

Der zehn Meter hohe Schornstein wirkte wie eine Orgelpfeife und erzeuge einen Brummton, dass selbst Findeis "ganz mulmig" wurde. Wolfgang Moll, Inhaber eines Berliner Akustik-Ingenieurbüros, musste in einem Zehlendorfer Einfamilienhaus passen. Die Ursache des kaum zu hörenden Brummtons, der die Bewohner nervte, konnte er nicht ermitteln. Erst später, als die Betroffenen eine Unterbrechung des Geräusches meldeten, fand man heraus, dass zeitgleich der Trafo in einem gut einen Kilometer entfernten Umspannwerk der Bewag ausgefallen war.

Joachim Feldmann kann sich an einen Fall aus seiner Praxis erinnern, wo die Menschen in einem Haus wegen der ständigen Vibration bereits in der Hängematte schliefen. Als Quelle wurde ein unter dem Gebäude verlaufendes, großes Wasserrohr ermittelt, das zu einem nahen Pumpwerk führte. Doch auch Naturphänomene können die Brummtöne auslösen.

So erzeugen ausgeprägte Berggrate durch Wirbelablösungen tieffrequente Luftdruckschwankungen, wenn der Wind aus einer bestimmten Richtung weht. Auch Windkraftgeneratoren gelten nach neuesten Erkenntnissen als mögliche Infraschall-Quellen.

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