Welt : Stolz in Lederhosen

Thomas Sell
Ausseer Vorzeigemodell. Foto: promo
Ausseer Vorzeigemodell. Foto: promo

Genau in der Mitte Österreichs gibt es keinen Trachtenverein. Das bedarf einer Erklärung: Der geografische Mittelpunkt Österreichs liegt in Bad Aussee, ein „Mittelpunktstein“ im Stadtkurpark weist darauf hin. Das war die einfache Hälfte der Erklärung. In Bad Aussee mit seinen knapp 5000 Einwohnern gibt es zehn Bekleidungsgeschäfte, acht davon verkaufen Trachten. Rund 20 Handwerksbetriebe – darunter Silber- und Goldschmiede, Gerber und Handdrucker – leben direkt von der Trachtenherstellung. Und einen Trachtenverein gibt es nicht? „Nein, den brauchen wir nicht“, sagt Georg Haselnus. „Für uns sind Trachten Alltagskleidung, die legen wir nicht nur zu Festtagen an“, sagt der Mann, der jedoch recht gut von Festtagskleidung lebt. Jedenfalls trägt man die kostspieligen Maßanfertigungen der renommierten Firma Haselnus nicht alle Tage.

Als „Europas größte Trachteninsel“ bezeichnen die Ausseer ihre Region, aber allein von Trachten leben können die Menschen hier dann doch nicht. Haupterwerb ist der Fremdenverkehr. Nicht zuletzt bei Wienern ist die Gegend beliebt als Sommerfrische: Auf zwei feste kommt ein Zweitwohnsitz, im Luftkurort Altaussee tendiert dieses Verhältnis sogar schon in Richtung halbe-halbe. Die Landschaft lässt sich nur als „lieblich“ bezeichnen, ein See ist nie weit entfernt. Neben dem großen Grundlsee, dem berühmten Toplitzsee (angeblich mit dem „Nazigold“ auf dem Grund) und dem Altaussee könnte man leicht den kleinen Ödensee übersehen, was schade wäre. Er ist ein feines Badegewässer, da er flacher ist als die anderen: Sein klares Wasser erwärmt sich im Sommer schneller.

Apropos warm werden: Die Einheimischen sind keineswegs so knurrig und ablehnend Touristen gegenüber, wie ihnen ab und zu nachgesagt wird. Nur eines können sie wirklich nicht vertragen: Wenn Fremde ihre Trachten tragen. Schließlich haben der „Steirer-Kittel“ (Dirndl) und der Steirer-Anzug viel zu tun mit der regionalen Identität, mit Heimatverbundenheit. Trotz einer Tracht erkenne man aber gleich den Fremden, sagt man. Weil der immer übertreibe mit dem Zierrat, weil die Trachten selten getragen seien und wenig Gebrauchsspuren aufwiesen. Für die Unterscheidung greift man auf einen Begriff zurück, den die einen dem Dada-Dichter aus Wien, Ernst Jandl, zuschreiben, die anderen wollen ihn beim einheimischen Krimiautor Alfred Komarek gelesen haben. Da sind einmal die „Einheimischen“; und die Sommerfrischler, die’s so übertreiben mit den Trachten, das sind die „Zweiheimischen“.

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