Welt : Straßenkinder in Moskau: Hundert Rubel von Onkel Dima

Elke Windisch

Zum Schreien fehlt dem Opfer längst die Kraft. Nur noch Wimmern kommt aus dem zuckenden Kindermund, den die Kamera ebenso genüsslich einfängt wie die vor Schmerz weit aufgerissenen Augen und die fingerdicken Striemen auf dem nackten Po. Die Szene wurde in Moskau gedreht, der Junge ist gerade vierzehn.

"Eltern, sperrt eure Kinder weg", hatte das russische Staatsfernsehens gewarnt, als es die Reportage über den Pornoring "Blaue Orchidee" ankündigte. Um sicher zu gehen, wurde der Film erst kurz vor Mitternacht ausgestrahlt.

Die "Blaue Orchidee" war Anfang Februar aufgeflogen; die Ermittler stellten neben professioneller Kamera-, Schnitt- und Kopiertechnik sowie einer weltumspannenden Kundenkartei rund 10 000 Videokassetten, CD-Roms, jede Menge Fotos und die Requisiten für den Dreh sicher. Die Bandbreite der Perversitäten ließ selbst den an Grausamkeiten gewöhnten Fahndern den Atem stocken: Stachelhalsbänder, Maulkörbe und Zaumzeug, wie es zum Zureiten von jungen Pferden verwendet wird. Im Film waren diese Accessoires zum Großteil die einzige Bekleidung der Jungen. "Bestrafung der kleinen Diebe" hatten die Autoren eines ihrer Machwerke genannt, in dem die Opfer mit einer geflochtenen Lederpeitsche geschlagen werden.

Im "Finale" sollte offenbar noch eins draufgesetzt werden. Storyboards - Zeichnungen, wie sie gewöhnlich beim Drehen von Spielfilmen angefertigt werden - beweisen, dass zwei der Jungen am Ende des Films sterben sollten. Ob die Szenen wirklich abgedreht wurden, weiß die Polizei bis heute nicht: Die Akteure von harten Pornos sind ausschließlich Straßenkids, nach denen niemand sucht.

Zeitweilige Versorgungslücken

Die Metrostation "Kurskaja", dort, wo die Pornofilmer ihre Darsteller finden. Acht Jungen dösen im feuchtwarmen Dunst des Bahnhofs vor sich hin. Der älteste ist 15, der jüngste behauptet, er sei neun. Gegenüber versucht eine Rentnerin, gelesene Zeitungen zum halben Preis ein zweites Mal zu verkaufen, an einem Ende des Durchgangs malträtiert ein blinder Musiker seine Geige, am anderen Ende hockt ein ehemaliger Tschetschenienkämpfer, von dessen Beinen nur noch die Stümpfe übrig sind. Die Misshandlungen saufender Eltern aber sind nicht sichtbar; auf dem Jahrmarkt des Elends können die Kinder nicht konkurrieren. In der Bettelmütze des elfjährigen Ljowa landen daher nur ein paar Zehn-Kopeken-Stücke. "Schade", sagt Ljowa, dass Onkel Dima nicht mehr vorbeikommt. Der hat uns richtige Arbeit angeboten."

Hundert, im besten Fall 300 Rubel pro Drehtag - umgerechnet 7 Mark 50 bis 23 Mark - zahlte Porno-König Dmitrij Kusnezow seinen minderjährigen Sex-Protagonisten, je nach "Schwierigkeitsgrad" der Darstellung, also Härte der Folter. Die Regisseure dagegen strichen pro im Westen abgesetzter Kassette 300 Dollar ein. Der Bedarf war so groß, dass der Chef der "Blauen Orchidee", Wsewolod Solnzew-Elbe, seine Klientel schon mal per Internet aufforderte, zeitweilige Versorgungslücken mit eigenen Amateurvideos zu schließen. Die Mühen sollten mit Rabatten bei künftigen Geschäften abgegolten werden.

Die Ermittler rätseln momentan, wer die Geschäftsidee für die "Blaue Orchidee" hatte: Solnzew-Elbe, der nicht einmal die Grundschule schaffte, oder sein Marketing-Assistent, der, bis die Sache aufflog, Referent einer kommunistischen Duma-Abgeordneten war. Gegen Solnzew-Elbe, seine Kumpanen und die Kunden der "Blauen Orchidee" wurden inzwischen insgesamt 64 Strafverfahren in 24 Staaten eingeleitet. Die Website des Pornorings gibt es nicht mehr; sie wurde allerdings schon durch ein Dutzend neuer Angebote ersetzt, manche davon sind mit russischer Trikolore und Doppeladler verziert. Die Begleittexte dagegen - Kurzbeschreibung der Ware nebst Foto und Kontaktadressen - sind englisch. Moskau produziert für den internationalen Markt.

"Russland", befürchtet der Moskauer Sonderermittler Eduard Palatik, "ist auf dem besten Weg, das neue Eldorado für pädophile Sextouristen der westlichen Hemisphäre zu werden." Ähnlich sieht es auch sein Kollege Vincenzo Bracco von der römischen Polizei, die die Schmuddelseiten im Internet seit langem beobachtet. "Aus Russland", sagte Bracco im russischen Staatsfernsehen, "kommen inzwischen die mit Abstand sadistischsten Kinder-Pornos weltweit." Die, und das fand Bracco besonders alarmierend, werden außerdem mit immer jüngeren Darstellern gedreht.

"Gerade die Kleinsten", sagt Arkadij Mamontow, "tun es oft schon für Essen und eine Nacht im warmen Bett. Einer wollte nur ein Eis." Mamontow, der einzige Journalist, der bei der Katastrophe der "Kursk" live vor Ort berichten durfte, hatte sich für seine Reportage über Kinderpornos als Freier ausgegeben und mit versteckter Kamera gefilmt. Vor allem hielt er Szenen vom Fußgänger-Labyrinth unter dem Puschkin-Platz mitten im Zentrum von Moskau fest. Der Ort gilt in der Szene als Geheimtipp; dort vermittelt "Mamma Maria", eine 14-jährige Zuhälterin, Knaben, die noch erheblich jünger sind als sie selbst. "Die Göre hatte ein Vokabular drauf ..." Mamontow stockt und wird bis über beide Ohren rot: "Also, Zoten beim Militär sind dagegen absolut harmlos."

Ein Bagatelldelikt

Seltsames Russland. Moskaus Vogelmarkt, wo illegal importierte Makaken und seltene Papageienarten in der russischen Kälte zittern, soll aufs freie Feld hinter dem Autobahnring verbannt werden, weil Tierschützer die Schließung fordern. Der Babystrich dagegen, 800 Meter vom Kreml entfernt, regt niemanden auf. CD-Roms mit Kinder-Softpornos sind auf dem russischen Markt schon für 100 Rubel zu haben. Das Angebot drücke die Preise, sagt Fahnder Palatik. Vor vier Jahren waren seiner Truppe bei einer Razzia in einem Moskauer Vorort nur wenige Fälle bekannt geworden; bei der jüngsten Überprüfung waren es schon mehrere Hundert. Die lokalen Behörden schweigen und kassieren mit. Jedes Kind, sagt Palatik, bringe zu den Verabredungen oft zwei weitere mit. Kneifen gilt als uncool.

Offenbar auch bei der Mutter der achtjährigen Anja. Zu Hause und brav gekleidet in Röckchen und Strumpfhosen, zeigte Anja der Korrespondentin eines französischen Fernsehsenders Posen, die "Onkel Igor", der Fotograf, zweimal monatlich im Studio "mit unten ohne" ablichtet. "Schaden soll ihr das?", fragte die Mutter die entsetzte Korrespondentin ungläubig. "I wo, im Gegenteil. Dem Kind wird dort sehr viel Aufmerksamkeit zuteil. Das stärkt das Selbstwertgefühl." Das Geld, gab sie dann allerdings zu, sei natürlich auch nicht zu verachten.

Der Vater eines missbrauchten Jungen drohte, nachdem er dessen Fotos im Internet entdeckt hatte, dem Webmaster per E-mail immerhin mit einer Anzeige. Jedoch nicht, weil er die Aufnahmen anstößig fand, sondern wegen "Vorenthaltung meines Anteils an den Erlösen".

Missbrauch von Kindern gilt in Russland als Bagatelldelikt. Das in Teilen noch aus der Sowjetzeit stammende Strafgesetzbuch unterscheidet nicht, ob Kinder oder Erwachsene sich für Sex-Videos hergaben; Kinderschänder kommen mit höchstens zwei Jahren Haft davon, wobei die Gerichte die Untersuchungshaft anrechnen und den Rest meist in Bewährung umwandeln. Und wenn sie das einmal nicht tun, gibt es ja immer mal wieder eine Amnestie, die die überfüllten Knäste leerfegt, wie letztes Jahr zu Ehren des 55. Jahrestages des Sieges über den Faschismus. "Unsere 20 Millionen Kriegstoten würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüssten, welche Sauereien das neue Russland in ihrem Namen begeht", sagt ein Fahnder, der seinen Namen nicht nennen will.

Auch mit Jugendschutz-Verordnungen ist den Delinquenten nicht mehr beizukommen. Vor drei Jahren hat die Duma Änderungen zu Artikel 134 des Strafgesetzbuchs beschlossen, der bis dato sexuelle Handlungen an Kindern unter 16 unter Strafe stellte. Der neue Paragraph bezieht sich nur noch auf Kinder unter 14. Gegen die Vorlage stimmte als Einziger ein Volksvertreter aus der Jabloko-Fraktion. "Unsere Wähler", sagte dagegen der Abgeordnete der damaligen Regierungspartei "Unser Haus Russland", als er im Plenum die Änderung begründete, "werden uns nicht verzeihen, wenn wir die Annahme dieses wichtigen und nützlichen Gesetzes weiter verschieben."

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